Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 187 im Original — direkt zum Text ↓

II.6 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde

Text

Die Betonung des Neuen in allen Kunstavantgarden ist eine Herausforderung, die häufig durch Aggression, Leugnung oder Flucht des Publikums beantwortet wird. Professionalisierte Betrachter gehen vernünftiger vor. Wenn das Neue wirklich neu ist, ist es unbestimmt, also kann man von diesem unbekannten Neuen nur mit Bezug auf das bekannte Alte sprechen. Die gesamte Moderne ist in dieser Vergegenwärtigung von Vergangenheiten als höchst bedeutsame Erweiterung der gegenwärtigen Ressourcen extrem erfolgreich gewesen. Avantgarde verabschiedet sich nicht aus den Traditionen, sondern hält sie in immer neuer Sicht präsent. Musealisierung ist die Strategie des Fortschritts, vor allem der Zähmung des Mutwillens von Kulturkämpfern, Testosteronkriegern, Virilblutern und ihrer ideologischen Betreuer. Nur wenn die Zivilisierung jener Kulturbarbaren gelingt, besteht Aussicht auf Normalität.

Im Theoriegelände zeigen wir das behälterwissenschaftliche Objekt der Museumsvitrine. (1) Sie repräsentiert den Inbegriff der Museumsinstitution als Zivilisationsagentur und enthält eine ganze Reihe von eigenartigen Kunstprodukten und von Menschenhand gestalteten wie in der Natur vorkommenden Objekten. In kulturhistorischer Anbindung an die fürstlichen Kunst- und Wunderkammern ermöglicht die Vitrine Objektarrangements, die in einer Ordnung des Heterogenen allgemeines Interesse beanspruchende Wahrnehmungsanlässe bieten. (2) Die Fürsten errichteten diese Sammlungen von Kunst und Kuriositäten lange, bevor es Museen als ausgewiesene Institutionen gab. Unter den fürstlichen Schätzen befanden sich curiositates rerum naturae, also beispielsweise auffällige Steine, die aus Kamelmägen stammten, oder der Stoßzahn eines Narwals, den man als Einhorn interpretierte. Vor allem die Neugier erregen und die Phantasie beschäftigen sollten diese Objekte, so daß ihre Präsentation gleichsam zur Anleitung wurde, wie man sich eine Ordnung der Welt vorstellen könne; dieser Gedanke war zuvor schon in die Einrichtung der studioli eingegangen. Solch private Studierstuben und Gelehrtenzimmer, in denen der Fürst der Welt in Gestalt von Büchern und ausgezeichneten Kunstwerken begegnete, boten einen ganz und gar weltlichen Erschließungszusammenhang.

Auf der Ebene geistlicher Präsentationsformen taten sich die Reliquienkammern in den mittelalterlichen christlichen Zentren hervor. Die Reliquiensammlungen interessierten die Bevölkerung in erster Linie auf Grund der heilsgeschichtlich aufgeladenen Objekte, denen eine heilende Wirkung zugesprochen wurde. Reliquien waren äußerst kostbar und vor Dieben zu schützen. Da das Fingerknöchelchen eines Märtyrers nicht jedem in die Hand gegeben werden konnte, mußte es aus einem Abstand von ein paar Metern gezeigt werden. Die Reliquie war oft so winzig klein, daß sie kaum sichtbar war. Folglich mußte die Sichtbarkeit des Nicht-Sichtbaren sichergestellt werden. Aus der Notwendigkeit, die Knöchelchen, Splitter und Reste der Heiligen auf eine ansprechende Weise zu zeigen, entstand das phantastische Instrument der sogenannten Monstranz. Dieses sehr auffällig gestaltete Zeigegerät mit goldenem Strahlenkranz besitzt in der Mitte einen Behälter, der, mit optischen Vergrößerungsspiegeln versehen, etwas in Erscheinung treten läßt, was ohne technische Unterstützung weitestgehend unsichtbar bliebe; zugleich wird das in der Monstranz befindliche Objekt als Gezeigtes hervorgehoben. Mit der Monstranz wird uns die Geburtsstunde aller musealen Techniken im Zeigen des Zeigens vor Augen geführt. Je mehr sich die präsentierten Dinge der Sichtbarkeit entziehen, desto bedeutsamer wird das Zeigen des Zeigens, und damit rückt das Sehen und Betrachten selbst in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

Anmerkungen

(1) Als ich 1974 in der Uni Kassel in einer Veranstaltung von Lucius Burckhardt die Behälterwissenschaft einführte, habe ich expressis verbis bereits die Einheit von Museum als Behälter (=Müllcontainment) und andererseits Mülldeponien/Endlagerungsstätten des atomar strahlenden Mülls als Schatzhäuser der kulturellen und religiösen Letztbegründung konzipiert. Siehe Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“ und Brock, Bazon: „Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme.“ In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990, S. 11 ff.

(2) Brock, Bazon: „Zur Rekonstruktion einer zeitgemäßen Kunst- und Wunderkammer.“ In: Le Musée sentimental de Cologne. Hg. v. Daniel Spoerri. Köln 1979, S. 18–27.

Medien

Museumsvitrine – die Welt in Konstellationen, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 188 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.

siehe auch: