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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 279 im Original

III.9 Pragmatologie als Schöpfung des Mülls

Unter dem Stichwort „Recht der Dinge“ schlagen wir eine Pragmatologie vor, die sich der Ontologie der Natur wie dem Kult der Opera (Werke) entgegensetzt. Diese Pragmatologie hebt auf den Gebrauch der Produkte und der Werke im Sinne ihres Verbrauchs ab, darf also mit deren Aufhebung in der Werklosigkeit rechnen. Das Pragmaton als Gebrauchs- und Funktionsereignis kennzeichnet, anders als das Ergon (Werk), nicht das singulär für die Ewigkeit hervorgebrachte Werk, sondern eine Paßform des Hervorbringens und Verwandelns. Objets trouvés, objets fixés, theoretische Objekte oder Werkzeuge im allgemeinen heben auf dieses Einpassen des Gewordenen in das Gewesene, des Hervorgebrachten in das aus der Welt Gebrachte, des Amorphen ins Fixierte ab. Pragmatologie ist die Schöpfungslogik der Vermüllung. Sie ist die Werklogik des Metabolismus respektive des Kapitalismus. Vor beiden Pragmata vergeht das menschliche Schaffen wie der Schneemann in der Sonne. Doch dieses Wissen hielt uns niemals davon ab, mit kindlicher Freude und in der Lust des Gelingens die Schneemänner und die Sandburgen am Strand zu bauen. Das Bewußtsein von ihrer Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit steigert die Gestaltungsdynamik und die Epiphanie des Lebens, vergleichbar einer Gestalt in den Wolken oder einem Gesicht in der von Schimmel befallenen Wand. Dieses gezielte Sehen von Gestalten im amorphen Wahrnehmungsfeld nennt Leonardo da Vinci „lingua mentalis“. Indem Sie sich, verehrter Leser, bemühen, in der Ansammlung von Objekten im Theoriegelände sinnvolle Einheiten zu bilden – wozu wir Sie ja anleiten möchten –, schulen Sie Ihre lingua mentalis, also die Gestaltungskraft durch Einsicht. Das nennt man Evidenz-Erleben. (14)

Weitere Gestaltmuster und Prêt-à-pensers, bewährte Gedanken von der Lehrmittelstange der Schule des Lebens, sind der sichere Zweifel des Descartes („Wenn auch alles bezweifelbar ist, muß das Zweifeln selber zweifellos gegeben sein.“) oder der sinnvolle Umgang mit dem Unsinn (wie bei Lewis Caroll in „Alice im Wunderland“ oder bei Hugo Balls Dada-Land). (15) Die Vorwegnahme des Verbrauchszwecks in der Herstellung der Objekte entfaltet Gesichtspunkte apokalyptischen Denkens. (16)

Zu einer weitergehenden Analyse sind wir verwiesen auf die Einheit von Glauben und Vernunft als Bestimmtes (objet pensé), von Methode und Zufall oder von Suchen und Finden dessen, was man überhaupt nicht als Gewußtes suchen kann, solange es nicht gefunden wurde. (17) Die Behauptung einer solchen Einheit des Zusammenhanglosen nennen wir Synkretismus. Seine Gründerväter sind die Sophisten, die Alexandriner, die Renegaten und Häretiker, die Apostaten und modernen Bastler einer Theorie für Alles. Sie bieten Kirchen für Atheisten, Gemeinschaft für Einzelgänger und Museen der Vergänglichkeit. Ihr Verfahren der Sinnstiftung ist die Erzeugung von Beziehungsgefügen, Konstellationen zwischen Dingen, die bisher kaum zusammen gesehen wurden, beispielsweise eine Nähmaschine und eine Mona-Lisa-Abbildung auf einem Bügelbrett. Durch die Evolution unseres Weltbildapparates werden wir genötigt, Zusammenhänge zu sehen, wo wir Gegebenheiten zusammen wahrnehmen. Dieses Zusammensehen als In-einem-Zusammenhang-Sehen kennzeichnet Synkretismus als Bewährung der Intelligenz, nämlich im Bewußtsein der Falschheit auf die Denknotwendigkeit des Richtigen, Schönen oder Wahren schließen zu müssen.

