Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

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III.10 Wundergreise

Text

Der Untertitel des „Lustmarschs“ lautet „Vom Sorgenkind zum Wundergreis“. Die Generation, zu der ich gehöre, wurde durch den Krieg daran gehindert, ihre Wunderkindambitionen durchzusetzen. Wir waren höchstens Wunderkinder als Panzerfaust- oder Granatenschlepper. Ich selbst habe an der Panzerabwehrkanone PAK 8,8 Dienst getan, über die Neo Rauch als Militärhistoriker bei der Nationalen Volksarmee gearbeitet hat. Sein Gemälde „Korinthische Ordnung“ veranschaulicht kriegerische Wirkungsmuster der Mediatisierung. Man sieht, wie sich die Vermittlung von Horizontalität und Vertikalität in Form von Hochtechnologie gestaltet. (4) Die PAK 8,8 konnte sowohl in der Horizontalen zur Panzerabwehr als auch in der Vertikalen zum Abschießen von Flugzeugen eingesetzt werden. Artilleristen schilderten nach Betätigung dieser Waffe wirklich rauschhafte Erlebnisse. Manche fühlten sich wie Priester, die segnend das Kreuz über die Welt schlagen, das Prinzip der Horizontalität dem der Vertikalität vermitteln und die Welt mit der Erfahrung des Sublimen beglücken. Es ranken sich dramatische Schilderungen und Legenden um diese Waffe, sichere Zeugnisse für die Tatsache, daß sich die Menschen dieser Vermittlungsleistung des transzendentalen Brückenbaus, des Übergangs von hier nach da, von horizontal zu vertikal, bewußt waren.

Die Kriegsgeneration holt jetzt vieles im Alter nach. Das betreffende Phänomen nennt sich „Wundergreis“, eine Erscheinung, die es nie zuvor in der Gesellschaft gegeben hat. (5) Der neue Sozialtypus des Wundergreises wird sich noch als eine echte Hoffnung für die nächste Generation entpuppen, auch im Sinne eines Profipublikums. Wundergreise sind die einzigen Menschen, die jenseits von Geldgier und Karrierevorstellungen wirklich etwas wollen können. Wenn man über 65 ist, kann man nicht mehr ernstlich Frauen imponieren, keine Karriere mehr machen, Vermögen auch nicht. Ohne Interesse am Eigennutz der Projekte, ohne Karriere-, Frauen- und Profitgedanken, beginnt erst die nachhaltige Radikalität durch Zukunftseingriffe, die als Einwirkungen auf die Gegebenheiten einer Zeit zu verstehen sind, an der die Wundergreise selbst nicht mehr teilnehmen werden.

Wir Biographiepflichtigen sehen unser Leben unter dem Gesichtspunkt des Zukünftigen. Allen ergeht es in ähnlicher Weise. Je nach dem Maß, in dem man seiner Berufung folgt oder sich eher identitätslos als Jobber versteht, lebt man dabei mehr oder weniger in Projektionen. 13 Jahre alt, fragt man sich, wie lange es noch dauert, bis man volljährig und endlich sein eigener Herr sei. Ist man 21, so denkt man daran, wann das Studium ein Ende habe. Wenn das Studium beendet ist, arbeitet man solange, bis endlich die Chefposition erreicht ist. Dann fragt man sich, wann endlich die Kinder aus dem Hause sind, um das sauer verdiente Geld zum Leben verwenden zu können. Denn bis zum Eintritt ins Rentenalter wirtschaften wir, um uns endlich ein Leben ohne Geldverdienen zu leisten. All dies steht unter der Perspektive der Zukunft. Was aber ist die Zukunftsperspektive der „neuen Alten“?

Entscheidend ist der Nachdruck, mit dem sie auf die Zukunft Einfluß zu nehmen gedenken und die Welt auf ihre Abwesenheit vorbereiten. Manch einer gründet eine Stiftung oder sorgt für das Fortbestehen der Firma über den eigenen Tod hinaus. Zuvor hat man möglicherweise dem Fortbestehen der Menschheit nachgeholfen und Kinder gezeugt, womit sich zumindest die Chance erhöhte, das eigene Erbgut in hundert Jahren noch eine Rolle spielen zu lassen. Das Risiko dabei ist groß und nur bedingt steuerbar. Goethe hat beispielsweise mit seinem genetischen Nachlaß keine Lorbeeren geerntet. Auf dieser Ebene war sein Leben ein Mißerfolg, da sein einziger Sohn August und dessen Nachkommen nicht sehr wirkmächtig waren. Als Verfasser von Literatur und wissenschaftlichen Abhandlungen hingegen hat er über die eigene Lebenszeit hinaus seine extragenetische Generativität in denkbar kraftvoller Form erwiesen. Daneben hinterließ er als Minister und höchst erfolgreicher politischer Impulsgeber ein reiches Erbe. Goethe war von dem Bewußtsein getragen, daß alles Lebendige auf Wandlung und Verwandlung zielen müsse, um effektiv zu bleiben. Sein Wirken hat für schier unglaubliche Generativität gesorgt.

