Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 166 im Original — direkt zum Text ↓
Wenn man, gerade um Europäer und Weltbürger zu werden, den größten Wert darauf legen muß, sich zu entdeutschen, sollte man doch wohl ein wenig detaillierter wissen, was Deutsch-Sein bedeutet hat. (5)
Unsere schon vorgestellten Totempfähle im Theoriegelände sind mit bestimmten Anordnungen von Objekten versehen, die zur Einschätzung und Interpretation von Handlungen als typisch deutsch im Gebrauch waren und sind. Obwohl sich die Deutschen von Fall zu Fall natürlich auch anders verhalten, bilden diese Verdinglichungen von Zuschreibungsidentitäten dennoch nicht zu leugnende Kennzeichnungen für positive wie negative Bewertungen des Deutschen.
Auf das obere Ende eines Pfahles ist eine Strohkrone gesetzt. Diese Kopfbedeckung sollte zum einen den Narren signalisieren, der, unter dem Schutz seiner Selbstdenunziation als närrisch, freie Meinungsäußerung für sich reklamierte. Wer aber mit seinen „strohdummen“ Hans Wurstiaden oder Eulenspiegeleien zu weit gegangen oder zu vorlaut gewesen war und die Wahrheiten der guten Bürger Lügen gestraft hatte, dem wurde das Stroh über dem Kopf angezündet.
Wenn ein Narr seinen Mitmenschen auf seinen Buchstabenglauben respektive Wortwörtlichkeitswahn hingewiesen hatte, mußte er oft genug stiften gehen. Auf der Flucht trug der in die Heimatlosigkeit Getriebene sinnvollerweise leichte Fußbekleidung („the German birkenstock“). Auf der ewigen Wanderschaft durch die Natur bot jedes Vergißmeinnicht dem Deutschen Gelegenheit, seine besondere spirituelle Orientierungskraft unter Beweis zu stellen. Solchermaßen auf der Suche nach der „Blauen Blume“ frühzeitig zu einem typischen grünen Spinner geworden, legte er sich mit Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ oder Goethes „Werther“ ins Gras. Wo Angehörige anderer Nationen sich ekelten, suhlte sich der Deutsche laut Goethes Wertherbriefen in Auen und feierte im Geruch frischer Kuhfladen seine unio mystica mit Mutter Natur. (6)
Er ist stets der typische Angehörige einer Nation ewiger Wanderer, der mit einem Rucksack auf dem Rücken, darin alles, was er besitzt – omnia mea mecum porto –, wanderlustig unterwegs ist, selbst wenn er eigentlich flüchtet. Das geht schon seit tausend Jahren so; die Gestalt des deutschen Narren, des deutschen Romantikers, des deutschen Taugenichts, des deutschen Wandervogels wandelte sich zum deutschen Grünen, einer vielgeschmähten und dennoch nachgeahmten Gestalt in Europa. Vom „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach (Anfang des 13. Jahrhunderts) über die Besatzung des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant (Ende des 15. Jahrhunderts), den „Simplicius Simplicissimus“ von Grimmelshausen (Mitte des 17. Jahrhunderts), den Goethe’schen „Werther“ (1774) bis zu Eichendorffs „Taugenichts“ (1826) und die Gründung der Wandervogelbewegung (1896) gibt es schier endlose Ausprägungen des Deutschen auf seinem Wege durch die Welt zur Blauen Blume, zu den Müttern, zu den Bergeshöhen, zum Licht. Der Startschuß für die Öko-Bewegung in Europa, zu Recht für typisch deutsch gehalten, fiel schon zum Ende des Dreißigjährigen Krieges als Befehl zur Aufforstung nach den Verwüstungen.
