Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 246 im Original — direkt zum Text ↓
Die folgenden Überlegungen gelten der Tatsache, daß wir Lagerstätten für die Resultate der schöpferischen Zerstörung, also Müllhalden, auf die gleiche Weise mitten in unseren Lebensräumen schaffen müssen, wie wir dort den Kräften der schöpferischen Hervorbringung Kultbauten widmen: Moscheen, Synagogen, Kathedralen. Es gilt also, Kathedralen für den Müll, für die Kultur begründende Kraft der Entsorgung zu schaffen – zumal dann, wenn der Müll aus seiner Eigenschaft heraus eine Beachtung erzwingt, die wir bisher nur den Göttern entgegengebracht haben. Gemeint ist der atomar strahlende Müll.
Die kultische Hingabe an die Kraft des Hervorbringens, an die Kraft des Schöpfergottes steht im Zentrum jeder Kultur. Die Formen der Hingabe sind durch die Erfahrung geprägt, daß Menschen nur durch Verehrung bannen können, was sich durch keine andere Weise der Einflußnahme beherrschen läßt. Der göttliche Wille ist eben ein solcher, weil er nicht zum Willen der Menschen gemacht werden kann. Alles, was unsere Kraft zur willentlichen Einflußnahme oder gar zur Beherrschung überschreitet, nennen wir Wirklichkeit. Wer nicht in der Lage ist, die Wirklichkeit anzuerkennen, wird in Allmachtsphantasien schwelgen, die selbst bei fürchterlichsten Folgen für unzählige Menschen, wie zum Beispiel durch Mord und Terror in KZs und GULAGs, vor allem Dummheit demonstrieren. Für die heutige Menschheit ist die mächtigste, weil gefährlichste Herausforderung durch die Wirklichkeit im Umgang mit dem atomar strahlenden Müll gegeben, weswegen es notwendig wird, diese Macht der Wirklichkeit durch kultische Verehrung zu bannen. Leider werden die Versuche dazu immer noch in möglichst unzugänglichen Weltengegenden versteckt, obwohl längst alle wissen, daß sich das Problem nicht verstecken läßt. Deshalb wird die einzig vernünftige Reaktion auf die Zumutungen der atomar strahlenden Wirklichkeit darin bestehen, daß man in die Zentren des menschlichen Zusammenlebens auch Kultstätten für die Verehrung der destruktiven Kraft als Wirklichkeit baut. Mitten in die Gemeinden hinein sind die Kathedralen für den strahlenden Müll zu errichten und die Bevölkerung zu entsprechendem Dienst an der Bannung dieser Wirklichkeit zu erziehen. Müllkult hat gegenüber den bisherigen Gotteskulten einen unübersehbaren Vorteil. Kulturelle Gotteskulte haben es in Israel, desgleichen in China oder in Altägypten auf höchstens 3.000 Jahre Verehrungsdauer gebracht. Im Vergleich dazu stiften die Kathedralen für den atomar strahlenden Müll kultische Fürsorgepflicht für den Zeitraum von mindestens 15.000 Jahren Halbwertzeit. Müllverehrung ist also von unserer Gegenwart aus gesehen von größerer Wirkmächtigkeit als Gottesverehrung – zumindest wird im allergünstigsten Falle Gottesverehrung nur solange gelingen, wie die Müllverehrung. Denn wenn die kultische Bannung des atomar strahlenden Mülls nicht gelingt, wird es keine Menschen mehr geben, die ihren Göttern dienen könnten.
