Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 39 im Original
Seit Jahrhunderten werden derartige architektonische Gedächtnisräume entwickelt. Ein solcher ist auch unser „Theoriegelände“. Jedem Ensemble der Ausstellungsobjekte liegt ein Thema zugrunde, das wir aus dem Panorama deutscher Obsessionen, die unsere Köpfe beherrschen, entnommen haben. Die Koppelung von Erinnerungen und Gefühlen an immer wiederkehrende Reaktionen nennt man Traumatisierung. Der hier repräsentierte mnemotechnische Aufbau orientiert sich in erster Linie an den Traumata deutscher Bürger, die es nicht fertig brachten, ihr individuelles Verhalten und ihre Verpflichtung auf nationale, kulturelle und soziale Identität in Einklang zu bringen. Solch unglückliches Bewußtsein führt aber auch zu höchst bemerkenswerten Selbstrechtfertigungs- und Entlastungsstrategien. Eine davon besagt, daß generell die Bildung von Kollektivgedächtnis an Entlastung von Traumatisierungsfolgen gebunden sei. Dafür bietet das Schicksal des jüdischen Volkes das bekannteste Beispiel. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem durch die römische Armee des Kaisersohns Titus im Jahre 70 n. Chr., nach der Aufhebung ihres staatlichen Verbundes und der Vertreibung gelang es den Juden in der Diaspora, der überall gleich fremden und heimatfernen Welt, im Nirgendwo des Überall, den Zusammenhalt einer Kultur- und Religionsgemeinschaft gerade durch die ständige Erinnerung an das traumatisierende Ereignis zu bewahren. Das besagt der rituelle Gruß „Nächstes Jahr in Jerusalem“, wobei bis zum Beginn der zionistischen Bewegung nicht in erster Linie der geographische Ort Jerusalem gemeint war, erst recht nicht ein definiertes Territorium oder ein Nationalstaat. Gemeint war vielmehr ein Vorstellungsraum der weltgeschichtlichen Heilsbewegung, in dem das jüdische Volk wie seine Individuen alle historisch wie systematisch gegebenen Bestimmungen ihres Selbstbewußtseins als Glieder des Volkes Gottes bewahren konnten.
Um für ein solches Verhältnis von Biographie und Utopie zwei Beispiele zu geben: Zwar ist mit „Paradies“ eben der Ursprungsort früher menschheitlicher Entwicklung bezeichnet, aus dem sich das Adjektiv „paradiesisch“ ableitet; aber uns ist allen völlig klar, daß wir in dieses Paradies nicht zurückkehren können. Eine ähnliche Erfahrung mit dem Verhältnis von Vorstellungswelt beziehungsweise Raum der Erinnerung und den realen geographischen Räumen ruft der Begriff „Heimat“ auf. Er kennzeichnet die Orte kindlicher Entwicklung unseres Weltverständnisses und späterer Bestätigung der Erinnerungsbilder; aber Heimat wird erst zu einer beherrschenden Suggestion, wenn man sie verlor oder verlassen mußte. Wer den Versuch macht, in sie zurückzukehren, erfährt in der Regel, daß sich der überwältigende Glanz der Heimatlichkeit schnell abschwächt. „Paradies“, „Jerusalem“, „Heimat“ erweisen sich offenbar als besonders faszinierend, solange zwischen unseren Vorstellungsräumen und den realen Lebensräumen ein tiefer Riss spürbar ist.
