Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 337 im Original
Die Angehörigen meiner Generation sind zu keinem Zeitpunkt in die Versuchung geraten, durch die erlittene Traumatisierung einen Opferstatus für sich zu beanspruchen. Die meisten haben sich von verführerischen Angeboten distanziert, die manche Funktionäre der Kriegsopfer- und Heimatvertriebenenverbände schamlos unterbreiteten; wir haben es weitestgehend unterlassen, als Kriegswaisen, Flüchtlinge oder Vertriebene unser Opferdasein anzupreisen oder auszubeuten. Der andernorts begangene Fehler, die Flüchtlinge auf Dauer in Lagern einzupferchen, wo sie dann Opferpotentiale entwickeln können, wurde vermieden. Das gelang durch die Integration der Flüchtlinge ins gesellschaftliche Leben, die wiederum darin bestand, sie sich zu tatkräftigen Konkurrenten der Aufnahmegesellschaft entwickeln zu lassen. Die Integration von zwölf Millionen Flüchtlingen aus Ost- und Westpreußen, Hinterpommern und Schlesien ins politisch und ökonomisch zerstörte „Rest“-Deutschland hat verhindert, daß die Flüchtlinge zur politischen Verfügungsmasse werden konnten. Im Gazastreifen beispielsweise hat man solche Überlegungen nicht berücksichtigt. Vielmehr war man daran interessiert, aus den Hunderttausenden seit 1948 in Lagern gehaltenen Palästinensern politisches Kapital zu schlagen. Zwar wird öffentlich immer wieder bekundet, was man Menschen antut, wenn man sie zu Opfern macht; aber die Überwindung dieser Erniedrigung wurde in auffälliger Weise für die Lager-Palästinenser nicht erreicht, obwohl weitere Hunderttausende der 1948 Vertriebenen zeigten, daß sie sich erfolgreich in die umliegenden arabischen Gesellschaften integrieren konnten.
Für sich selbst haben die Israelis in den Gründungsbekundungen des Staates Israel hervorgehoben, daß es den Staat geben müsse, damit Juden nie wieder den Status von Opfern akzeptieren müßten. Israel entwickelte eine Strategie der Stärke, die von dem unbedingten Anspruch beseelt war, sich in Zukunft niemals mehr fremdem Willen zu unterwerfen. In dieser Hinsicht erhalten die Verpflichtungen, sich auf ewig an die Schoah und die Nakba, an die Katastrophen der Juden wie der Palästinenser im Opferstatus zu erinnern, eine für die Zukunft bestimmende Kraft.
Unseren Landsleuten scheint diese Kraft abhanden gekommen zu sein. Ihren kruden Wettbewerb um die beste Opferrolle nennen wir „Opferolympiade“. (10) Der viktimistische Wetteifer funktioniert zwischen den Opfern der sozialen Verhältnisse, denen des Arbeitsmarkts oder der Verwahrlosung in der Kindheit. Fast ein jeder wird gezwungen, Opfer zu sein, um sich in der Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Versucht jemand, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so muß er sich den von der so genannten „vierten Gewalt“ diktierten Bedingungen entsprechend als Opfer stilisieren. Nur die Anteilnahme auslösende Figur des Opfers scheint die erwünschte Medienausbeute zu garantieren. Dieser Logik der Medien folgend, werden Menschen geradezu genötigt, sich als Opfer darzustellen: mal als Opfer der Konjunktur, der Börse, der Wirbelstürme, mal als Angehörige von Minoritäten, genetisch Benachteiligte oder von Verlierer im Generationen-, Geschlechter- oder Klassenkampf.
Dabei scheint es doch ziemlich unsinnig zu sein, noch von Opfern zu sprechen, wenn niemand mehr Täter sein will. Derartige Unsinnigkeit zu akzeptieren wird zur allgemeinen Regel, wo der Vorwurf fehlender Zukunftsphantasie, Initiativkraft oder Verantwortungsbereitschaft abgewehrt werden soll.
Vor Gericht wurde es zum probaten Mittel der Entlastung selbst für rabiateste Täter, wenn sie sich als Opfer von Familienverhältnissen in ihrer Kindheit oder Benachteiligung in der Schule und im Arbeitsleben und dergleichen darstellten. Selbst ein Hermann Göring wollte sich so als ein Opfer Hitlers gerieren. Heute führen diese Göring’sche Groteske jene Chefbanker weiter auf, die sich durch die Bank als Opfer der von ihnen selbst herbeigeführten Bankenkrise präsentieren. Rücksichtsloseste Mörder, die es als ihre Ehre ausgaben, jedem erteilten Befehl treu zu folgen, reklamierten nach dem Ende ihrer Willkürherrschaft, nur Opfer der Gehorsamspflicht zu sein. (11)
Selbst die oberste Finanzaufsicht (BaFin) sieht sich als Opfer der Rating-Agenturen, was nichts anderes heißt als, die Aufsichtsbehörde ist das arme Opfer der Vernachlässigung ihrer Pflichten. Und wer hätte schon damit rechnen können, so sagen sie, daß man von den Aufsichtsorganen in Unternehmen oder sonstwo erwarten würde, ihre Pflicht zu erfüllen; daß sie dafür bezahlt würden, gelte nicht der Kontrollverpflichtung, sondern ihrer Fähigkeit, der Öffentlichkeit die Sicherheit zu vermitteln, daß es keiner Kontrolle bedürfe, wenn alle Beteiligten alle Entscheidungen markt- und fortschrittskonform vollzögen.