Kulturen zielen in erster Linie auf das Erzeugen eines in die Zukunft gerichteten und nachhaltigen Echos, das eine Generation auf die nächste überträgt, um ihre Anwesenheit auch für die Zeit der Abwesenheit zu sichern. (6) Das Wissen, über das eigene Leben hinaus nicht anwesend zu sein, macht Menschen in unterschiedlichem Grade empfänglich für religiöse Konzepte. Die wirkmächtigsten Menschen sind daher die Religionsstifter. Sie bilden ihre Jünger dazu aus, für die posthume Präsenz des Meisters Sorge zu tragen, den Gründungsmythos der ererbten Idee wachzuhalten und seinem Gründer zu ewiger Anwesenheit zu verhelfen. Religio bedeutet Determinierung durch Letztbegründung; eine Religion ohne Gründer- oder Gründungsmythos existiert nicht.

Im Gefolge der Stiftung von Religionen gelingen häufig Gründungen von Reichen, deren Bestand aber nicht mit den gleichen Mitteln erzwungen oder garantiert werden kann, wie das bei Religionen oder Ideologien üblich ist. Häufig scheinen die untergehenden Reiche ihre Stiftungslegenden, Mythen oder Religionen gerade durch ihr Ende bestätigen zu wollen. Wie unsere Darstellung zum Problem der Kontrafakte zeigt, sind gerade gescheiterte Unternehmungen größter Ambition so interessant, weil sie als Mythen eine stärkere Macht entfalten können als in den Zeiten ihrer realen Existenz. Siebzig Jahre Sowjetunion und was ist davon übrig geblieben – eine „Nation der Toten“, die in alle Ewigkeit davon kündet, daß das Konzept des universalen Sozialismus gegen jeden Versuch seiner Realisierung gefeit ist. (7)

Anmerkungen

(4) Das Thema Vermittlung von Horizontalität und Vertikalität kennt man aus der Kölner Stadtgeschichte. Köln, Stadt am Rhein mit Akropolis der Moderne, erlebte nach dem Wiener Kongress 1815 die Besetzung durch die Preußen. Die Besatzer wollten die Zuneigung der Zwangsuntertanen erwerben. Der Kölner dachte nicht daran, sich den neuen weltlichen Herren zu unterwerfen, wie des Kölners Geschichte ja zeigt, daß man niemals weltliche Herrschaft akzeptieren wollte. Er war stets mit Bischöfen und anderen direkten Abgesandten von Oben im Bunde. Die Preußen wollten ihn jedoch in das weltliche Schema zwingen. Nicht nur, daß die preußische Besatzungsmacht den Dom als Zeichen der deutschen Einheit fertig bauen ließ. Die irdischen Verhältnisse waren durch die mächtigste Art der Landnahme in horizontaler Ebene, den Eisenbahnbau, gekennzeichnet. Preußen baute den neuen Bahnhof fast in die Kathedrale hinein. Damit sollte zum Ausdruck kommen, daß das weltlich-moderne Prinzip der horizontalen Welterschließung das christlich-mittelalterliche Vertikaldenken in die Schranken zu weisen hatte. Gut königsbergerisch bedeutete das, Transzendenz von Transzendentalität abugrenzen. Horizontalität und Vertikalität, Himmelskraft und Weltenmacht, Aufwärts und Vorwärts wurden parallel gesetzt wie Dom und Hauptbahnhof, den die Zeitgenossen denn auch als Kathedrale des irdischen Verkehrs bezeichneten. Zugleich war die Konstellation Dom – Hauptbahnhof ein unmißverständliches statement im Kulturkampf Preußens mit Rom.

