Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Abschnitt, beginnend auf Seite 214 im Original — direkt zum Text ↓
Ein Ausweg aus den Dilemmata eröffnet sich mit der Erarbeitung des neuen Objektstatus‘ „Fake“ zwischen originalem Kunstwerk und Fälschung. Es wurden bereits an vielen Stellen der Welt Schausammlungen für echte Fälschungen eröffnet, in denen grandiose Kunstwerke im Rang von Braque, Chagall, Feininger, de Chirico, Malewitsch oder Dalí mit dem Zertifikat „erstrangiges Fake“ ausgestellt werden. Grundsätzlich gilt ein derartiges Werk als Fake, wenn es nicht in krimineller Absicht vorspiegelt, echt zu sein. Stattdessen zeigt sich das Fake als eigenständige schöpferische Leistung mit dem Hinweis auf seine völlige Gleichrangigkeit zu den bisher noch als gesichert anerkannten Klassikerwerken in den boomenden Museen der Metropolen – anerkannt, weil sie von Künstlern hervorgebracht wurden, die niemand anderer sein können, als sie selbst sind. Nur das Genie aller Genies, Picasso, behauptete stolz von sich, daß er seine eigenen Werke genauso gut fälschen könne wie die besten Großmeister ihrer Zunft.
Wenn Menschen nachweislich derartig grandiose kreative Kapazität besitzen können, daß sie nach Belieben Werke anderer singulärer Schöpferpersönlichkeiten hervorzubringen vermögen, dann wird die Schätzung glaubwürdig, daß gut die Hälfte der außerordentlichen Kunstwerke der Moderne falschen Urhebern zugeordnet werden. Die Schätzung geht zurück auf Angaben von „Fälschern“, die sich selbst offenbarten. Was befürchten die Herren der unbezifferbar wertvollen Sammlungen, wenn sie die „Fälscher“ legalisierten, also neben den Picassos von Picasso auch die Picassos von de Hory als de Hory präsentierten?
Es verwundert immer wieder, daß sich seit der Aufdeckung der Vermeer-Fälschungen Ende der 1920er Jahre die Diskussion achtzig Jahre lang in den gleichen Bahnen bewegt, also weiterhin unsinnig geführt wird. Nicht einmal Orson Welles‘ geniale filmische Bearbeitung des Themas in „F for Fake“ (1974) mit den besonders erhellenden Sequenzen über den Großfälscher Elmyr de Hory hat bei unseren Feuilletonisten, Staatsanwälten und Sammlungsdirektoren gefruchtet, obwohl mit der Verwendung des Begriffs Fake ja bereits die Qualität bezeichnet wird, durch Eingeständnis der Falschheit auf Wahrheit bezogen zu sein. Offenbar hat sich auch der Begriff der originären Fälschung trotz entsprechender Ausstellungen (zuletzt die lebensgroßen Terrakottafiguren aus der Armee des ersten chinesischen Kaisers im Hamburger Völkerkundemuseum) nicht durchgesetzt. Hängt dem Problem immer noch seine Entstehungsgeschichte in Antike und früher Neuzeit nach, als man nicht auf eigenes Urteil nach persönlichem Augenschein vertrauen konnte, sondern dem Hörensagen ausgeliefert war? Aber damals ging es im wesentlichen um Vortäuschung eines behaupteten Materialwerts wie dem von Gold oder Silber oder hochwertigen Stoffen, den man einem Käufer in betrügerischer Absicht vorenthalten wollte.
Die ewige Wiederholung der gleichen Einwände gegen die Anerkennung von Fälschungen als besonderen Leistungen der Künstler ist umso unverständlicher, als sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, daß sich Expertenurteile über Zuschreibungen und Aberkennungen ohnehin im Laufe der kunstwissenschaftlichen Entwicklung ändern, zum Beispiel für das Œuvre von Rembrandt, ohne daß dabei irgendeine betrügerische Absicht oder ähnliches im Spiel wäre. Aber auch da gilt es, die Frage zu stellen, warum der jahrzehntelange Liebling der Rembrandt-Kenner wie der Rembrandt-Fans, der sogenannte „Mann mit dem Goldhelm“ plötzlich an Wert und Interesse verlieren soll, bloß weil eine Expertenkommission ihn nicht mehr in toto Rembrandt persönlich, sondern einem Maler aus seinem Umfeld zuschreibt. Wenigstens bei Kennern wäre doch zu erwarten, daß der „Mann mit dem Goldhelm“ jetzt umso interessanter ist, als er nicht nur Rembrandts Konzepte, sondern auch die eines zweiten Großmalers vom Range eines Rembrandt zu repräsentieren vermag. Sollten Museen, vor allem die für moderne Kunst, nach Café und Shop nun auch den Museumslimbo anbieten, in dem Betrachter ihre Dalí-Lieblinge, Rembrandt-Ikonen und Gauguin’schen Paradieszeugnisse im Bewußtsein von deren Falschheit anzuschwärmen hätten? Eine solche Einrichtung wäre nicht nur in Sachen der teuflischen Problematik echter Falschheit und falscher Echtheit wertvoll, sondern leistete auch kulturgeschichtliche Bildung der Besucher, nachdem am 20. April 2007 (!) ausgerechnet der deutsche Papst Benedikt XVI. mit der rückstandfreien Auflösung der tausendjährigen Institution Vorhölle/Limbo einen nicht unwesentlichen Teil von deren theologischer Bildung gestrichen hat.
