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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 270 im Original

III.9 Rettung aus höchster Not: Das Floß der Medusa und die Odyssee

Das merkwürdig disproportionale Segel am Mast verweist auf das Floß der Medusa, das wir in Gestalt eines theoretischen Objekts im Theoriegelände unseren Besuchern präsentieren. Dieser Mast rekurriert auf die Homer’sche „Odyssee“ und die Bedeutung des Epos für die Entwicklung europäischen Selbstverständnisses und den Heroismus von Tatmenschen, wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im berühmten Odysseus-Kapitel ihrer „Dialektik der Aufklärung“ umschreiben. (8) In der „Odyssee“ wird geschildert, wie eines Tages der unter größten Anstrengungen heimwärts navigierende Odysseus die Reize des Wohllebens vernimmt. Er wird bedrängt von Verlockungen durch Frauen und Waren. Aber er ahnt, daß es für ihn und seine Mannschaft das Ende bedeuten würde, wenn sie dieser Verlockung nachgäben. Er verteilt Ohropax, um diese schwachen Menschen vor der Verführung, also dem Propaganda-Gesang der Reklame und des Konsums, zu schützen. (9) Er selbst läßt sich an den Mast des Schiffes binden und lauscht den betörenden Gesängen der Sirenen. Odysseus ist damit der erste Selbstfesselungskünstler, also der erste Mann des Abendlandes, der die Beherrschung der Natur an sich selbst demonstriert. Er hindert sich durch Selbstfesselung daran, den Impulsen des Triebes und des Verlangens nachzugeben. Der Gewinn dieses Umgangs mit sich selbst ist ein zivilisatorisches Modell: Nicht direkte Reaktion auf Reize, sondern Sublimation, Aufschub und Ersatz durch kulturell bedeutsame Taten bilden die Orientierungsziele eines zivilisierten Menschen.

Mehrere Episoden der „Odyssee“ sind dieser Verpflichtung zur Zivilisierung der Menschen gewidmet. Eine der berühmtesten ist die Kirke-Episode. Als der Besatzung des Schiffes das Trinkwasser ausgeht, begeben sie sich aus schlichter Not an Land und treffen auf die Landesherrin Kirke. Diese fühlt sich gerade einsam und versucht, den Helden in ihren Bann zu ziehen. Odysseus will unbedingt weiter nach Ithaka, doch Kirke verhindert das, indem sie seine Männer in Schweine verwandelt. Seiner Seeleute beraubt, kann er als Kapitän allein nicht fliehen. Er muß viele Jahre lang Liebesdienste verrichten, bis Kirke ein Einsehen hat. Er ruft seine in Schweine verwandelte Mannschaft auf, sich in Menschen zurückzuverwandeln. Doch sie weisen ihn zurück mit dem Hinweis darauf, daß ein Schweinedasein viel lustvoller sei als das mühevolle Menschendasein. (10) Diese Urerfahrung der Europäer ist heute erneut von großem Interesse: Die Deutschen weigern sich, aus ihren Sesseln herauszukommen und sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Stattdessen sagen sie sich: Wir leben in einem überaus angenehmen Zustand. Keine Ideologie, keine Religion, kein Gedicht stellt mehr eine Zumutung dar, da sie schlicht nicht mehr wahrgenommen werden. So leben auch wir in Saus und Braus, anstatt uns in Menschen zurückzuverwandeln. Das konsumeristische Leben mit Sozialversicherungsgarantie ist einfach viel schöner als jede Anstrengung im Kulturkampf. Es ist viel angenehmer, sich als Konsumschwein zu suhlen und das „säuische Behagen an der Kultur“ zu genießen, als Unbehagen an der Kultur zu entwickeln, also kritikfähig zu werden, vor allem aber kritikfähig gegen sich selbst.

Betrachtet man das Floß mit dem auffälligen Segel, so verweist es uns auf eine weitere europäische Urerfahrung: das Erleiden des Schiffbruchs. (11) Théodore Géricault malte 1818 in Paris das berühmte Gemälde „Floß der Medusa“. Dabei bezog er sich auf eine konkrete historische Erfahrung seiner Zeit. Die Fregatte „Medusa“ war ein Festungsschiff, das gebaut wurde, als sich die Franzosen nach der Schlacht von Waterloo (1815) der neu eröffneten Konkurrenz durch die Engländer stellen mußten, um eine zweite Seeblockade zu verhindern. Die „Medusa“ galt als uneinnehmbares und unsinkbares Schiff. Der Inbegriff der damals erreichbaren Leistungsfähigkeit im Schiffsbau lief jedoch unerwartet auf Grund. Auf einem Floß aber, das aus wenigen zusammengeflickten Brettern mit einem aus Hemden gefügten Segel bestand, erreichte schließlich immerhin noch ein Dutzend Männer rettendes Land. Die Seeleute retteten sich also vom vermeintlich unsinkbaren Schiff auf ein vermeintlich höchst zerbrechliches Provisorium, dem sie schließlich ihr Leben verdankten.

