Vortrag / Rede Westdeutscher Rundfunk, WDR

Termin
1985

Veranstaltungsort
Köln, Deutschland

Veranstalter
Westdeutscher Rundfunk

Der Kulturkritiker als Engelmacher.

Text

Der Kulturkritiker als Engelmacher.

In der öffentlichen Diskussion wie in den Fachöffentlichkeiten kursieren Begriffe als kritische Größen, deren Verwendungshäufigkeit fast durchweg als Bestätigung ihrer Aussagekraft gewertet wird. Zu diesen Begriffen gehören etwa folgende: das Medium ist die Botschaft; elektronische Totalsimulation; Fernsehanalphabetismus. Jüngst baute die Kulturkritik diese Schlagworte zu einem systematischen Konstrukt unter dem Namen »wir amüsieren uns zu Tode« aus.
Bemerkenswert ist, daß zumindest in der Bundesrepublik gerade diejenigen gesellschaftlichen Kräfte solche Kulturkritik verbreiten, die zugleich behaupten, daß nur eine entscheidende Erweiterung des Medienmarktes die freie Entfaltung der Bürger garantiere. Läßt sich auf diesen Widerspruch anders als mit den bekannten Retourkutschen antworten, daß die Alphabeten zwar auf die Glotze schimpfen, dennoch aber allabendlich vor ihr hocken?

1. These:
Zu keiner historisch identifizierbaren Zeit ist die Sensibilisierung der breiten Bevölkerung für die Problematik der technischen Evolution, der Umweltzerstörung, von sozialen Konflikten, der Rüstungsspirale, der apparativen Medizin größer gewesen als heute. McLuhan selbst, der die Formel »das Medium ist die Botschaft« entwickelte, hat den Zusammenhang von Sensibilisierung der Bevölkerung und Medienexpansion an vielen Beispielen (unter anderem am Widerstand gegen den Vietnamkrieg) dargestellt. Auf keinen Fall führt der beschworene Analphabetismus der Fernsehkonsumenten heute zu größeren Dummheiten, als sie der hochgerühmte Alphabetismus klassisch gebildeter und erzogener Mitteleuropäer zu Anfang unseres Jahrhunderts produzierte. Was etwa die Bildungseliten Westeuropas zu Beginn und während des Ersten Weltkrieges an Aussagen über Gott und die Welt produzierten, durchschaut selbst der durchschnittliche Fernsehkonsument als unerklärlichen Schwachsinn. Der Vorwurf des Fernsehanalphabetismus geht über die Tatsachen hinweg, daß die Kulturtechniken im elektronischen Zeitalter andere sind und andere sein müssen als zum Zeitalter der Buchkultur. Diese neuen Kulturtechniken sind durch den Wandel von Wahrnehmungs- und Aneignungsformen notwendig.

2. These:
Die Fernsehästhetik, die in erster Linie Rezeptions- und nicht Produktionsästhetik ist, hat zu einer Steigerung der durchschnittlichen Fähigkeit der Bevölkerung geführt, auch in Bildern reflexiv zu denken. Der Primat des Wortes in kommunikativen Beziehungen ist in der Tat aufgehoben: das bedeutet aber keineswegs eine Verringerung der Fähigkeit zu kognitiven Leistungen. Aufgrund der natürlich gegebenen Funktionsweisen unseres Weltbildapparates ist es ohne weiteres möglich, in Bildern und unter Ausbildung von Grammatiken der Bildsprachen höchsten Anforderungen an unser Urteilsvermögen zu genügen.

3. These:
Es ist üblich zu behaupten, daß der Fernsehkonsument nicht in der Lage sei, den Wirklichkeitsanspruch der elektronischen Bilderflut richtig, also kritisch, einzuschätzen. Die Bildwelt habe sich verselbständigt; ihr entsprächen keine Gegebenheiten in der realen Welt; die Zeichen seien abgekoppelt von dem, was sie sinnvollerweise bezeichnen sollten. Solche totale Simulation einer Bildwelt, die nur in unseren Köpfen existiere, führe zum Wirklichkeitsverlust, dessen Auswirkungen als sozialer Autismus das gesellschaftliche Gefüge aufweiche, ja schließlich auflöse. Solche Urteile sind als ohnmächtige Abwehrgesten zu erkennen. Sie gleichen etwa unseren instinktiven Abwehrreaktionen gegen solche Erscheinungen der Wirklichkeit, die wir mit unseren natürlichen Wahrnehmungsorganen nicht mehr unmittelbar zu identifizieren vermögen.

Wie man aber gelernt hat, die nicht auf natürliche Weise wahrnehmbaren Radiowellen, radioaktiven Strahlungen etc. dennoch als >wirkliche< Bestandteile unserer Lebenswelt in Rechnung zu stellen, so wird man auch lernen, Bildsimulationen über entsprechende Vermittlung nur als eine andere Erscheinungsform der einen Wirklichkeit zu identifizieren; denn wirklich und nicht bloß traumhaft phantastisch oder psychopathisch entstellt sind ja jene Bedingungen des menschlichen Lebens, auf die wir gerade keinen Einfluß haben.
Diese Dimension unseres Lebensvollzuges wurde bisher im hypothetischen Konstrukt eines göttlichen Weltenlenkers oder des Schicksals angesprochen. Dem Konstrukt des weItenlenkenden Gottes versucht man auf der Ebene menschlicher Vorstellungen und Gedanken etwa durch die Ausbildung des Paradies-topos zu entsprechen. Der totalen Simulation von Bildweiten im elektronischen Zeitalter kommt heute die gleiche Bedeutung zu, wie sie zum Beispiel im Mittelalter »das himmlische Jerusalem« für die Laien- und wissenschaftliche Theologie hatte.
In Frage steht nun, was wir gegenwärtig als >wirklich

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.