Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
– Musealisiert Euch!
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Abschnitt, beginnend auf Seite 189 im Original
Im Museum sieht der Besucher, auf welche Weise etwas gezeigt wird. Zugleich beobachtet er dort Menschen, die selbst Artefakte betrachten. Er beobachtet also andere Besucher, die ihrerseits anderen Menschen zusehen, denen etwas dargeboten wird. In verschiedenen Kunstgattungen sind diese reflexiven Formen des Betrachtens besonders anschaulich gestaltet, so etwa in der im 18. Jahrhundert auf dem Höhepunkt stehenden Veduten-Malerei. Bei Veduten (italienisch veduta, „Ansicht“, „Aussicht“; aus dem lat. vedere, „sehen“) handelt es sich zumeist um Stadtansichten. So vermittelt uns ein Maler wie Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, beispielsweise im Blick durch ein geöffnetes Fenster, Ansichten von venezianischen Stadtlandschaften, auf denen der Betrachter dem Treiben einer munteren Bevölkerung auf Straßen und Plätzen zusieht. Die im Bild Dargestellten schauen sich nach anderen Menschen um, die ihrerseits die Kulisse Venedigs betrachten; unter ihnen sind einzelne Gestalten anzutreffen, die den Bildbetrachter zu fixieren scheinen.
Wenn, wie in dieser für die Veduten charakteristischen Zusammenstellung, Menschen andere Menschen bei der Betrachtung beobachten, so spricht man von Beobachtung zweiter Ordnung. Die Beobachtung der Beobachter ist ein reflexives Grundphänomen, das uns heute in den modernen Wissenschaften der Soziologie, der Psychologie und der Erkenntnistheorie allenthalben begegnet. Im Wesentlichen thematisiert die Vedute Wahrnehmung als reflexives Sehen. Wer sich zu dieser reflexiven Anstrengung nicht bereit findet, kann zwar immer noch Gemälde betrachten, wird allerdings nichts erkennen, also nichts der Betrachtung anheimstellen können. (3)
Der einzige Weg zur sinnvollen Betrachtung führt über die Theorie. Der griechische Begriff Theorie bedeutet, eine sinnfällige Betrachtung über das vor Augen Stehende anzustellen. Als vor 2.500 Jahren die Zuschauer in den Rängen eines Theaters saßen und dem Tragödiengeschehen auf dem Proszenium folgten, betrieben sie nichts anderes als Theorie. (4) Indem sie Verständnis für das präsentierte Ereignis entwickelten, es also in einen Bezug zu sich selbst brachten, erschlossen sie sich reflexiv das theatralisch dargestellte Gefüge.
Anmerkungen
(3) Seit Schülerzeiten versuchte ich mir klar zu machen, wie man durch bloßes Maulhalten zu einem Weisen werden könne, denn Lateinlehrer Naumann hielt offenbar die Sentenz „si tacuisses philosophus mansisses“ in ihrer Bedeutung für so selbstverständlich, dass er uns keine Erklärung für die Behauptung geben zu müssen glaubte. Wie Boëthius in seinen Tröstungen der Philosophie angibt, gilt es, auf Kränkungen und Schmähungen als wahrer Philosoph nicht zu reagieren; wienerisch: gar nicht erst ignorieren. Die Methode gilt offensichtlich nicht nur zum Beweis von philosophischer Charakterbildung, sondern ebenfalls zur Begründung von Tiefsinn schlechthin. Denn es heißt ja „et at tacites deduxit Pallas sacros“, also: Pallas offenbart die Heiligtümer nur dem, der bereit ist, im Staunen sprachlos zu werden, oder: die Göttin schafft uns Seelenkraft dadurch, dass wir lernen zu schweigen. Mich haben diese Begründungen von Tiefsinnigkeit immer wütend gemacht, zumal die Schweigenden ihre Überlegenheit, also Weisheit, durch ein mokantes, herablassendes Lächeln zu bekunden pflegen. Die vor Staunen Sprachlosen unter den Museumsbesuchern stellten sich am Ende der Gespräche in der Besucherschule als die Dümmsten, aber Anspruchsvollsten heraus. Sie forderten alle denkbaren Informationen, Erklärungen, Sinnstiftungen vor den Werken ein, um dann stets überlegen zu bekunden, dass dieses Wissen natürlich nicht im Geringsten der Großartigkeit des staunenden Schweigens vor den Meisterwerken gewachsen sei.
(4) Zum Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis siehe im Kapitel „Musealisiert Euch! Europas Zukunft als Museum der Welt. Ein Lustmarsch durchs Theoriegelände“ den Abschnitt „Eröffnungsspiel: Preußische Partie“.
Buch · Erschienen: 10.10.2008 · Autor: Brock, Bazon