An den schönen Wandlungsformen der Produkte aus dem Weinberg des Herrn können wir unterschiedliche Haltungen als Pragmatologie studieren: Rosinenpicker gleich Eklektizisten, Rosinenbäcker gleich Synkretisten, Rosinenzähler gleich Positivisten – und schließlich: Abfüllen der Rosinen in die Meta-Keramik, also in das Gefäß des Körpers (corpus quasi vas). (18) Die Gefäße können Sprünge aufweisen, Fehlformen, Asymmetrien und diverse Fehlbrände. Der Synkretist sieht in dieser Panourgia („Gerissenheit“) oder Kakophonie der Übel keine mißtönende Entwertung des Einzelstückes, also ein minderwertiges Ergon, sondern glückliche, unerwartbare, nicht planbare Singularität, die zwar auf die ideale Form verweist, aber ihr noch die Attraktion der Abweichung hinzufügt. Synkretismus ist ein Verfahren der Selbstoptimierung durch seine stets erneute Anwendung. Ein Trainingseffekt ist die Erkenntnis und der intellektuelle Gebrauch des verum falsum. Eine Möglichkeit wäre die Aufgabe der Werkvollendung, dem sacrificium operis, zugunsten der prinzipiell ziellosen Werktätigkeit – oder der weitgehenden Aufgabe der Poeisis, dem Werkschaffen zu Gunsten der Praxis. In den Konstellationen des Synkretismus, wie sie Museumspräsentationen bieten, läßt sich so etwas wie die Poeisis der Praxis als Pragmatologie auf relative Fortdauer stellen. (19)

Anmerkungen
(14) Siehe Kapitel „Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit“
(15) Siehe Kapitel „Der verbotene Ernstfall“.
(16) Siehe Kapitel „Das Leben als Baustelle – Scheitern als Vollendung“.
(17) Siehe eine pensée trouvée, die an die Aufforderung „Gorgonisiert Euch!“ gemahnt, in: Brock, Ästhetik als Vermittlung S. 776.
(18) Bazon erzählt die Anekdote, wie in vorkantischen Zeiten der Dichter Klopstock dem Spekulationsbegriff Metaphysik zur Würde eines Erkenntnisinstruments verhalf: Klopstock heiratete ein Mädchen namens Meta, das durch einen stattlichen Körper attraktiv war. Klopstock, der wie seine zeitgenössischen Kollegen Griechisch wie einen Dialekt der Kindheit sprach, wußte also, daß besagter Körper griechisch als Physis angesprochen wird. Indem er sich durch Metas höchst attraktive Physis zu deren handfester Wahrnehmung stimulieren ließ, bewies er seinen Kollegen nicht nur die realistische Bedeutung, sondern auch den freudvollen Umgang mit Metas Physik. Der Hagestolz Kant fühlte sich durch den griechischen Oberphilosophen Aristoteles legitimiert, Metas Physik für einen Abschreibfehler von Metaphysik zu halten, und verpaßte so den Fortschritt der Erkenntnistheorie durch die Lyrik. Den Höhepunkt dieser Förderung von Philosophie durch Lyrik stellt ganz sicher das Werk von Heidegger dar. Durch die Rachsucht seiner kuhäugigen Gattin Elfriede wurde er daran gehindert, seinen großartigsten Beitrag zur Geschichte des Denkens als Form der Liebeskunst zu veröffentlichen: die Hannahphysik. Deswegen ist man auf die indirekten Belege im Briefwechsel Heideggers mit Hannah Arendt angewiesen und auf den Gebrauch eines guten Griechischlexikons.
(19) Siehe Kapitel „Musealisierung als Zivilisationsstrategie – Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde“

Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer als Ausdruck der Begründung von Ahnenkult in der angenommenen Tradtition der aus Indien stammenden Arier, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 282 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer als Ausdruck der Begründung von Ahnenkult in der angenommenen Tradtition der aus Indien stammenden Arier, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 282 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer (Detail), Bild: Lustmarsch, III.9, S. 282 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer (Detail), Bild: Lustmarsch, III.9, S. 282 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.