Abschnitt, beginnend auf Seite 52 im Original
Ölpest in den Kunst-Ödyllen
Text
Seit Jahren drängt sich mir tagtäglich ein Vorstellungsbild auf. In der Schwerölschmiere gefangene Kreaturen, die sich mit letzten Zuckungen gegen den Erstickungstod wehren, verformt die Phantasie zu Bildwerken, wie sie etwa Alfred Kubin dem selbstvergessenen Bürgertum zugemutet hat. Nahe liegt, dass der Begriff Ölmalerei als generelle Kennzeichnung für das Künstlerwerken die Transformation von ölverschmierten Vögeln zu im Kapital erstickenden Werken in Gang setzt. Die Vision der durch schwarze Finanzpropaganda verschmierten Kunstwerke verkrampft meine Muskulatur, als sei ich selbst schon in der Ölpest gefangen. Solche Phänomene kennt die Alltagssprache als Versumpfen, als verschlingende Macht des Beziehungsgeflechts in Wirtschaft und Gesellschaft, der Mafiosi wie der Regierenden, einem „Sumpf aus Korruption, Kumpanei, Indoktrination“, von dem täglich in der Presse zu lesen ist.
Nun fiel mir unerwartet die Meldung einer Freundin aus alten Zeiten, als man noch an das Trockenlegen von Sümpfen glaubte, zu. Da gebe es im Badischen, traditionsgemäß Heimat der deutschen Freiheitskämpfer und Sozialreformer, Friedrich Hecker, Friedrich von Gagern und Robert Blum, den Künstler Scopin, der für seine Bildwerke Bitumen, also Teer, also Ölschmiere verwendet, weil dieses Zeugnis erdgeschichtlicher Wandlung am besten geeignet ist, die Bedingungen unseres Lebens auf Erden auszuweisen. Öl als fossile Energie für die Industriegesellschaften bezeichnet, jenseits aller Dialektik, das Treibmittel des Fortschritts wie der fortschreitenden Untergangsdrohung durch eben jenen Fortschritt. Und das Signum solcher schöpferischen Zerstörung, das signum mortificationis, ist das Bitumen als Basis der Chemie und insbesondere der Pharmakologie – Lebensförderung mit tödlicher Bedrohung.
Scopins Rückführung der Malerei mit Ölfarbe auf das künstlerische Gestalten mit Bitumen eröffnet eine höchst interessante Variante zum Thema „Kunst und Leben“. Denn das Arbeiten mit Teer/Bitumen im Straßenbau hat die Oberfläche des Erdkreises verwandelt wie nur wenige andere Materialien, etwa Düngemittel mit Herbi-/Pestiziden oder Sand/Silicium als Zement und in elektronischen Systemen.
Scopins Arbeiten werden ganz sicher nicht im Sumpf von Finanzindustrie und Pornografie, der hilflosen Definition der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, versinken. Denn sie ragen aus diesem Sumpf hervor als gespenstische Zeugnisse einstmalig hochgeschätzter Historien- oder Landschaftsmalerei. Sie dokumentieren die Archäologie der Zukunft, denn wir wissen ja, dass alles noch Gegenwärtige zukünftige Vergangenheit ist. Die Scopin’schen Bituminierungen manifestieren die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im engeren Sinne heißt das für Künstler und ihre Arbeiten, dass sie immer schon Vergangene sind, aber darin ein allgemeingültiges Zeichen setzen: Alles, was entsteht, ist so wertvoll für die menschliche Weltorientierung, weil es vergeht. Da sind wir doch tatsächlich weitergekommen als Goethe, der seinen Mephisto in kapitalistischer Selbstgefälligkeit sagen lässt: „Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“
Scopin, ich grüße Sie zur Eröffnung Ihrer Hamburger Ausstellung mit dem Wunsch, es möge Ihnen gelingen, aus der Ewigkeitssuppe des Bitumen ähnlich sprechende Zeugnisse zu bergen, wie es den Archäologen in den Mooren gelungen ist. Sie erzählen von heidnischen Menschenopfern, als seien sie niemals wiederkehrende Formen der menschlichen Selbstüberhöhung in der Anbiederung an die Götter. Oder besser noch, Versuch der Erpressung der Götter mit der Drohung, das göttliche Geschenk des Lebens auszulöschen, wenn sich menschliche Gotteskonkurrenz nicht durchsetzen ließe. Die Menschenopfer des bitumengetriebenen Fortschritts sind weniger kenntlich als die Moorleichen. Ich hoffe, dass die Scopin’schen Arbeiten das ändern werden.
siehe auch:
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.