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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 98 im Original

I.3 Die britische Blaupause für das deutsche Wolkenkuckucksheim als Zuchtanstalt

Allerdings sollte Wagners Entwurf nicht ohne historische Parallelerscheinungen bewertet werden. Er hat als Deutscher seine Vorstellungen parallel zu einem englischen Literaten namens Benjamin Disraeli entwickelt, der eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung des Britischen Empires gespielt hat. (11)

Im Britischen Empire und im Deutschen Reich stellte man sich im 19. Jahrhundert die Frage, wie Annahmen der Rassenlehre beziehungsweise der Rassenmythologie wirksam werden könnten. (12) Damals hielt man derartige Konzepte für die denkbar beste Annäherung der Wissenschaft an die als Naturgesetze formulierten Wahrheiten. Heute sollte etwa eine Rassenlehre über die natürliche Unterschiedlichkeit, d.h. Leistungsfähigkeit, der sogenannten schwarzen, gelben, roten, weißen, braunen Menschenrassen von niemandem mehr als definitiv gegebene Naturwahrheit benutzt werden können. Dennoch wird sie mit geradezu unbeirrbarem Glauben an die Bedeutung des offensichtlich Kontrafaktischen weltweit in Dienst genommen. Die Frage lautet: Wie kann das Jenseits der vernünftigen Begründung von Geschichte als absurde Wahnhaftigkeit wirksam werden? Zum vorläufigen Hinweis auf die Antwort haben die Wahnmochinger einen kleinen Spottreim gebildet: „Warte, Schwabing, Schwabing, warte, dich holt Jesus Bonaparte!“ Das ist eine auffällige Begriffskombination, weil sie zum einen die durch Jesus verkörperte Spiritualität und zum anderen die diesseitige Macht eines Napoleon als Einheit behauptet. Es ist das Konzept des byzantinischen Cäsaropapismus, des Gottesstaates oder des Kalifats beziehungsweise des Sowjetregimes, das die Gleichschaltung von geistig/geistlicher Führung durch die Partei und ausführender Gewalt zum System werden läßt. Der Vorstellung eines Jesus Bonaparte entsprach in Deutschland das Verlangen nach einer Realisierung der ursprünglich auf das Jenseits gerichteten Heilsgeschichte in der Immanenz, wobei man auf die Schaffung eines Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach dem Vorbilde des Kaisers Barbarossa zurückgreifen wollte.

Um die Wirkkräfte der Deutschen zu entfesseln und sie auf eine Mission größten Maßstabs auszurichten, wurde das realhistorische Beispiel Benjamin Disraelis als Orientierungsgröße bemüht. (13) Disraeli war das schier Unglaubliche gelungen, die legendäre Königin Victoria, das Oberhaupt des mächtigsten Imperiums aller Zeiten, für die Verwirklichung seiner Romanphantasien zu gewinnen. Die Königin lebte einsam, da ihr Mann Albert von Coburg sehr früh verstorben war und andere Beziehungen zu Männern und Frauen aus dem Volke am Ende sie enttäuschten. Disraeli wollte der Witwe die überaus schmerzlichen Verluste erträglicher erscheinen lassen und trat mit dem verblüffenden Vorschlag an sie heran, sie zur Kaiserin von Indien zu erheben. Er selbst habe, seines Zeichens Literat, Künstler, Dichter, einen Roman mit dem programmatischen Titel „Die Kaiserin von Indien“ entworfen und er beabsichtige, diesen Roman gemeinsam mit ihr zu verwirklichen. Sie müsse ihn nur zum Ministerpräsidenten von Britannien ernennen, dann würde sie Kaiserin von Indien. Da Königin Victoria einwilligte, bei diesem gewagten Unternehmen die Hauptrolle zu spielen, konnte Disraeli seinen Roman tatsächlich in die politische Realität umsetzen. Parallel zu Wagner in Bayreuth schuf er 1876 ff. das Kaiserreich Indien.

Nunmehr berief man sich auch in Deutschland auf das Beispiel der Königin Victoria von England. Da die mächtigste Frau der Weltgeschichte gemeinsam mit einem Literaten einen phantastisch-spekulativen Roman verwirklicht hatte, war bewiesen, daß ein fiktionales Machwerk als Handlungsanleitung für politische Macht grundlegend alle Gegebenheiten der Geschichte verändern kann. Königin Victoria vermochte als Kaiserin von Indien mit Napoleon, mit dem Habsburger-Kaiser und dem Deutschen Kaiser in Rang und Geltung in der Welt gleichzuziehen. Disraeli seinerseits hatte den Beweis für die Macht des Wortes und des Geistes geliefert.

