Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 233 im Original

II.8 Fininvest - Gott und Müll

Text

Der „Atompilz, das Gehirn am Stengel“, verehrter Peter Rühmkorff, garantiert Ewigkeit: Gott ist nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern Synonym für den Begriff der Endlagerungssicherheit. 15.000 Jahre Kulturdauer (kleinste Halbwertszeit) hat bisher keine Macht garantiert, aber wir. Wir bauen Kathedralen für den strahlenden Müll mitten in unsere Städte. Das Containment erproben die Museen, die Rituale entwickeln Performance-Künstler, die Liturgien entnehmen wir der Beteiligung an der universitären Selbstverwaltung. Winfried Baumann fertigte neue Modelle für die Kathedralen am Breitscheider Autobahnkreuz, Weinbrennerplatz in Karlsruhe und Düsseldorfer Kö-Teich. Wir bieten Tempelverkleidung für Müllwagen und Ritualgewandung für Müllmänner. Berlusconi macht klar: Kapitalismus ist Fininvest – so nannte er die Dachfirma seiner Unternehmungen. Die Auferstehung durch Untergang war und ist die probate Ideologie der Apokalyptiker; gnostisches Denken beherrscht die moderne Kunst. Also: Investieren wir freudig in unseren Untergang!

Im Theoriegelände präsentieren wir ein Gemälde des Künstlers Werner Büttner, das den Titel „Kottafel mit Spiegel und Spiegelung“ (1985) trägt. Die Kottafeln sind als unterscheidbare Farbfelder mit gewissem Anschein von Plastizität zu identifizieren. Zwischen ihnen ist ein ausgefranstes schwarzes Quadrat innerhalb des Rokoko-Rahmens eines Spiegels zu erkennen, das eine Vielzahl von Interpretationen erlaubt. Eine mögliche Auslegung hebt ab auf drei prominente Bärtchen-Pantomimen mit jeweils unterschiedlich geartetem Führungsanspruch, die allesamt Sprößlinge des Jahrgangs 1889 sind – Charlie Chaplin, Martin Heidegger und Adolf Hitler. Letzterer, der „GRÖVAZ“, der „größte Vermüller aller Zeiten“, dekretierte im Anschluß an Kaiser Wilhelm II.:

„Was Kunst ist, bestimme ich!“ (1)

Hitler verlangte die Entscheidung für eine der vielfältigen Stilrichtungen der Moderne („heute Expressionismus, morgen Fauvismus, dann wieder Dadaismus oder Kubismus ...“) als verbindlicher Kunstbewegung. Auf die von Hitler gegeißelte Kakotheoria diverser Kunstrichtungen spielt der Künstler Büttner mit seinen malerischen Kottafeln an. Bei seiner persönlichen Bewertung von Kunst konnte sich Hitler auf die allgemein akzeptierten Auffassungen unter der deutschen Professorenschaft stützen, die schon Jahrzehnte vor dem Dritten Reich zu bestimmen suchte, welche Werke als „heil’ge deutsche Kunst“ zu gelten hätten (siehe Richard Wagners feierliches Finale von „Die Meistersänger von Nürnberg“).

Was man uns heutzutage permanent als „typisch nationalsozialistische“ Denkerei, Schreiberei und Bildnerei vorhält, zuführt und als Nazi-Unsinn stigmatisiert und damit zu bannen hofft, verdankt sich in so gut wie allen Fällen entweder exquisit gebildeten Gelehrten oder höchst kultivierten Großkünstlern des 19. Jahrhunderts, die mit den „Waffen der Begriffe“ in die mit der Nationalstaatbildung anhebenden Kulturkämpfe gezogen waren. Die seit 1872 vorherrschenden Ideologien in Wissenschaft und Kunst garantierten dem Führer des Nationalsozialismus und seinen Parteibonzen schlichtweg ihren Erfolg. Hitler nutzte nicht nur geschickt den seit Anfang des 19. Jahrhunderts ausgerufenen Primat deutscher Nationalkultur, sondern verwendete für seine politischen Propagandafeldzüge auch die wissenschaftlichen Belege zur Evolution der Rassen, die er zu einer Weltanschauung überhöhte. Zur Abgrenzung der sogenannten „Nazikunst“ von anderen Kunstrichtungen setzte er ab 1937 den Begriff der „Entarteten Kunst“ durch. „Entartung“ ist, wie nahezu alle anderen kulturpolitischen Kampfbegriffe der nationalsozialistischen Bewegung auch, keine genuine Erfindung von Theoretikern der faschistischen Weltanschauung, sondern so alt wie die Moderne selbst und wurde keineswegs nur zur Verfemung der Werke jüdischer Künstler angewandt.

