Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 218 im Original
Nach den entwicklungspsychologischen Studien Jean Piagets ist bei Kindern mit viereinhalb Jahren das Bewußtsein perfekt ausgebildet. Ein Kind mit einem funktionstüchtigen Verstand trainiert ihn durch Lügen, da es offenkundig zwischen richtiger und falscher Wiedergabe von Sachverhalten und auch zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Verpflichtung auf richtige Wiedergabe oder bewußtes Abweichen durch Erfindung von Varianten der Erzählung zu unterscheiden gelernt hat. Durch Erprobung seiner Kommunikation mit Erwachsenen erfährt das Kind, vor allem in moralischen Appellen, daß es bei bewußtem Lügen sogar besonders deutlich auf die Wahrheit bezogen bleibt. Das Kind trainiert seine Intelligenz, indem es die Eltern erfolgreich anzuschwindeln versucht. So erzählen Kinder phantastische Geschichten im Bewußtsein der Falschheit dieser Erzählung. Sie schildern ihre Erfindungen so, als trieben sie irgendeinen Schabernack. Doch das Kind spürt selbst: Je mehr die eigene Erzählung so klingt, als ob sie wahr wäre, desto faszinierender wird sie. Man muß immer wieder betonen, daß die erzählerische Erfindungsgabe von Kindern ein Ausweis für eine gesunde Entwicklung von deren Bewußtsein ist. Die Kinder müssen darin geradezu unterstützt werden, denn Bewußtsein beruht prinzipiell auf einer Differenzerzeugung, in diesem Falle der Differenz von Wahrheit und Erfindung, obwohl beide Erzählungen nach den gleichen Argumentationsmustern vorgetragen werden müssen. Es stehen sich zwar Richtigkeit und Falschheit, aber nicht Wahrheit und Lüge gegenüber; vielmehr ist die Lüge bereits als Ausbildung von Bewußtsein der Differenz zwischen Tatsachen- und Fiktionswiedergaben zu verstehen.
Wenn man in diesem Sinne Lügen bereits als einen Erkenntnisvorgang auffaßt, sollte man auch begrifflich dem entsprechen, zumal das Lügen immer noch als moralisch verwerflich und nicht als erkenntnistheoretisch erhellend gewertet wird. Da bietet sich – analog zum Fake als drittem Objektstatus zwischen originärem Kunstwerk und Fälschung in krimineller Absicht – ein dritter Aussagenstatus zwischen Richtigkeit und Falschheit beziehungsweise zwischen überprüfbarer Aussage als Wahrheit und unüberprüfbarer Aussage als Unwahrheit an, nämlich das Kontrafakt; das ist eine Aussage, die darauf abzielt, dem Urteilsschema Wahr – Falsch zu entgehen, indem man ausdrücklich auf die Ebene von persönlichen Überzeugungen und Glauben wechselt. (2) Wenn etwas als Kontrafakt präsentiert wird, kann man ihm nicht etwa mit der Unterscheidung von zutreffender und unzutreffender Wiedergabe entgegentreten, da eine Glaubensüberzeugung zwar opportunistisch vorgetäuscht sein mag, aber per Definition als ein Jenseits der Rationalität nicht durch Verweis auf unzutreffende Wiedergabe von Sachverhalten erledigt werden kann.
Wenn hingegen die Eltern den Vortrag eines Märchens nach eigenem Gusto abwandeln, werden die Kinder sofort stutzig und insistieren auf einer Wiedergabe des „wahren“ Textes in seinem ursprünglichen Wortlaut. Das Kind drängt also darauf, die Eltern auf nicht variierbare Wiedergabe als Wahrheit zu verpflichten, selbst wenn es um die Wiedergabe von Märchen, also von Fiktionen geht. Damit sichern sich die Kinder eine neue Ebene der Bewertung von Aussagen: die der Souveränität oder Autonomie des Sprechenden – also auch ihrer eigenen Autonomie als Sprecher, nämlich selber über die Bewertung von Wahrheit und Unwahrheit, von Nachprüfbarkeit und Nichtnachprüfbarkeit beziehungsweise von Kontrafakt und Fake zu entscheiden.
Anmerkungen
(2) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.
Buch · Erschienen: 10.10.2008 · Autor: Brock, Bazon