Abschnitt, beginnend auf Seite 8-9 im Original

Ekstase des Blicks

Barock als jesuitische Gegenreformation

Text

Mit dem Bau der Kirche Il Gesu im Rom der 1540er Jahre formieren sich die Jesuiten als Gegenbewegung zur lutherischen Reformation. Der protestantischen Opferpathetik, abgeleitet vom Kreuzestod Jesu, stellen sie die Siegerpathetik der erneut triumphierenden Kirche gegenüber. Die Dramatik dieser Konfrontation zeigt sich am deutlichsten in der Entgegensetzung von Individualität und Kollektivität oder von Individuen als Autoren, Künstlern und Wissenschaftlern gegen die Repräsentanten der kulturellen Institutionen, in deren Zentrum die katholische Kirche mit dem Konzept der Einheit der Welt im christlichen Glauben stand.

Kaum hatten sich die Künstler aus der Bevormundung der Kirche zur Autonomie aus Selbstbehauptung emanzipiert, sollten sie nach Meinung der Gegenreformation einsehen, dass sie im Dienste der Kultur und ihrer unvergleichlich größeren Macht mehr wirken könnten als in ihren kleinen Bodegen oder selbst fürstlich ausgestatteten Ateliers. Denn die Fürsten wollten nur ihrem eigenen Ruhme als großen Männern der Geschichte Geltung verschaffen, die Kirche aber ziele auf das Heil der Menschheit ab. Daran als Künstler und Wissenschaftler, also als höchst befähigte Individuen mitzuwirken, versprach eine größere Belohnung als der bloße Wettbewerb unter Meistern.

Die Jesuiten boten ein raffiniertes Konzept der Vermittlung von Individualität und Kollektivität in der Stellung des einzelnen Mitglieds zum Orden. Der einzelne Jesuit war weitgehend autonom in der Entscheidung über Strategien und Mittel zum Erreichen der Ziele der Gemeinschaft, die allerdings durch den Gründer Ignatius ein für alle Mal festgelegt worden waren. Daraus leitete sich schon bald der Verdacht gegen die Jesuiten ab, als Geheimagenten der Kirchenherrschaft zu agieren. Entsprechend entwickelte sich eine Gegnerschaft gegen die Jesuiten, die über Jahrhunderte anhielt.
Gestählt durch die ausdauernde Einübung in die Selbstbeherrschung nach den Regeln des Ignatius entwickelten die Gotteskrieger in Verhalten und schöpferischer Kraft jenen Ausdruck von Siegesgewissheit, die den Barock prägen. Nach naivem Verständnis scheinen sich Askese und Sinnlichkeit, Einübung in Pflichtprogramme und Überschwang des Gefühls auszuschließen. Wegen dieser vermeintlichen Unvereinbarkeit wurde der Begriff „barock“ als Schimpfwort eingeführt, im Sinne von schwülstig, übertrieben, unkontrolliert.

Die Opferpathetik der Lutheraner war umso überzeugender, als sich einige katholische Orden auch um das Ziel „weniger ist mehr“, Gottgefälligkeit durch Anspruchslosigkeit, Demut und Gehorsam bemühten. Heutzutage wird dieser Anspruch auf weltlicher Ebene durch die Formstrenge des Bauhaus repräsentiert: Einfachheit und Klarheit = Wahrheit.

Nach den religiösen Auseinandersetzungen und ihren unübersehbaren, katastrophalen, weil Stadt und Land zerstörenden Folgen (erster Höhepunkt die Bauernkriege 1522ff., 2. Höhepunkt die Abschlachtung der Protestanten in Paris 1571ff., 3. Höhepunkt die totale Verheerung des 30-jährigen Krieges 1618ff.) sehnten sich die Zeitgenossen nach der Fülle des Lebens, wie sie paradiesische Natur oder menschliche Hinwendung in Freude und Lebensgenuss bieten. Die Energien für solche Befreiung aus dem Elend der Kriege und sozialen Verwüstungen lieferten die biblischen und theologischen Erzählungen. Aber der Hoffnungsglanz und die erwartbare Erfüllung der Lebensanstrengungen musste als irdischer Vorschein des Paradieses realisiert werden. Die protestantische Verweltlichung des versprochenen Heils hat insofern auch die Psychodynamik der Katholiken tangiert.

In jedem Augenblick des Genusses erfüllten sich Programme kirchlicher und weltlicher Baukunst, bürgerlicher oder adeliger Verhaltensweisen, privater oder öffentlicher Vorträge, literarischer Visionen und musikalischer Kompositionen. Sie blieben aber weiterhin gleichzeitig Verweise auf den Glanz himmlischer Sphären, die naturgemäß erst nach dem Tode erfahrbar sein würden.
Erfolgreichstes Medium des Genusses wurde das Sehen, das in der „schönen Aussicht“ oder im „Belvedere“, in der malerischen Vedute bis hin zum Panorama der ausgemalten Barocksäle oder in musikalischen Illustrationen die Betrachter und Hörer bezauberte.

Schlussendlich kennzeichnet der Stilbegriff „Barock“ die alles umfassende Dynamisierung der Lebenskraft bis zur Ekstase. Es ist zwar übertrieben wie die barocke Gestik selbst, aber immerhin gerechtfertigt, diesen Zustand mit der Wirkung von Rauschmitteln zu vergleichen. Wie alle zunächst stimulierenden Gewohnheiten sich langsam abschwächen, reduzierten sich auch die großen barocken Gesten des Einverständnisses mit Welt und Walten zu überfeinerten und damenhaft zarten Andeutungen im Rokoko. Man kann nicht ständig im Hochgefühl der Offenbarungssehnsucht und der Wunscherfüllung leistungsfähig bleiben und begrüßt erleichtert wieder Klarheit, Formenstrenge und Stille nach dem Sturm im Klassizismus.

Textverwandtschaften

1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026

Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.