Buch Visionen und Lösungen

Dokumentation der Wirus-Werkstatt-Gespräche 1993

Erschienen
01.01.1993

3. Destruktion als produktive Kraft

Text

Eine radikale Form der Entkoppelung von Inhalt und Form und eine extreme Form der Problematisierung ist das Zerstören, dem wir uns schon als Kleinkinder neugierig widmen. Immer schon ist Menschen aufgefallen, daß zwischen Zerstören und Neuschaffen, Niederreißen und Aufbauen ein merkwürdiger Zusammenhang besteht. So formulierte man eine griechische Philosophenmaxime in die Redensart um: Der Krieg sei der Vater aller Dinge. Im Griechischen steht aber nicht "Krieg", sondern wörtlich "Polemik", also der Wettstreit, der Widerspruch, der Kampf der Gegensätze. Krieg ist die radikalste Form solchen Widerstreits. Der Nationalökonom Schumpeter hat das Verhältnis von Zerstören und Schaffen als entscheidenden Antrieb dargestellt; eine Behauptung, der man sich schwerlich verschließen kann. Mehr oder weniger akzeptieren wir so etwas wie eine produktive Destruktion in bestimmten Grenzen, wenn ihr der Aufbau von etwas Neuem folgt. Destruktion ohne Neuschöpfung akzeptieren wir nicht. Wir nennen solche Destruktion seit antiken Zeiten barbarisch, aber die Crux ist, daß selbst barbarische Zerstörung rettend sein kann. So haben die historischen, die germanischen Barbaren zu einem guten Teil antike Kulturzeugnisse gerade deshalb überleben lassen, weil sie sie zerstörten - und Trümmer/Ruinen nun einmal weniger die Zerstörungsenergien auf sich lenken als unversehrte Objekte. Heute ist es geradezu erwartbar, daß sich Barbareien doch in bestimmter Hinsicht als kulturschöpferisch erweisen; das gilt für die Barbarei der Pornografie, des Fast Food-Konsums, der kulturellen Durchmischung (wenn sie tatsächlich stattfindet) und für ähnliche Probleme.

Künstler waren seit langem auf die schöpferische Destruktion ausgerichtet, z.B. im Werktypus der Collage. Die Collage besteht aus der Zusammenfügung fragmentierter, ruinierter Ausgangsmaterialien. Warum empfanden die Künstler diese Form des Ruinierens als so produktiv? Warum überzeugte der Dekonstruktivismus als Zerlegungs- und Rekombinationstechnik? Wenn wir uns erinnern, daß Gemälde spannungsvolle, neue Einsichten eröffnende Beziehungen von Zeichen und Bedeutungen bieten; und wenn wir unserer Erfahrung trauen, daß der Kitsch deswegen so stumpfsinnig wirkt, weil die Kitschobiekte Vollendung, d.h. eine endgültige, hundertprozentige Übereinstimmung von Inhalt und Form behaupten, dann können wir sagen, daß der Ruinencharakter alles Geschaffenen die beste, produktivste Vermittlung von Gedanken und Vorstellungen, von Plänen und Programmen einerseits und ihrem Ausdruck respektive ihrer verwirklichenden Ausführung andererseits darstellt. In diesem Sinne können wir Ruinieren als eine ästhetische Strategie auffassen. Alles Geschaffene ist nur ein vergängliches Gleichnis und wert, daß es durch Neugeschaffenes ersetzt wird - so ungefähr sagen es die Dichter. Was bleibt, sind die Ruinen, die jedoch gerade deshalb so aussage- und erkenntnisträchtig sind, weil sie uns zwingen, ihnen Gedanken und Konzepte zuzuordnen, die sich in ihnen nur noch spurenweise andeuten. Und sie machen uns produktiv, indem sie uns zur Imagination ihrer ursprünglichen historischen Gestalt veranlassen. Beispiel: Die fragmentierten, antiken Statuen und Architekturen sind für uns interessanter, also stimulierender als in ihrer ursprünglichen Gestalt, die uns Restauratoren probeweise vor Augen stellen.

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Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.