Im Unterschied zur permanenten Aufforderung der verschiedensten Kulturen, sich im Namen des Geltungsanspruchs ihrer Götter Religionskriege und Kulturkämpfe bis zum bitteren Ende zu liefern, hat die kultische Müllverehrung den Vorteil, die Mitglieder aller Kulturen gleichermaßen zum Dienst an der Abtragung von Ewigkeitskosten menschlicher Schöpferkraft zu beteiligen, da vor der Gefahr der atomaren Strahlung alle Menschen gleich sind und ihre kulturell-religiösen Bekenntnisse unerheblich werden. Müllverehrung hat also den stärksten uns bisher bekannten Zwang zur Entwicklung einer einheitlichen Weltzivilisation jenseits aller Kulturen zur Folge. Welcher Zweck stünde höher als die Bannung der Gefahr eines Untergangs der Menschheit? Also würden die Kathedralen für die Verehrung des atomar strahlenden Mülls als Kultstätten die höchste Auszeichnung unter allen konkurrierenden Kultstätten zugesprochen erhalten müssen.
Vor diesem Ereignishorizont begreifen wir erst die Dimensionen des Konsumerismus: Wirklichkeitsangemessenes Konsumieren hieße, sein gesamtes Handeln als Befreiung der Welt von dem Allmachtswahnsinn der Produzenten zu verstehen, indem man sich den Konsequenzen des Geschaffenen, also der Vermüllung der Welt als schlussendlich unlösbarem Problem stellt. Neuartig in der Kulturgeschichte der Menschheit ist die Dimension der zerstörerischen Kräfte des menschlichen Schöpfergenius. Diese Dimension läßt sich als bisher beste Entsprechung zu den Begriffen „Ewigkeit“ oder „Uchronie“ werten. Also stiftete die kultische Bannung der strahlenden Zerstörungskraft zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte eine von niemandem zu verleugnende Orientierung all unseres Handeln und unserer Verhaltensweisen auf Ewigkeit. Die nannte man bisher das Reich Gottes.
Unsere Verpflichtung auf Bewahrung des Mülls für Minimum 15.000 Jahre Halbwertzeit macht jetzt bereits alles zeitliche Handeln zu einer Verwirklichung von Ewigkeit. Wir stiften Ewigkeit. Die feuilletonistischen Gepflogenheiten, unsere Zeit als kurzatmig, neuigkeitssüchtig, ereignisflüchtig, oberflächlich, relativistisch und als haltlos darzustellen, erweisen sich vor den Anforderungen an unsere Wirklichkeitstauglichkeit, also der Akzeptanz einer realistischen Zeitperspektive von 15.000 Jahren, ihrerseits als Ausdruck von Haltlosigkeit und weltflüchtigem Kulturrelativismus.
Vorbildlich agieren bereits Atomphysiker als zeitgemäße Tempeldiener in strikter Erfüllung der Vorschriften für den rituellen Umgang mit der tödlichen Kraft. (14) Um unversehrt in die Nähe der strahlenden Kraft zu gelangen, beachten diese Priester höchst artifizielle und exakt abgestimmte Annäherungsmodulationen, die im Umgang mit dem Tod verheißenden Material notwendig sind. Damit Zukunft wahrscheinlich wird und die potentielle Zerstörung des genetisch verankerten Reproduktionsprogramms des Lebens verhindert werden kann, sind also bestimmte Formen der fürsorglichen Verehrung des endzeitgelagerten radioaktiv strahlenden Mülls zu entwickeln. Wenn es uns nicht gelingt, die tödliche Wirklichkeit einzuhegen, also die Natur, vor allem auch die Natur des Menschen zu besänftigen, haben wir keine Chance, ein bereits drohendes Schicksal abzuwenden.
Dazu wollen wir mit der Entwicklung von Modellen für Kathedralen des strahlenden Mülls beitragen. (15) Seit 1986 begleite ich Winfried Baumann bei seinen Bauprogrammen für die Müllkathedralen. Nach den Proportionsschemata des Kölner Doms oder der Aachener Pfalzkapelle oder der Hagia Sophia oder der großen Al-Aksa-Moschee beziehungsweise entsprechender Synagogenbauten, das heißt in Übernahme von architektonischen Würde- und Pathosformen, entwarf Baumann Kathedralen für den Müll. Sie erfüllen alle Anforderungen der Sicherheitstechnik, übertreffen sie aber gerade durch das Sichtbarmachen des Atomkults, dessen entscheidendes Problem ohne jeden Zweifel die Endlagerung des atomaren Mülls darstellt.
