Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 158 im Original — direkt zum Text ↓
Die zertrümmerten und in den Staub getretenen Hoheitszeichen Nazi-Deutschlands, über die Schukow sich als Sieger erhebt, manifestieren einen Aspekt der „Entdeutschung“ nach 1945. Ein weiterer wurde als Entnazifizierung historisches Faktum; sie scheiterte bekanntlich an dem bemerkenswerten Bekenntnis von Millionen der Otto-Normaldeutschen, überhaupt keine Nazis gewesen zu sein. Nur wenn jemand Nazi gewesen war und das auch bekannte, konnte er logischerweise entnazifiziert werden. Für diese Gruppe steht beispielhaft Hans Globke, der Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer. Globke hatte 1935 immerhin an der Formulierung der „Parzifal-Gesetze“ zur Reinhaltung des deutschen Blutes entscheidend mitgewirkt (mit Bezug zu Disraelis Schöpfung des Kontrafakts „Rassereinheit“). Adenauer war der Überzeugung, daß gerade diejenigen verläßliche Mitarbeiter einer demokratisch legitimierten und kontrollierten Regierung werden könnten, die ihre einstmals üblichen Irrtümer eingesehen und deren Folgen glaubwürdig bereut hatten.
Zum politischen Kampfbegriff wurde Entdeutschung durch die Gewohnheit von Siegern, aus gewonnenen Territorien die Angehörigen besiegter Völker zu vertreiben oder auszusiedeln (Entdeutschung Westpreußens nach 1921, Entdeutschung Schlesiens, Ostpreußens und von Hinterpommern nach 1947).
Begründet hat das Konzept der Entdeutschung, so weit wir wissen, Friedrich Nietzsche, um damit seinen Widerstand gegen das antisemitische Pathos von Bayreuth und Berlin, von Wagner und dem Hofprediger Stoecker zu bekunden. Nietzsche bereitete damit eine Beurteilung der deutschen Entwicklung nach 1871/72 (Reichsgründung und Bayreuth-Gründung) vor, die erst gegenwärtig, also weit jenseits von Nietzsches Erwartungshorizont, verstanden wird und die wir unter dem Titel „Widerruf des 20. Jahrhunderts“ ansprechen.
Die im Namen der „heil’gen deutschen Kunst“ von Wagner und im Namen der deutschen Weltgeltungsmission von Wilhelm II. durchgesetzte Entfesselung der Deutschen führte in historischer Sicht zur weitestgehenden Zerschlagung von Reich, Nation, Volk und Land, jedenfalls in der Gestalt, die man zum Ende des 19. Jahrhunderts mit so überwältigender Evidenz glaubte errungen zu haben, daß daraus der Anspruch auf Weltgeltung abgeleitet werden konnte. Daß der Versuch radikaler Durchsetzung eines Machtanspruchs zum vollständigen Verlust der Machtmittel führt, wird den Mächtigen der Welt nicht zuletzt durch Propheten, Dramatiker und Historiker seit Jahrtausenden vorgeführt. Hingegen blieb die Frage unentschieden, ob es gelingen kann, nach der Selbstzerstörung der Macht durch Allmachtswahnsinn wieder in die Ausgangslage zurückzukehren. Für die Deutschen nach 1989 heißt das zu fragen, ob es eine Chance gebe, nach der grausamen Entdeutschung aller Sphären des menschlichen Daseins auf dem europäischen Kontinent (und durch Verfolgung und Vertreibung nach 1933 weit über Europa hinaus) an das vorwagnerische und vorwilhelminische Deutschland in all seinen kulturell-religiösen, künstlerisch-wissenschaftlichen, politischen und sozialen Potentialen anzuschließen. Aber welche Zeit wäre das? Etwa die Dekaden von 1813 bis zur Entlassung Bismarcks, mit Zensurregime, blutig/unblutig gescheiterten Freiheitsbewegungen wie 1848/49, mit Landflucht und Bildung städtischen Proletariats unter heute unvorstellbaren Lebensbedingungen? Wäre die Entdeutschungsorgie, die gerade im Namen der heiligsten deutschen Güter gerechtfertigt wurde, nicht entstanden, wenn schon 1866 und nicht erst 1938 die großdeutsche Vereinigung mit Österreich erfolgt wäre? Was wäre, so die Frage an die Uchronie-Forschung, zu erwarten gewesen, wenn nicht Herzl mit den Mitteln deutscher Großpathetiken aus Musik, Philosophie und Dichtung das zionistische Projekt maßgeblich bestimmt hätte, sondern etwa der Wiener Rabbiner Bloch, dem der Musiker Felix Mendelssohn-Bartholdy und der Aufklärer Moses Mendelssohn wichtiger waren als Wagner und die Titanen Ranke, Treitschke und Mommsen?