Der Deutsche als ein spiritueller viator mundi, als mit Jesuslatschen bewehrter Weltenwanderer, irrte wie Juden und Zigeuner heimatlos durch die Welt. Er hatte nicht wie Franzosen oder Engländer eine Nation, oft genug nicht einmal eine feste Heimstadt. Wer ihn heute von außen beobachtet, glaubt ihn wechselweise auf der Flucht vor und auf der Suche nach einem politisch korrekten Begriff des Deutschseins in all-liebendem Verständnis für die Sorgen der ganzen Welt, weil er sich sündenstolz darauf festgelegt hat, alles Elend sei schließlich von Deutschen verursacht. „Was ist des Deutschen Vaterland?“ lautet die alte Frage von Ernst Moritz Arndt. Und in Heinrich Heines „Die romantische Schule“ heißt es, die Deutschen seien vornehmlich ein „wanderndes Volk, Vagabunden, Soldaten, fahrende Schüler oder Handwerksburschen“ gewesen, die sich auf der Suche nach dem Gral befanden. Der parzifaleske Weltenwanderer wird heute aber in Büchern wie Dan Browns „Da Vinci Code“ zum Agenten der quester legend, dieser großen Geschichte des Menschen als Grals-, Sinn- und Wahrheitssucher. (7) Der Inbegriff des Wahrheitssuchers ist der Narr, der Außenseiter. Franzosen, Engländer, Italiener identifizieren parallel verlaufenden Stränge in ihrer Tradition: Le fou, the fool und il buffone sind großartige Gestalten westlicher Spiritualität, deren phantasievolle Strategie der Verstellung die reine Naivität des Gutgläubigen sein könnte. Sie setzen ihre gespielte Narretei, den höheren Blödsinn, ernste Scherze als Erkenntnisinstrumente und kritische Korrektive zu allen kulturalistischen Gewißheiten ein. Durch die Erklärung „Was ich sage, ist sowieso alles Blödsinn, ihr braucht es nicht ernst zu nehmen“, formuliert der geisteskräftige Narr ein autonomes Urteil über die Welt.
Der deutsche Narr mußte als armer Schlucker und Pilger stets anderen Menschen sich verständlich machen, nach dem Weg fragen, und hatte deshalb frühzeitig Langenscheidts Taschenwörterbuch, das erste seiner Art, dabei. Desweiteren transportierte er in seinem Rucksack eine wiederverschließbare Flasche, meist mit Bier gefüllt, das nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut war. Das Prinzip gründlicher Reinheit und Rationalität berücksichtigte der ewige Wanderer ohnehin, mußte er doch auf kleinsten Raum seine gesamte Existenz organisieren. Solch eine Lebensform läßt die fixe Idee entstehen, auf der Flucht stets Autarkie bewahren zu wollen. Diesem Verlangen entsprechen bestimmte Produkterfindungen, die weltweit Synonyme für das Deutschsein geworden sind: Uhu-Alleskleber, Tesa-Film, Tempo-Taschentuch, Nivea, Odol und Leibniz-Keks in entsprechend gestalteter Verpackung.
Der Unternehmer Hermann Bahlsen bestand ab 1904 darauf, alle Verpackungen seines Leibniz-Butterkekses mit dem TET-Zeichen für Langzeitnutzung zu versehen und alle Mauern und Schornsteine auf seinem Fabrikgelände in Hannover als Pharaonenbauten auszuweisen, indem er diese markanten Punkte seiner Fabrik ebenfalls mit dem weithin sichtbaren TET-Mal kennzeichnete. TET ist das ägyptische Hoheitszeichen für Ewigkeitsmanagement. (8) Was als Grabbeigabe tauglich war, den Pharao in die Ewigkeit zu begleiten, wurde als TET gekennzeichnet und war gerade gut genug, den deutschen Wanderer zum Heil mit nichtverderblichen Nahrungsmitteln auszustatten. Der Leibniz-Keks ist demonstratives Zeichen der Unabhängigkeit von den Bedingungen der Endlichkeit. Mit diesem Unsterblichkeitskeks hat man vorgesorgt. Er schmeckt zwar wie gebackener Wüstensand, ist aber ausgesprochen nahrhaft. Endlich wußte man Marie Antoinettes Frage zu beantworten, warum die Leute, die kein Brot haben, nicht einfach Kuchen äßen. In Deutschland bevorzugen sie jedenfalls zu recht in vernünftiger Wahl den Leibniz-Keks. Das ist eine Botschaft aus Hannover zwischen der Monadologie von Leibniz, dem größten Gelehrten, den die Stadt je beherbergte, und Kurt Schwitters‘ Reklame-Dadaismus, dem schönsten Wahrzeichen Hannovers. Wie Schwitters‘ Anna Blume, ist der Leibniz-Keks von vorne wie von hinten gleichermaßen ein Genuß zu ewiger Lust.