Die Genese dieses Begriffs läßt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Er bezieht sich auf die evolutionsbiologische Bestimmung von Degeneration als Anhäufung unvorteilhafter Erbmerkmale. Es war jedoch nicht ein Nazi-Chefideologe, sondern ein deutscher Jude, ein Arzt und Schriftsteller namens Simon Südfeld, der unter dem „aufgenordeten“ Namen Max Nordau den aus der Biologie und der Medizin stammenden Entartungsbegriff für die Künste aktivierte und 1892 den späteren Kampagnebegriff der „Entarteten Kunst“ in seinem Werk „Entartung“ in die Öffentlichkeit trug. (2)

Während man zu Zeiten des Kaiserreichs noch im Furor hochfliegender Spekulationen über den Fortschritt der Menschheit schwelgte, setzten im Dritten Reich euphorische Nazis Ideen und Utopien der optimalen Artung durch. Bezeichnend für Faschismus und Nazismus ist die rücksichtlose Erzwingung einer Realität aus Vorstellungen und Begriffen. Diese Regimes entfesselten die Potentiale geistiger Arbeit des 19. Jahrhunderts, die als Anweisungen für das konkrete Handeln, vor allem aber als kulturalistische Letztbegründungen für Welterlösungsentwürfe ausgelegt wurden – Entwürfe mit den Programmnamen „Der Neue Mensch“, „Die Klassenlose Gesellschaft“, „Das Parteienlose Parlament“. Aber die großen Konstrukteure von Ideenwelten wie auch die Destrukteure, das heißt die durch Zerstörung Schöpferischen, haben mit ihrem aggressiven Programm „Erlösung durch Untergang“ immerhin die Erfahrung belegt, daß selbst radikalste Vernichtungsversuche die Gegebenheiten der Welt zwar fundamental verwandeln, jedoch nicht in Nichts aufzulösen, also zu annihilieren vermögen. So ergab sich für die Zerstörer ein doppelter Triumph: Sie konnten ihren Vernichtungswillen ausleben und auch noch damit rechtfertigen, daß die Welt nicht zu vernichten sei. Heute steht zur Debatte, ob die Glorie der Annihilierung immer noch strahle! Ulrich Horstmann hofft auf die Wirkkraft der nicht mehr menschlichen Vernunft, die „anthropofugale Vernunft“, die auf die Selbstabschaffung des Menschen und seiner Welt durch den Menschen abzielt. Will man den großen Zerstörern und Vermüllern der Welt über den Befund hinaus, sie seien Psychopathen, zu entsprechen versuchen, dann damit, daß sie die Fraktion jener anführen, die die Größe des Menschen in seiner Widerspruchskraft gegen die Natur, also in seinem Auslöschungspotential sehen. Die andere Hälfte der Menschheit rekurriert in Gestalt ihrer schöpferischen Genien auf die menschliche Kraft des schaffenden Hervorbringens. Die Funktion der Vermüller in der kulturgeschichtlichen Positionsbestimmung liegt also darin, der Allmacht der Schöpfungsphantasten die Allmacht der teuflischen Vernichtungsphantasien entgegenzusetzen. Für Weltfromme bestünde die Synthese beider Positionen in der Entfaltung einer realistischen Erfahrung von All-Ohnmacht.

Anmerkungen

(1) Brock, Bazon: „Kunst auf Befehl. Eine kontrafaktische Behauptung: War Hitler ein Gott?“ In: Brock, Bazon; Preiß, Achim (Hg.): Kunst auf Befehl? Dreiunddreißig bis Fünfundvierzig. München 1990.

(2) Zur Entwicklung des Entartungsbegriffs, siehe Clair, Jean: Die Verantwortung des Künstlers. Avantgarde zwischen Terror und Vernunft. Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Köln 1998, S. 66, Anm. 2.