Baumanns Containments sind so ausgelegt, wie das zehn Jahre nach unseren Initiativen auch amerikanische Künstler und Wissenschaftler forderten, etwa Don DeLillo, der in seinem Roman „Unterwelt“ Müllhalden als Zentren, als Sacrum, als Allerheiligstes jeder zukünftigen Zivilisation einforderte. (16)
Aber unsere Konzepte entwickeln nicht nur Bezüge zu zukünftigen Zivilisationen. In der Kulturgeschichte wird auf vielfältige Weise von Versuchen berichtet, durch Bauten die menschliche Verpflichtung auf Ewigkeit zum Lebenszentrum zu erheben. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet der Entschluß zum ersten Bau eines Tempels in Jerusalem durch König David und seinen Sohn Salomon. Bis zur Zeit Davids transportierte das jüdische Volk das Heiligtum stets in einem tragbaren Reise-Schrein. Das Heiligtum bewahrte vor jedem äußeren zerstörerischen Einfluß die Zeichen des Bundes, den Gott mit dem Volk Israel schloß. Die Schrein-Mobilie mußte zur Immobilie als Tempel werden, weil dadurch ein besseres Containment für das Bündniszeugnis geboten werden konnte, auch als Containment gegen die zerstörerische Kraft des intellektuellen Zweifels und der ungewollten Häresie.
Es leuchtet ein, daß der Tempel Salomons einen besseren Schutz gegen die Kraft der Zerstörung zu bieten vermochte als ein fragiler Tragealtar in offener Landschaft.
Wir bieten mit den Kathedralen für den Müll die zeitgemäße Definition des ausgegrenzten Bezirks, also eines Templum-Bereichs, zu dem Zutritt nur durch einen portalartigen Einlaß mit besonderer Lizenz gewährt wird. Beim Übertreten der Schwelle des Tempels hochgefährlicher Kulturaktivitäten müssen die rites de passage, eine Verwandlung der Eintretenden vollzogen werden, die dann bekennen, jeden Mutwillen, alle Eigenmächtigkeiten zu unterlassen. – Dante spricht im „Inferno“ seiner „Göttlichen Komödie“ im Geiste christlicher Demutsdeklarationen beim Eintritt in die Vorhölle: „Laßt fahren alle Hoffnung, die ihr hier eintretet“. Wählten wir das entsprechende Motto für den Eingang in die Kathedrale des strahlenden Mülls, so lautete die Übersetzung des Dante-Mottos: „Jeder, der hier eintritt, hat alle noch so geringen Zeichen von Eigenmächtigkeit oder Willkür zu unterlassen. Hier gilt’s den Tod!“ Unter dem Motto „Hier gilt’s der Kunst“, der heiligen Schöpferkraft, der alle Naturwirklichkeit übergipfelnden techné wurde die Welt zur Müllhalde, die sich stündlich vergrößert, denn in immer kürzeren Takten werden schöpferische Leistungen des Menschen auf den Müll geworfen.
