Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Abschnitt, beginnend auf Seite 287 im Original — direkt zum Text ↓
Aus einer allgemeinen sozialen Verpflichtung heraus, die eigentlich jeder zu erfüllen hat, habe ich mich bemüht, die eigene Biographiepflicht nicht nur öffentlich auszuweisen, sondern ihr offensiv in Form von einigen Mediatisierungsangeboten nachzukommen. Insbesondere dann, wenn man rückblickend auf die eigenen Bemühungen als „Beispielgeber im Beispiellosen“ ins Rentenalter eintritt, gibt man eine Übersicht über die persönlichen Erfahrungen oder über die möglicherweise brauchbaren Themenvorschläge. (3) Auf dem „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ präsentierte ich die für mich entscheidenden und im Laufe von fünfzig Jahren Arbeit in der Öffentlichkeit entwickelten Themen, die Niederschlag und Echo gefunden haben. Es geht um die Frage: Wie vermittelt man seine Vergangenheit an den eigenen Biographieentwurf, an die Zukunftsannahmen?
Die Themen verbinden mich mit einer Reihe von Wissenschaftlern aus dem Bereich der Kulturgeschichtsschreibung, aber auch mit Menschen an den merkwürdigsten Schnittstellen zwischen den verschiedenen Disziplinen, oft genug Künstlern, die in der Bundesrepublik in den letzten fünfzig Jahren ganz bestimmte inhaltliche Positionen ausprägten. Die in den elf Installationen der Ausstellung präsentierten Werke stammen von Künstlern wie Tilo Baumgärtel, Thomas Bayerle, Joseph Beuys, Bernhard Johannes Blume, Werner Büttner, James Lee Byars, Braco Dimitrijević, Ulrich Erben, Dieter Hacker, Thomas Huber, Jörg Immendorff, Gerhard Merz, A. R. Penck, Neo Rauch und Thomas Wachweger, die mein Interesse an ihren Arbeiten durch ihr Interesse an meinen bestätigten.
Das Gemälde „Baustelle bei Nacht“ von Thomas Huber bietet uns eine Aussicht auf unser zukünftiges Leben auf Erden. Bereits in wenigen Jahren könnten unsere Großstädte zu einer großen Baustelle in einer vermondeten Welt (Ulrich Horstmann) werden, auf der die Arbeit eingestellt wurde. Die vormaligen Intentionen baulicher Gestaltung sind zwar noch zu erkennen, aber der Tendenz nach ist jede Bewegung und Veränderung hier an ein Ende gekommen. Zwar wurde ein Anfang gemacht, statt einer Vollendung erscheint jedoch der vorläufige Zustand der Baustelle selbst als Endstand. Wahrscheinlich bewohnt die Mehrheit der Weltbevölkerung in wenigen Jahrzehnten solche Szenarien: Die Verfügung über Wasser und Atemluft ist stark eingeschränkt, der frostige Mond scheint auf eine Welt ereignisloser Orte, die noch Ruinen als rettende Behausung erscheinen lassen.
Die von dem Künstler Winfried Baumann entwickelten „Instant Housings“ sind ein intelligenter Rettungsvorschlag im Zukunftsszenario einer vermondeten Welt. Schon seit einigen Jahren wird in New York als Höhepunkt der menschlichen Fürsorge jedem Obdachlosen ein Pappkarton zur Verfügung gestellt. Wenn es regnet oder kalt wird, soll er seinen Karton auffalten und hineinkriechen – eine New Yorker Avenue kann unvermittelt wie eine einzige Postlagerstation aussehen. Baumanns „Instant Housings“ sind wiederverwendbar und haben optional sogar Internetanschluß. Der komfortable Container kann mitgeführt werden und im Notfall dafür sorgen, daß man nicht erfriert.
Anmerkungen
(3) Brock, Bazon: „Beispielgeber im Beispiellosen. Ein Gespräch mit Künstler-Kritiker-Kurator Paolo Bianchi.“ In: Kunstforum International, Bd. 181, Juli– September 2006, S. 262 ff.
Magazin · Erschienen: 01.07.2006 · Herausgeber: Bianchi, Paolo