(5) In Thomas Manns Ansprache zum 70. Geburtstag des Bruders Heinrich verweist er auf das Theorem einer Greisenavantgarde, die sich von der Avantgarde der Jünglinge unterscheide. Heinrich Mann biete mit seinen Arbeiten im Exil das Beispiel eines Greisenavantgardisten. Einzigartige Hellsicht habe Heinrich schon vor dem Ersten Weltkrieg exemplarisch geboten, als er voll analytischer Schärfe und historischer Richtigkeit die intentionelle Barbarisierung vorhersah. Dies sei ihm, Thomas, erst nach 1923 aufgegangen. Geschickt umging Thomas die Kennzeichnung seiner „Betrachtungen eines Unpolitischen“ als Beispiel für intentionelle Barbarei, die er erst im „Doktor Faustus“ den Teilnehmern der diskursiven Herrenabende bei Sixtus Kridwiß zuschreiben konnte.

(6) Echogeberinnen im biographischen Entwurf Bazon Brocks: Be my rockface! Monika Hoffmann und Gertrud Nolte bezeugen, daß es nicht so aus dem Wald zurückschallt, wie man hineinruft – Anruf „aus tiefer Not ...“ – Widerhall: „Gerettet, nicht gerichtet.“

(7) Die Nation der Toten: In den achtziger Jahren schüttelten vornehmlich Vergreiste niedrigerer Altersstufen ihre mikrozephalen Behälter, wenn ich ihnen jenen Zeitpunkt als kulturgeschichtlich bedeutendsten zu würdigen empfahl, zu welchem gleichzeitig auf Erden mehr Menschen leben würden als je zuvor seit 30.000 Jahren zusammengerechnet lebten. 1987 war es soweit: Wir feierten in meinem Seminar an der Uni Wuppertal die Veröffentlichung einer UNESCO-Zählung, die meine Vorhersage bestätigte. Seither sind die Toten eine Minderheit des Menschengeschlechts, die gegenüber dem brutalen Egoismus schierer Lebenskraft nur durch entsprechende Lobbybildung geschützt werden. Also deklarierte ich Historiker als Lobby der Toten und Ästhetiker als Spezialisten der Kontaktaufnahme mit den Abwesenden, weil sie gelernt hatten, aus dem bloßen Hantieren mit Zeichen auf Bedeutungen zurückzuschließen. Ich rief damals in Berlin zur Gründung der Nation der Toten auf. Zugehörigkeitsdokumente hatte jeder Lebende als mit hundertprozentiger Sicherheit zukünftiger Toter ohnehin schon in der Tasche; denn wer ein Geburtsdatum in seinem Paß dokumentiert, muß zwangsläufig die Eintragung eines Todestages erwarten. In den 90er Jahren, nach Verbreitung des Internet, sollen die Mormonen die Größe ihrer religiösen Bewegung dadurch gewaltig gesteigert haben, daß sie alle irgendwo dokumentierten Toten in ihre Bruderschaftslisten aufnahmen als diejenigen, die bekehrt worden wären, wenn dafür nur hinreichend Zeit und Gelegenheit geblieben wäre. Das ist ein fabelhaftes Beispiel für negotiorum gestio – also erweiterte ich mein Repertoire als Gestor der Toten. Der Totenstaat ist allerdings als eine ganz eigentümliche Neuordnung gedacht: ohne Territorium und ohne Grenzen historischer Existenz. Tote zu vergegenwärtigen, gelingt vornehmlich durch imaginäre Füllung der Zwischenräume. Paul Klee hat sie als Zwischenraumgespenster markiert. Von Ajax dem Lokrer, der die Macht der Toten in der Phalanx, der Schlachtordnung repräsentierte, bis zu den Totenkulten bei den Novemberparaden der Nazis in München zeigt sich das immergleiche, also wohl einzige leistungsfähige Verfahren der Vergegenwärtigung von Toten. Daraus ergibt sich eine beachtliche Umkehr: Beklagt man üblicherweise die Lücke, die ein Tod riß, so soll man in Wahrheit die Schließung einer Lücke durch die Toten freudig feiern. Galt für die Alten, daß die Welt voller Götter ist, so wissen wir, wer diese Götter sind. Die bemerkenswerte Konsequenz ist, daß neben die Theologie und ihre Anwendungen als Weltbautechnik die Thanatologie als Macht der Vergangenheit tritt, die aber nur so lange wirksam ist, wie sie gerade nicht vergeht. Epische und wissenschaftliche Geschichtsschreibung sind Kräfte der Realitätsbemächtigung, weil sie Vergangenheit und Zukunft nur in Hinblick auf ihre ewige Gegenwart unterscheiden können.

Medien

Neo Rauch "Korinthische Ordnung" (2001), Bild: Lustmarsch, III.10, S. 290 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Neo Rauch hört, wie einer sein Gemälde sieht, Bild: Lustmarsch, III.10, S. 290 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.