Die Erfahrung, daß locker gefügte Flöße länger halten als unsinkbare Schiffe, provozierte mit dem Beginn der industriellen Revolution eine Umstellung auf allen Ebenen – vom Schlachtfeld bis zum Haushalt. Es galt, das Prinzip loser Kopplungen und gelenkiger Verknüpfungen zu finden, anstatt sich der Starrheit panzerfester Fügungen sorglos anzuvertrauen. Sich zu ducken und dem Gelände anzupassen, entwickelte sich zu dem intelligenteren soldatischen Verhalten, als in massierter Großartigkeit und mit Imponiergehabe den Feind beeindrucken zu wollen.

Man lernte durch Faszination an der Archäologie, das Fragment zu schätzen, welches die Zerstörungsmacht der Zeit überlebte, und beobachtete, daß angeschlagene Sammeltassen allein schon wegen sorgsamer Behandlung robuste Massenware überdauern. Die Antike ist nur als Ruine übermittelt. Als die Barbaren kamen und alles zertrümmerten, haben sie das Ruinierte einfach liegen gelassen. Der Bruch und das Zerschlagene waren nicht weiter von Interesse. Als in Ruinen gelegt, hatte die Antike die Chance zu überleben.

Für uns Europäer bedeutet das, Vorbereitungen zu treffen für das Anrollen der zerstörerischen Zeitkräfte. Am besten verkrümeln wir uns schon selber in archäologische Museen der Zukunft, wie sie auch von den nächsten Siegern der Geschichte geschätzt werden. Die Künstler meinen, man ruiniere sich am besten gleich selber und behandle das Resultat wie Kunst. Kunst zu machen, ist immer noch die trefflichste Voraussetzung, um als Ruine zu überleben.

Théodore Géricault hat mit seinem ganz Europa ergreifenden Gemälde die Erfahrung der Europäer versinnbildlicht, daß Festigkeit nicht eine Frage der Dicke der Mauern und Stabilität nicht eine Frage der Zahl der Nieten ist, die in Metall gerammt werden. Er hat uns auf die Vorgaben des Rettungskompletts hingewiesen, also uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß unser gesamtes Handeln ausschließlich als vorläufig und provisorisch zu betrachten ist.

Da alles schief gehen kann, gehört zum Schiffsbau das Einrichten der Rettungsboote hinzu. Das Rettungskomplett ist in diesem Fall der Gedanke an die Sinkbarkeit eines neuen Schiffs, aus dem folgt, daß die Rettbarkeit von Passagieren zu einer Bedingung des Schiffbaus werden muß. Rettungskompletts sind somit Momente der Vorsorge für den Fall, daß etwas den ganz logisch zur Existenz gehörenden Punkt seines Versagens, seiner Destabilisierung, seines Zusammenbruchs und seiner Zerstörung erreicht.

Anmerkungen
(8) Siehe Kapitel Odysseus oder Mythos und Aufklärung. In: Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 2002, S. 50 ff.
(9) „Aber ich schnitt mit dem Schwert aus der großen Scheibe des Wachses / Kleine Kugeln, knetete sie mit nervichten Händen, / Und bald weichte das Wachs, vom starken Drucke bezwungen / Und dem Strahle des hochhinwandelnden Sonnenbeherrschers.“ In: Homer, Ilias, Odyssee. In der Übertragung von Johann Heinrich Voß, Hamburg 1781, München 1979, S. 605 (XII. Gesang, V 173–176).
(10) Während unserer Lustmarsch-Präsentation im Haus der Kunst in München wurde dort eine Paul-McCarthy-Ausstellung gezeigt. Unter den Exponaten fiel im Zusammenhang mit der Odysseus-Kirke-Episode die Skulptur eines offensichtlich träumenden, im Schlafe lachenden Schweins auf. Für die schöpferische Kraft des Künstlers gilt seit antiken Zeiten die Kraft zur Verlebendigung einer Darstellung. Sprichwörtlich ist der Bildhauer Pygmalion, der die von ihm geschaffene Marmorstatue eines jungen Mädchens zu seiner Liebhaberin erwecken will und darin scheitert. Durch McCartheys Skulptur des im Schlafe lachenden Schweins wurde aus Pygmalion Pig-Malion und damit das Problem des Odysseus sichtbar, seine schweinischen Gefährten zu überreden, sich in Menschen zurückverwandeln zu lassen.
(11) Schon in der griechischen Kultur geht, über Hesiod vermittelt („Erga kai hemerai / Werke und Tage“), der Gedanke von der „Widernatürlichkeit der Seefahrt“ in das europäische Geistesleben ein, siehe Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer, Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt am Main 1979, S. 30

Der Mast des Odysseus, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 270 © Jürg Steiner (Ausschnitt).
Der Mast des Odysseus, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 270 © Jürg Steiner (Ausschnitt).
Odysseus erfindet Ohropax, noch heute Schutz gegen Sirenengesang der Werbung., Bild: Lustmarsch, III.9, S. 271 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Odysseus erfindet Ohropax, noch heute Schutz gegen Sirenengesang der Werbung., Bild: Lustmarsch, III.9, S. 271 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.