Buch Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

Erschienen
2001

Autor
Brock, Bazon

Herausgeber
Sachse, Rolf

Verlag
Verl. der Kunst, Philo Fine Arts

Erscheinungsort
Dresden, Deutschland

ISBN
3364003955

Umfang
223 S. ; 17 cm

Einband
Pp. : EUR 15.00

Abschnitt, beginnend auf Seite 159 im Original

9 Friedensmartyrium

Text

Hat man schon mal jemanden getroffen, der nicht für den Frieden ist? Alle sind und waren immer für den Frieden. Und wenn sie gerade Krieg führten, umso mehr; denn den Krieg müsse man leider führen, um endlich Frieden zu haben. Also Befreiungskriege, Glaubenskriege, Friedenskriege müsse man eben doch führen. Das sei zwar immer etwas Gräßliches, aber verstehen könne man das schon.

Für dieses Verständnis gibt es Preise, sogenannte Friedenspreise. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels ist so einer. Den erhält in diesem Jahr Frau Prof. Annemarie Schimmel, von der alle sagen, sie sei eine großartige und einflußreiche Kennerin der islamischen Welt. Also muß sie wohl Verständnis haben für das, was in jener Welt vorgeht, zum Beispiel für das von höchster religiöser Instanz über den Romanschreiber Rushdie verhängte Todesurteil. »So ein Urteil ist immer eine gräßliche Sache«, bekennt die Friedenspreisträgerin – aber irgendwie müsse man schon verstehen, daß gläubige Muslime sich gegen die Beleidigung ihres Religionsstifters zur Wehr setzen.

Wer bestritte das? Wer bestreitet das? Auch bei uns wird die Beleidigung, erst recht die Beleidigung von Staats- und Kirchenoberhäuptern, mit Strafe – vorausgesetzt, das Delikt wird gerichtlich, auf rechtsstaatlich vorgeschriebenen Wegen festgestellt - belegt.

Nun argumentieren ja Muslime, daß auch dem Todesurteil gegen Rushdie eine richterliche Entscheidung zugrunde liegt. Höchste Ayatollahs sind höchste Rechtsinstanzen in einer sakralrechtlich verfaßten Gesellschaft. Das kann man ohne weiteres verstehen, aber gerade dann nicht anerkennen, wenn man weiß, was sakralrechtliche Legitimation bedeutet.

Wer wie Frau Schimmel das Rechtsverständnis strenggläubiger Muslime kennt, muß mit aller Klarheit sagen, ob er diese Rechtsauffassung für sich gelten läßt oder nicht. Eines ist es, verständnisvoll zu bekunden, daß strenggläubige Muslime sich eben dem Sakralrecht unterwerfen, ein anderes aber – und danach wurde Frau Schimmel gefragt –, welches ihre eigenen Präferenzen sind, wie ihr Urteil über das Todesurteil ausfällt.

Wenn sie nicht akzeptieren kann, daß Rushdie für vogelfrei erklärt wurde und jedem eine hohe Belohnung garantiert wird, der ihn lebend oder tot den Ayatollahs ausliefert, dann wird ihr das Verständnis für die Begründung des Todesurteils wenig nützen. Im Gegenteil, sie wird denen, die sie so gut zu verstehen behauptet, umso unglaubwürdiger, ja strafwürdiger erscheinen. Und dann? Wird dann der Frieden, den sie zu stiften bemüht ist, im Martyrium bestätigt?

Wenn Friedenspreisungen dazu führen, die gefährliche Logik des Martyriums akzeptieren zu lernen – und da hat der christliche Okzident mindestens so fatale Erfahrungen wie der islamische Orient – sollten wir sie schleunigst abschaffen.

Erstdruck in: Frankfurter Rundschau, 13.5.1995

siehe auch:

Textverwandtschaften

1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026

Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.