Gerade die Könnerschaft, wie sie Fälscher demonstrieren, schien den Laien vom Teufel zu stammen, mit dem Künstler und andere Übermenschen ja bekanntlich gerne regelrechte Pakte abschließen. Zur teuflischen Macht gehörte eine schier unkontrollierbare Verwandlungskraft, vor der man sich in Sicherheit bringen sollte. Deswegen fühlte der Bürger sich verpflichtet, nur Personen anzuerkennen, die niemand anderer zu sein vermögen, als sie tatsächlich sind. Wer hingegen bekundet, daß er beliebig anders könnte, verscherzt es sich offenbar mit dem Publikum, das angesichts eigener Kümmerlichkeit derart viele Optionen einer Person für teuflischen Schwindel halten muß.
Einen Höhepunkt der Auseinandersetzung um die erkenntnistheoretische Problematik von echten Fälschungen erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg die Lübecker. Als man daran ging, die von Bomben schwer beschädigte Marienkirche am Marktplatz zu sichern und wieder herzustellen, entdeckte man entlang der Chorwände unterhalb des Dachs einige Fresken in sensationell gutem Erhaltungszustand, die man für romanisch hielt. Die Kunstwelt, Ordinarien der Kunstgeschichte, Mediävisten und Ministerpräsidenten pilgerten erwartungsfroh zur Anbetung der Kunstoffenbarung. Zur Feier der Vollendung der Restaurierung richtete man einen großen Festakt aus. Ganz hinten im Festsaal saßen die Handwerker und hörten, wie die Experten auf der Tribüne die einmalige Leistung eines mittelalterlichen Künstlers priesen und die Kirchenvertreter sich über die kulturelle Bedeutung menschlicher wie göttlicher Schöpferkraft ergingen. Schließlich erhob sich einer von den billigen Plätzen und bekannte, daß er sich sehr gewürdigt und geehrt fühle, nach so einer Vergewisserung seines Könnens durch die anwesenden Kapazitäten. Er danke ergebenst, denn er sei der geniale Schöpfer dieser Fresken und heiße Lothar Malskat.
Naturgemäß verschwand Malskat für längere Zeit hinter Gefängnisgittern. Er konnte nie nachvollziehen, warum dieselben Kunstwissenschaftler, die zuvor die entdeckten Arbeiten in höchsten Tönen gepriesen hatten, von dem Augenblick seines Bekenntnisses an ihnen jede Bedeutung absprachen. Leider haben die Experten, um ihre Blamage vergessen zu machen, das Malskat’sche Werk eines romanischen Großmeisters mit Hilfe ebenso ahnungsloser Staatsanwälte, Richter und der üblichen Beteiligten an Großtaten von Dummheit verschwinden lassen.
Bloß dumm aus Geltungssucht und Habgier führten sich die Herren jenes Sterns auf, der sich gerne als Logo unnachgiebiger Gesellschaftskritik vermarktete, als sie Hitlers Tagebücher entdeckten und publizierten. Der Fall ist wirklich nur strafrechtlich und psychopathologisch anzugehen, weil jeder halbwegs Kundige umstandslos die Fälschung aufdecken konnte. Aus dem Fall ist nichts Erkenntnisstiftendes zu holen, da Konrad Kujau nur ein gering begabter Fälscher und ein noch weniger befähigter Faker war. Zu seiner Ehrenrettung könnte man die Hypothese wagen, sein reines Gemüt habe die Selbstrechtfertigung sabotiert, er, Kujau, habe ja nur spielerisch sein Können erproben und den Betrug anderen überlassen wollen.
Wenn ein Gemälde gelungen gefaket ist, dann handelt es sich um eine auf allen qualitativen Niveaus der Darstellung überzeugende Leistung, durch die die Frage nach der Ununterscheidbarkeit von Falschheit und Echtheit unabweislich wird. Wie ließe sich ein Unterschied zwischen einem fünfhundert Jahre alten und einem nur fünfzehn Jahre alten Bild behaupten, wenn dieser nicht feststellbar ist? Die Fälschungsproblematik sollte mittlerweile für so grundlegend gehalten werden, daß man erfolgreiche, weil nur durch Selbstanzeige entdeckte Fälscher nicht mehr ins Gefängnis steckt, sondern auf Philosophielehrstühle beruft.