Es gibt aber auch die gut begründete Auffassung, daß nach 1945 nicht nachhaltig mit dem Machtwahn im Namen der Weltgeltung des Deutschtums gebrochen worden ist. Entdeutschung wäre dann immer noch erst fällig als eine Befreiung (im Sinne Nietzsches) von der Suggestivität eines wörtlich verstandenen „Deutschland über alles“, das durch Verweis auf in Deutschland erbrachte wissenschaftliche, künstlerische, technologische und sportliche Leistungen gestützt wurde.
Daß ein programmatisches Bemühen um Entdeutschung ins Gegenteil umschlagen kann, beweisen nicht zuletzt die Millionen deutscher Nachkriegstouristen, die ganz gegen die Gewohnheit des altdeutschen Auftrumpfens („hier wird deutsch gesprochen, Eisbein und Bier serviert“) alles daransetzen, nicht als Deutsche identifiziert zu werden. Deutsche reisen in der ganzen Welt umher und üben sich darin, andere zu sein, als sie sind. Im Ausland täuschen sie gerne das Beherrschen von Fremdsprachen vor, um sich den Anschein des Weltläufigen zu geben. Gerade durch dieses Verhalten, dem Stottern auf Italienisch, Spanisch und Englisch, erscheinen sie den Einheimischen erst recht als das, was sie eben sind, nämlich Deutsche, die unbedingt ihr Deutschsein abschütteln wollen – heute vornehmlich unter dem Vorwand, sich der Globalisierung anpassen zu müssen. Es gibt nichts Lächerlicheres als deutsche Wissenschaftler, in erster Linie Germanisten, Soziologen, Philosophen, Kunsthistoriker, die stolz auf den Gebrauch ihrer Muttersprache, das heißt auf zwei Drittel ihrer Denk- und Ausdruckskapazität, verzichten, um Anpassung an eingebildete Internationalität zu demonstrieren.
Zur schweren Entdeutschung, aber auch zur umso lohnenderen Enttäuschung, das heißt zur Befreiung von Identitätspolitik und Kulturkrampferei zugunsten von Weltbürgertum und universaler Zivilisierung der Menschheit, wird unser Bemühen, wenn wir die Tatsache nicht leugnen, daß auch die aufgeklärtesten Zeitgenossen als Sozialisten, Humanisten, Universalisten, die glücklich den Kulturen und Religionen entlaufenen Künstler und Wissenschaftler, grundsätzlich und für ihre gesamte Lebenszeit kulturalistisch und religiös geprägt bleiben. Niemand kann seiner Muttersprache, seiner Enkulturation, von der Kleinfamilie über den Stamm bis zur Ethnie und zur Religionszugehörigkeit, entgehen. Man kann nur lernen, mit dieser Grunddisposition umzugehen angesichts der Tatsache, daß es sehr viele unterschiedlich kulturell-ethnisch-religiös-sprachlich geprägte Individuen wie Gruppen von Menschen gibt. Eine schwere Entdeutschung hieße dann nicht, seine Prägung als Deutscher zu verleugnen, zu mißachten oder zu verlernen. Wie es sinnlos ist, Europäer sein zu wollen, ohne etwa als Bulgare, Brite oder Belgier geboren zu sein und wie es sinnlos ist, Weltbürger sein zu wollen, ohne etwa dem arabischen oder dem chinesischen Kulturkreis, geschweige dem der Bantus anzugehören, bleibt es auch vergeblich, sich zu entdeutschen, ohne Deutscher zu sein und zu bleiben. Das zeigten vor allem die Zwangsentdeutschten, die etwa als Juden in den USA oder in Tel Aviv die höchsten Standards des Deutschseins repräsentierten, welche in Deutschland selbst gerade im Namen der Durchsetzung des Deutschtums zerstört worden waren. Den besten Beleg für derartige Zusammenhänge bietet die explosionsartige Entfaltung der Wissenschaften, seit ihre Repräsentanten gerade angesichts der allen gemeinsamen Untersuchungsgegenstände in ihrer jeweiligen Muttersprache zu denken und zu veröffentlichen begannen. Wie das Lateinische als Universalsprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sich gerade dem Machtanspruch und der Machtentfaltung Roms, also des katholikos, verdankte (und nicht etwa der Idee freien Zugangs zu den Heilsgütern), so ist auch die angebliche Universalsprache Englisch Ausdruck der Begierde, der mächtigsten Agglomeration von Verfügung über Wissen anzugehören (und nicht etwa Einladung an jedermann, an der Nutzung des Wissens teilzuhaben). Dafür ist unübersehbarer Beweis, daß jede halbwegs Profit versprechende Erkenntnis durch Patentierung und ähnliche Verfahren gerade der Allgemeinheit entzogen wird. Über diese Beraubung darf dann die ganze Welt im touristischen Minimalenglisch lamentieren.
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