An dieser Stelle bringe ich noch einmal meinen Vorschlag in Erinnerung, der bereits 2006 bei unseren „Lustmarsch“-Aufenthalten in Karlsruhe (ZKM), in Frankfurt am Main (Schirn Kunsthalle), in Hannover (kestnergesellschaft) und schließlich in Leipzig (Museum der bildenden Künste) lautete, eine Art von „Schweizergarde der Kathedralen für den strahlenden Müll“ zu bilden. Die Teilnehmer an den „Gott & Müll“-Prozessionen folgten im rituellen Wechselgesang unserem mit Tempelverkleidung versehenen Müllwagen durch die Zentren der Städte. Die sogenannte „Memorialmiliz“, die „militia coelestis“ der antizipationskräftigen Müllverehrer in gelbem Ritualkostüm, knüpfte an Sängerscharen der alttestamentarischen Tradition des König Davids an (siehe 1 Chronik 25 und 2 Chronik 2–3) und wurde somit zum lebendigen Ausdruck der Gott-und-Müll-Hoffnung. Als Bestandteil der „Gott-und-Müll“-Aktionen huldigten wir der antikrömischen Göttin der Zivilisation begründenden Kanalisation, der Cloaca Maxima. (17)
In summa, wir Müllmänner der Geschichte demonstrierten die Fähigkeit, im Anderen uns selbst zu sehen, nämlich das Häufchen Elend, das bißchen Müll, den Rest mit oder ohne Spur. Wer von Beuys und Roth noch nicht zur Verehrung des Drecks und Bruchs überredet wurde, erhielt auf dem Lustmarsch die Initiation in den Müllkult. Der hat bereits für unseren Alltag Folgen, wie die Häufung von Spurenarchäologie in den Krimis der TV-Programme beweist: Jeder Vogelschiss kann H5N1 enthalten, jedes Staubkörnchen radioaktiv strahlen und jede Zigarettenkippe die DNA des Täters enthalten. Begegnet mit Respekt den Hohepriestern des Müllkults, in Quarantänestationen, in kriminologischen Instituten, in den Endzeitlagerungsstätten! Übt den Gesang der Memorialmilizen, wie wir ihn immer wieder intonierten: „Bei Don DeLillo, Winckelmann, Unterwelt, Überwelt, Diesseits, Jenseits, Abseits! Eintreten!“
Anmerkungen
(14) Gott- und Müll-Mitteilung: An der TU Clausthal wurde ein neuer Studiengang eingerichtet: Management radioaktiver und umweltgefährdender Abfälle.
(15) Brock, Bazon: „Gott und Müll.“ In: Kunstforum International, Theorien des Abfalls, Bd. 167, Nov.-Dez. 2003, S. 42 f.; siehe Brock, Bazon: „Gott und Müll.“ In: ders., Re-Dekade, S. 281 ff.
(16) „[...] den giftigsten Müll isolieren, das ja. Dadurch wird er großartiger, bedeutungsvoller, magischer. Aber gewöhnlicher Hausmüll sollte in den Städten, wo er entsteht, gelagert werden. Bringt den Müll an die Öffentlichkeit. Die Leute sollen ihn sehen und respektieren. Versteckt eure Müllanlagen nicht. Baut eine Architektur des Mülls. Entwerft traumhafte Gebäude, um Müll zu recyceln, ladet die Leute ein, ihre eigenen Abfälle zu sammeln und an die Pressrampen und Förderbänder zu bringen. Lerne deinen Müll kennen. Und das heiße Zeug, die chemischen, die atomaren Abfälle werden zu einer fernen Landschaft der Nostalgie. Bustouren und Postkarten, jede Wette.“ DeLillo, Don: Unterwelt. Köln 1998, S. 336; siehe: „Wir entwarfen und betreuten Landaufschüttungen. Wir waren Müllmakler. Wir organisierten Giftmülltransporte über die Weltmeere. Wir waren die Kirchenväter des Mülls in all seinen Wandlungen.“ In: ebd., S. 122.
(17) Brock, Barbar als Kulturheld, S. 195; siehe die Veröffentlichung: Dionysos Hof 1:1. Hrsg. v. Paola Malavassi und Kasper König, Köln 2006. Dazu die Aktion vom 1. Mai 2006 am Dionysos-Brunnen, die der Huldigung des Müllkults, des Dionysos Zagreus als des zerrissenen und wiederauflebenden Gottes, aber vor allem der Etablierung des Kölner „Orakels in residence“ und des „Delphi-Clubs“ diente.