Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 220 im Original
Ein wunderbares Beispiel für die Implikationen des Fakens im Alltag bietet sich unter einigen heutigen Jugendlichen. Sie haben ihre Umwelt daran gewöhnt anzunehmen, daß sie kleine Angeber seien, die sich mit chinesischen Billigkopien teurer Rolex-Uhren an den Handgelenken dicke tun wollen. Auf Grund dieser Einschätzung der Erwachsenen ist es für sie der sicherste Weg, eine gestohlene oder als Hehlerware besorgte echte Rolex durch ostentatives Tragen zu verstecken.
Ihre Urteilssouveränität demonstrieren Jugendliche durch den Gebrauch von Fakes, um sich den präpotenten Erwachsenen der Generation ihrer Eltern überlegen zu zeigen, gerade weil sie von ihnen immer noch unmittelbar abhängen. Haben sie nicht recht, wenn sie sich über Zeitgenossen mokieren, die dumm genug sind, echte Klunker spazierenzuführen – dumm, weil sie nicht damit rechnen, daß das geradezu eine Aufforderung zur Beraubung mit riskanten Folgen sein kann und andererseits dem Eingeständnis gleichkommt, man sei nur eine kümmerliche Figur, die es nötig hat, sich durch Luxusplunder statt durch Witz und Können bemerkbar zu machen? Wenn Jugendliche derartige Souveränität zeigen können, warum herrscht dann zwischen ihnen der alltäglich die Zeitungen füllende Kampf um Markenklamotten, Handys, MP3-Player als Statussymbolen? Zum einen deswegen, weil die Unterhaltungsindustrie diesen Jugendlichen von Kindesbeinen an durch tausendfaches Wiederholen derselben Brutalomuster einbläut, sie müßten gerade in den Käfigen der Raubtiergesellschaft ihr Überleben trainieren, indem sie sich durch Nachahmung der Brutalitäten gegen jede Zumutung feien, als Opfer prädestiniert zu sein. Zum anderen hört man in den Medien täglich von den Statuskriegen, weil man die Berichte so glaubwürdig erfinden kann und dadurch nicht genötigt wird, zutreffend über Ausprägungsformen von Jugendkultur zu berichten, und man hört wenig von denen, die zutreffen. Zutrifft nämlich, daß es gerade keine Jugendkultur gibt, daß längst die grandiose Erfindung der Kindheit rückgängig gemacht wurde und daß sich diese Gesellschaft jede Art Pädagogik als erzieherisches Einwirken verbittet. Denn Kinder und Jugendliche definieren sich für die Gesellschaft ausschließlich durch die Kaufkraft, über die sie verfügen. Wir sind wieder zurück im Mittelalter, wo man Kinder von Erwachsenen nicht unterschied, sondern über sie als Wirtschaftsfaktoren ohne jede Rücksicht auf Psyche und Geist wie auf körperliche Entwicklung verfügte. Wer sich heute dennoch als Jugendlicher jenseits von moralischer Bigotterie des Jugendstrafrechts und des Jugendschutzes entwickeln kann, wird sich als brillanter Faker und Kontrafaktler bemerkbar machen. (3)
Anmerkungen
(3) Brock, Bazon: Fake – Fälschung – Täuschung. In: ders., Barbar als Kulturheld, S. 577 ff.
Buch · Erschienen: 01.01.2002 · Autor: Brock, Bazon · Herausgeber: Zika, Anna