Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 241 im Original — direkt zum Text ↓

II.8 Fininvest – Logik des apokalyptischen Denkens

Text

In besonderer Weise konzentrieren wir uns in der Konstellation unseres Theoriegeländes auf den Synkretismus von Mülltheorien und Appellen zum Fininvest. Diese synkretistische Vereinheitlichung sehen wir in der Logik des apokalyptischen Denkens gegeben, die gerade nicht auf das definitive Ende ausgerichtet ist, sondern auf die Begründung der Möglichkeit, daß jederzeit ein erneuter Anfang gemacht werden kann. (7)

Die heute bestvertraute Verschmelzung von Endzeitdenken in der Zerstörung und in der Vermüllung mit dem Appell „Weiter so bis in alle Ewigkeit“ trägt den Alltagsnamen „Kapitalismus“ und den Sonntagsnamen „schöpferische Zerstörung“, wie ihn 1942 der Nationalökonom Joseph Schumpeter in seinem Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ herausstellte. Uns scheint es völlig selbstverständlich, etwas abzuräumen, zu vermüllen, zu entsorgen, um etwas Neues an seine Stelle zu setzen, von dem versichert wird, daß es seinerseits über kurz oder lang abgeräumt, vermüllt und endgelagert wird. Die Zyklen der schöpferischen Zerstörung werden immer kürzer, sodaß heute einem Menschen im Laufe seines Lebens zugemutet wird, mehrmals den kompletten Umbau einer Stadt samt ihrer Restaurants, Theater oder Wohnungsinterieurs mitzuerleben.

Diese Beobachtung führte Hannah Arendt zum Erstaunen vor der Tatsache, daß die einstmals von den Griechen „Sterblinge“ genannten Menschen zu den einzigen Trägern des Gedankens der Dauer wurden, weil die von den Alten im Vergleich zu den Menschen als ewig und dauerhaft angesehenen Häuser, Städte, Lebensumgebungen wie Tal und Berg, in kürzester Zeit mehrfach umgestaltet werden konnten. Hannah Arendt sah die Umkehr von Sterblichkeit und Unsterblichkeit auf hervorragende Weise durch Rilkes Gedicht „Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! / Sie zu halten, wäre das Problem.“ ausgedrückt. In der dritten Strophe heißt es dort:

„Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; – aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit.“

Die kapitalistische Rechtfertigungsstrategie schöpferischer Zerstörung hat uns, worauf Arendt und Rilke verweisen, somit zu den ältesten menschlichen Vermutungen über das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit zurückgeführt. Zeitenthoben sind demnach nur die begrifflich gefaßten Gedanken und bildlich ausgedrückten Ideen, die beide die Orientierung der Menschen auf den Geist ihres Weltverständnisses verbürgen.

Die Kapitalistenparole „Fininvest“, scheinbar gerechtfertigt durch ihre Übereinstimmung mit der Logik der christlichen Orientierung auf die Apokalypse, führt jedoch in dem Maße, wie sie erfolgreich zu sein scheint, zum Widerstand gegen ihren Geltungsanspruch. Wie hemmungsloser Konsumerismus am Ende doch nur noch Widerwillen und Ekel erzeugt, so bewirkt der ebenso hemmungslose Hinweis darauf, daß man alles nur schaffe, um es zu zerstören, zur Flucht in die Überlegenheit gegenläufiger Ideale. Sie sind bereits überraschend erfolgreich, sogar unter dem herkömmlich altbackenen Namen „die Linke“.

Jede Hanswurst kann mit Kapital und sozialer Intelligenz die Welt mit Produkten vollstellen. (8) Obzwar hier und da Einwände gegenüber den Herren moderner Produktion laut werden, werden weiterhin die großen Schöpfergenien als Kulturheroen glorifiziert, die ohne Kontrolle ihres Tuns als Kreatoren des In-die-Welt-Bringens triumphieren. Bereits zu Zeiten, als man das Schöpferpathos noch hymnisch-naiv feiern konnte, war im Grunde klar, daß alles in die Welt Gesetzte auf irgendeine Weise neutralisiert werden müsse. Die große soziale Strategie des Kriegführens diente zur Tarnung einer allgemein akzeptierten Form des Vernichtungswillens als psychologischer Motivation, die Freud mit dem Begriff „Todestrieb“ umschrieb. Doch man ahnte bereits, daß immer dem In-die-Welt-Bringen von Artefakten ein Aus-der-Welt-Bringen entsprechen müsse. Sonst wäre die Balance zwischen Schöpfung und Erschöpfung nicht mehr gegeben und die Welt würde hoffnungslos verstopft, wie wir es unter den Zeichen allgegenwärtiger Vermüllung erleben. Die Auffassung, Kriege seien natürliche Formen des Widerrufs von Resultaten allgemeinen Schöpferwahnsinns, hat dazu geführt, daß wir den Triumphalismus aufzugeben haben, mit dem wir Mutwillen als Macht des Stärkeren auskosten. Manifestationen dieses Siegesgenußes als Triumphalismus sind aber immer noch allgegenwärtig: bei Motorradrowdies, die es genießen, brave Lärmschutzsensible mit dem infernalischen Getöse aus aufgebohrten Auspufftöpfen zu ohnmächtiger Wut zu reizen, bei Bikern in Großstädten, die es darauf absehen, die Macht des Ohnmächtigen zu demonstrieren, da bei jedem Unfall mit einem Fahrradfahrer davon ausgegangen wird, die Motorisierten seien per se schuld, oder bei Bürohengsten der Verwaltung, denen es einen Hochgenuß bereitet, jeden Antragsteller ihrer Herrschaftslogik unterwerfen zu können. Triumphalismus: Insbesondere festlich ist technische Intelligenz als Hinterlist.

Anmerkungen

(7) Siehe Kapitel „Das Leben als Baustelle – Scheitern als Vollendung“.

(8) Siehe den Eintrag „Abfall“ von Bazon Brock, in: Fliedl, Gottfried et. al (Hg.): Wa(h)re Kunst. Der Museumsshop als Wunderkammer. Theoretische Objekte, Fakes und Souvenirs. Frankfurt am Main 1997, S. 129.

Medien

Weltanschauung und Welterfahrung
"WeltAnschauung" und "WeltErfahrung", Bild: Lustmarsch, II.8, S. 242.