Es ist üblich, die eigene Schuld oder den eigenen Schuldanteil an einer Tat zu mindern, indem man für sich reklamiert, keine Handlungsalternativen besessen zu haben. Ganz zu schweigen von dem Veitstanz der Entlastung vor dem Vorwurf des Versagens, den die für ihre Untaten Schweigegelder in Höhe vieler Millionen beziehenden Ex-Bosse aufführen, wird bereits im Kleinen erfolgreich die Strategie – was kann der Sigismund dafür, daß er so blöd ist – eingeübt.
Wo der gesellschaftliche und erzieherische Einfluß heutzutage als bestimmend für die Entwicklung der Kinder angesehen wird, muß man sich nicht wundern, wenn sich als erfolglos erlebende Kinder ihre eigenen Eltern anklagen, sie hätten durch falsche oder nicht angemessene Erziehung keine Chance zu einer erfolgreichen Schul-, Studien- oder Berufskarriere gehabt. Werden dann von Fall zu Fall aus Versagern tatsächlich Kriminelle, so steht die Rechtsprechung vor einem echten Problem: Da die Gesetze einerseits allgemeine Gültigkeit beanspruchen, andererseits aber ein außerordentlicher Fall, also ein Einzelfall zur Vorlage gebracht werden kann und als solcher geprüft werden muß, entsteht ein Dilemma: Zwar gelten Gesetze für alle, soweit sie auf gleiche Weise betroffen sind. „Gleiches gleich, ungleiches ungleich“ zu behandeln, war seit römischen Zeiten den Richtern geboten. Die Einzelfallprüfung wird jeweils eine Abweichung von der Anwendbarkeit der allgemeinen Regel ergeben, denn dadurch wird ja gerade der Einzelfall gekennzeichnet und bestätigt. In bestimmten Problemfeldern ist jeder Fall ein Einzelfall, der als Ausnahme von der Regel gewertet werden muß, so zum Beispiel, wenn es heißt, „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ (GG, Art 16a (1)). Doch mit jedem weiteren Einzelfall, der eine Ausnahme verlangt, verliert das Gesetz an Trennschärfe zwischen politisch Verfolgten und eben nicht politisch Verfolgten. Schließlich können alle Sachverhalte der Lebensumstände als politisch motiviert gelten. Die Anerkennung, daß alles, die Wirtschaft, das Familienleben, die Geschlechterrollen, die Gerichtsbarkeit, politisch begründet sei, hebelt das Gesetz aus, d.h. es wurde ausgehebelt, indem die klar markierte Unterscheidung von politischer und nicht politischer Verfolgung aufgehoben wurde. Damit wurde, getragen von humanitärer Gesinnung, der Sinn des Gesetzes preisgegeben, auf den sich gerade die tatsächlich politisch Verfolgten verlassen möchten. Sie sehen sich lächerlich gemacht, weil ihr politischer Widerstand gegen Gesetzlosigkeit und Willkür gleichgesetzt wird mit opportunistischer Ausnutzung der Rechtsstaatlichkeit.
Für mich selbst war es stets ein Affront, akzeptieren zu sollen, daß Kinder eines allein erziehenden Elternteils aus dieser Tatsache von vornherein schlechtere Entwicklungschancen hätten als ihre Altersgenossen aus intakten Familien, denn zu meiner Schulzeit waren wir Kriegswaisen und Halbwaisen häufig die Mehrheit unter den Klassenkameraden. Nie hörte man von einer Statistik, daß diese Kriegskinder durch ihren Status z.B. als Halbwaisen prädestiniert dafür gewesen seien, in ihrem weiteren Leben zu Verlierern, Asozialen oder Kriminellen zu werden. Ganz im Gegenteil waren diese vermeintlich ihrer Entwicklungschancen Beraubten besonders motiviert und widerstandsfähig gegen die Herabwürdigung zu Opfern, und sei es zu Opfern der sozialfürsorglichen Bevormundung.
Anmerkungen
(10) Im Artikel „Stunde der Wahrheit“ in der „Neuen Züricher Zeitung“, 7./8. Juli 2007, Nr. 155, S. 47, fällt in einem Gespräch mit Imre Kertész der in diesem Kontext treffende Ausdruck „Opferkonkurrenz“.
(11) Siehe unser theoretisches Objekt Koppelschloß: Modifikation von „Unsere Ehre heißt Treue“ zu „Unsere Ehre heißt Reue“.