Identitäten
Text
Bei seiner Bewerbung um die Nachfolge Delors' als Präsident der EU-Kommission in Brüssel hielt es der abgedankte niederländische Ministerpräsident Lubbers für vorteilhaft, den "Aufbau einer europäischen Verteidigungsidentität als vordringliche Aufgabe" zu fordern, wie bitte? Was bitte? Zu verteidigende Identität oder Identität der Verteidiger oder eine Identität der Verteidigung? Auf jeden Fall die neueste Strophe im Chorgesang der Eurogeister. In der vorhergehenden Lyrik bejubelten sie die kulturelle Identität, die sogar verfassungsgrundsätzliche Forderung, jeder Kochkurs und jede Kneipengemeinschaft seien zu respektieren und zu fördern, sobald sie sich als Träger einer je besonderen kulturellen Identität darstellten. Da es solche Kulturaktivisten in jedem Stadtteil gibt - als Stadtteilkultur mit Stadtteilidentität-, da es also viele verschiedene Identitäten gibt, seien wir eine Multiidentitätsgesellschaft. Und das gelte nicht nur für die kollektiven Identitäten; denn jeder Yuppie bringt es persönlich mindestens auf ein Dutzend Identitäten, darunter sogar die postmoderne Identität der Multiidentitätsträger. Amsterdam war ihr Dorado und der niederländische Multikulturalismus ihr Bekenntnis. Die alle sollen sich nun vereinigen, um Europa gemeinsam gegen Afrika und Indien, gegen Rußland und Südostasien zu verteidigen, so Lubbers.
Kann er nicht bemerken, will er nicht bemerken, wie er damit einer zentralen Forderung der vereinigten Rechten zu EU-offizieller Anerkennung verhilft? Wenn er das nicht sehen will, warum dann das niederländische Pathos im Kampf gegen die Gefahr von rechts? Wenn er es nicht sehen kann, ist er nicht das erste prominente Opfer jener fatalen Logik, die mit der Behauptung der Identität und Eigenständigkeit jeder Kulturgemeinschaft in Gang gesetzt wurde. Rechts rüstet mit linken Argumenten auf, links verteidigt sich mit rechten Konzepten, und das alles im Namen hehrer kultureller Werte, die zu verteidigen in die blanke Barbarei führt. Wie viele Beweise verlangen wir dafür der Geschichte noch ab?
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.