Das eingefleischte Autonomiebestreben des Deutschen, der auf der Flucht jederzeit mit Bordmitteln bedrohliche Schäden beheben können muß, spürt man noch heute, wenn er den heimischen Herd (=oikos) glaubt verlassen zu müssen. Und das geschieht unter Deutschen so häufig wie in keinem anderen Volk. Die Deutschen sind unbestrittene Weltmeister des Tourismus. Wenn sie ein Fluchtfahrzeug kaufen, Wohnwagen oder Caravan genannt, verlangen sie im Unterschied zu den zivilisierten Engländern oder Franzosen vom Verkäufer eine komplette Ausrüstung mit Werkzeugen für jeden Eventualfall. (9)
Zu diesem Autonomiestreben unter Reinheitsgebot selbst in der kleinsten Hütte trug die ehemalige DDR ihre fabelhafteste Erfindung bei, den perfekten Reinigungsvlies.
Anmerkungen
(5) „Der Begriff deutsch steht selbst unter Deutschen keineswegs fest. Hervorragende Führer haben sich vergebens bemüht zu definieren, was eigentlich deutsch sei. Sie widersprechen einander alle. Fichte kam dem Problem am nächsten. Deutsch sein heißt originell sein, fand er. Und da er Lutheraner war, bedeutete das, die Originalität bestehe im Bruch mit der Tradition, in jenem stets neu und von vorn beginnen, das den Kanon verneint, statt ihn auszubauen, das den Gedanken bekämpft, kaum daß er gefunden ist. Deutsch sein heißt quer zu beugen, um sich die ‚Freiheit‘ zu wahren. Deutsch sein heißt babylonische Türme zu errichten, auf denen in zehntausend Zungen der Eigensinn Anspruch auf Neuheit macht; deutsch sein heißt renitente Systeme voller Sophistik ersinnen, aus einfacher Furcht vor Wahrheit und Güte.“ Ball, Hugo: Formen der Reformation, S. 129 f. in: Bernd Wacker (Hg.): Dionysius DADA Areopagita. Hugo Ball und die Kritik der Moderne. Paderborn, München, Wien, Zürich, 1996, S. 226, Fußn. 51.
(6) In der „Frühlingsfeier“ (1759) des Goethe-Vorläufers Klopstock findet sich der Leser als derjenige angesprochen, der das Erlebnis religiöser Erhebung selbst noch im „Frühlingswürmchen“ erblickt: Gott ist überall – und wir sind selbst ein Ausstrom des Göttlichen: „Da der Hand des Allmächtigen // Die größeren Erden entquollen, // Die Ströme des Lichts rauschten und Siebengestirne wurden, // Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!“ in: Klopstock, Friedrich Gottlieb: Klopstocks Werke in einem Band (=Bibliothek der Klassiker). Berlin, Weimar 1979, S. 45 f. Klopstocks erlebnislyrische Ode kehrt im „Leiden des jungen Werthers“ wieder; zuvor jedoch feiert Werther in dem ersten Brief an den Freund die pantheistische Verschmelzung mit der allumschließenden Herrlichkeit der Natur: „Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält.“ in: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. In: ders., Werke (=Hamburger Ausgabe), Bd. 6, München 1998, S. 9.
(7) Dazu die Übersetzung von Heils-, Grals- und Sinnsuchern als quester/questioner legend; die angelsächsische Tradition vermag die Artuslegende (ein Yankee am Hofe König Artus’) nicht mit der Sozialbiographie des weisen Toren, des Hofnarren, Eulenspiegel oder Schwejk, zu verbinden.
(8) Siehe Kapitel „Uchronie – Ewigkeitsmanagment“.
(9) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch + Ewigkeitskosten!“ Darin: der Gedanke des Rettungswerkzeuges und der Pragmatologie.