Wer die Traumatisierung von Individuen wie Kollektiven auch nur anspricht, geschweige denn zur ihrer Therapierung beitragen will, hat sich einer grundsätzlichen Frage zu stellen: Soll die traumatisierende Erfahrung gelöscht, also vergessen werden, um Leidensdruck zu vermindern und gewissermaßen Souveränität über die bisher zwanghaften Reaktionen auf die Erinnerungen an das traumatisierende Ereignis zu gewinnen? Oder zielt man darauf ab, daß die Leidenden durch immer stärkere Symptomverordnung gegenüber den auslösenden Ereignissen allmählich abstumpfen? (10) Was immer Psychotherapien oder „Erinnerungskulturen“ zur Beantwortung dieser Frage bisher beigetragen haben mögen – wir orientieren uns mit unseren Anleitungen auf eine weitere Möglichkeit der Vermittlung zwischen Erlebnis und Reaktion oder Vorstellung und Aktion oder intrapsychischem Geschehen und Kommunikation. Gemeint ist die menschliche Kraft zur Antizipation und zur Empathie, den wichtigsten Gestaltungsgrößen von Memoriallandschaften und Memorialtheater. Empathie bezeichnet im Unterschied zu Sympathie nicht nur ein Mitleiden im Nachvollzug, sondern ein Vorausleiden, d.h. die vorlaufende Erfahrung des noch nicht Eingetretenen, aber jederzeit Erwartbaren. Die Fähigkeit zum Vorauslaufen der Vorstellung vor der konkreten Wahrnehmung bezeichnet der Begriff Antizipation.
All unser Planen basiert auf dieser Kraft zum vorwegnehmenden Rechnen mit noch nicht eingetretenen Ereignissen und zur Bewertung von deren Folgen. Antizipation und Empathie kennzeichnen unsere Arbeit im Theorie- und Therapiegelände, im Museum als Heimat, im Theater als Paradies und in der Mediensimulation als himmlischem Jerusalem (das hieß einstmals Kathedralenbau). Die äußerste uns mögliche Vorwegnahme ist die des eigenen Todes oder gar des Endes der Welt (Heidegger nannte das den Vorlauf zum Tode). Die empathische Bewertung dieser ultimativen Ereignisse führt aber, entgegen aller landläufigen Auffassung, nicht dazu, im Jammer zu versinken oder die Nichtigkeit der Welt fast triumphal gegen jede andere Einstellung zu behaupten. Nichts ist eitler und wahnhafter als die seit antiken Zeiten überlieferte, vermeintlich tiefste Einsicht, daß angesichts des Endes alles menschliche Wollen nur eitle Vergeblichkeit sei. Denn die anthropologisch wie theologisch wie sozialpsychologisch gleichermaßen gut begründete Schlußfolgerung aus der menschlichen Kraft zur Antizipation führt gerade zur gegenteiligen empathischen Bewertung: Wer sich auf das Schlimmste vorwegnehmend einläßt, hat tatsächlich die beste Chance, den drohenden Schrecken zu überstehen; oder: Wer sein oder das apokalyptische Ende der Welt gedanklich vorwegnehmen kann, ist nicht mehr durch Angst terrorisierbar und hat damit die Kraft, immer erneut zu beginnen (mit dem Apfelbaumpflanzen oder dem Buchschreiben oder der Zeugung von Kindern). (11) Kirchenvater Augustin behauptete sogar, daß die Menschen geschaffen worden seien, damit in der Entwicklung der Welt neben den Ereignissen aus dem unbeeindruckbaren Walten der Naturgesetze die Möglichkeit zur Geltung komme, gerade durch die Vorwegnahme des radikalsten Endes die Kraft zum jederzeitigen und immer erneuten Beginnen zu finden. Ernst Bloch nannte es das „Prinzip Hoffnung“. Wir nennen es die Parallelführung von Antizipation und Empathie, von Vorauswissen und Vorausleiden.
Anmerkungen
(10) Siehe den Beitrag von Harald Weilnböck „Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben.“ Trauma-Ontologie und anderer Miss-/Brauch von Traumakonzepten in geisteswissenschaftlichen Diskursen. In: Mittelweg 36, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 16. Jahrgang, April/Mai 2007, S. 2-64.
(11) Siehe Kapitel „Das Leben als Baustelle – Scheitern als Vollendung“