Disraeli also war der historische Ausgangspunkt für das Zukunftskonzept der Wahnmoching-Besatzung. Seitdem man in Schwabing wußte, daß ganz Deutschland (mit Ausnahme von Theodor Fontane und Friedrich Nietzsche) überzeugt war, die Zukunft gebiete, die Umsetzung des Wagner-Konzeptes zur Weltrettung hatte man nur noch einen Schritt weiterzugehen. (14) Man mußte nur stark genug wollen, um mit Hilfe des genialen Programms von Richard Wagner Europa zu demonstrieren, wie hochrangige Literatur und höchstrangige Musik die Welt bezwingen. Mit dem Literaten, Musiker, Dramatiker und Bühnenbildner Richard Wagner stand der größte Meister nicht nur musikalischer, sondern auch theatralisch-inszenatorischer Wirkung zur Verfügung. Von nun an sollten Kronprinz Wilhelm, von seinem Freund, dem später gefürsteten Philipp von Eulenburg, frühzeitig auf Wagner getrimmt, und alle Berliner Reichsgrößen regelmäßig die Opernhäuser besuchen. Tout Berlin wurde Woche für Woche mit Wagneropern berauscht. Kritiker wiesen frühzeitig auf dieses Phänomen hin, wofür sie aber konsequent als jüdische Kritikaster abqualifiziert wurden. So nahmen die Dinge ihren fürchterlichen Lauf. Die Deutschen orientierten sich mehr und mehr an der durch den „Ring des Nibelungen“, den „Parzifal“ und die „Meistersinger von Nürnberg“ entfalteten Weltanschauung, was zur Folge hatte, daß bald ganz Deutschland in eine einzige gigantische Wagner-Oper verwandelt wurde. Binnen kurzem wußte so gut wie niemand mehr, ob der „Ring des Nibelungen“ eine Inszenierung Bismarcks, Wagners oder Wilhelms II. gewesen sei oder ob nicht die großen Leistungen von 1866 bis 1871, also die Gründung des Zweiten Kaiserreiches, doch nur eine riesige Inszenierung der Politik nach dem Beispiel und Vorbild von Wagner gewesen seien. Im Nachhinein stellte Hartmut Zelinsky fest: „Erst hat Wagner sich mit dem deutschen Volke, daraufhin das deutsche Volk sich mit Richard Wagner verwechselt.“

Doch welche Ideen wurden in Deutschland ins Spiel gebracht? Was war es, was man mit aller zur Verfügung stehenden Willensanstrengung umgesetzt sehen wollte? Der Deutschen Bestreben sollte es sein, stärker als alle anderen an die Selbstentfesselung von Missions- und Gotteseifer zu glauben. Sie sollten durch die wegweisenden Ideen Wagners eine Vorstellung von der Rolle Deutschlands in der Welt erhalten. Wagner selbst schreibt am Ende seiner Lebensdarstellung von der Aufgabe der Deutschen, zu der sie, wenn sie nur erst alle falsche Scham ablegten, wohl besser als jede andere Nation befähigt sein würden, nämlich den Juden ihren Untergang als die einzige vertretbare Form der Erlösung zu bereiten. Wagner dekretierte:

„Nehmt rückhaltlos an diesem selbstvernichtenden, blutigen Kampfe teil, so sind wir einig und untrennbar! Aber bedenkt, daß nur Eines Eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann, die Erlösung Ahasvers – der Untergang!“ (15)

Solche Gedanken wurden unter dem Motto „Erlösung dem Erlöser“ im deutschen Kaiserreich proklamiert und fanden öffentlich Eingang in Zeitungsartikel, in denen Wagners Regieanweisungen für die Politik aufbereitet wurden, damit Deutschland (s)eine welthistorische Rolle spielen könne. Zuerst müßten alle zivilisatorischen Bedenken und alle falsche Scham hintangestellt werden. Schier unermeßlich schien das Vertrauen in die Annahme, daß man nur inniglich wollen, also fundamentalistisch-radikal und frei von Rücksichten oder, wie Wagner wiederholt äußerte, „schonungslos“ sein müsse, um sich zu realer Weltgeltung aufzuschwingen. Wer sich für die Mission der gnadenlosen Entfesselung entscheide, habe seine Ideen mit der unbändigen Kraft des Glaubens nur noch in der Wirklichkeit zu realisieren und schon sei nirgends ein Halten mehr und jeder Widerstand werde zwecklos sein. Und selbst wenn erbittertster Widerstand aufkomme, sei dies nur weiterer Beweis und Beglaubigung für die heilsbringerische Rolle der Deutschen auf der Bühne der Weltgeschichte. Zu diesem „heil'gen“ Zwecke war Wagner jederzeit bereit, rücksichtslos Brände zu entfesseln:

„(...) wie wird es uns aber erscheinen, wenn das ungeheure Paris in schutt gebrannt ist, wenn der brandt von stadt zu stadt hinzieht, wir selbst endlich in wilder begeisterung diese unausmistbaren Augiasställe anzünden, um gesunde luft zu gewinnen? – Mit völligster besonnenheit und ohne allen schwindel versichere ich Dir, daß ich an keine andere revolution mehr glaube, als an die, die mit dem Niederbrande von Paris beginnt (...).“ (16)

Die Deutschen waren von ihrer gewaltigen geistigen Potenz überzeugt, weil sie unbestrittenermaßen auf allen Gebieten der Wissenschaft und ihrer Anwendungen zwischen 1875 und 1935 eine überragende intellektuelle Leistungsfähigkeit erreicht hatten. (17) Auf dem Gebiet der Geistes- wie der Naturwissenschaften beanspruchte man Weltgeltung und auch in den Künsten zählte man zur absoluten Weltspitze. Gerade im Musikalischen zeigte man sich überlegen – andernorts schienen ganze Stränge der Musikentwicklung nicht zu existieren. England war im Vergleich zu Deutschland ein frisia non cantat, also ein Volk der Koofmichs und nicht der Künstler, der Händler und nicht der Helden. (18)

Das Gefühl, gegnerischen Gruppen offensichtlich geistig überlegen zu sein, nutzte man zur Erweckung des Anscheins, auch auf der Ebene der realen Machtverhältnisse überlegen und führend wirken zu können. Die politisch naiven und deswegen für Radikalismen offenen Deutschen waren anfällig für hochfliegende Ideen, die es auf Biegen und Brechen zu verwirklichen galt:

„Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und wunderbar! Der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die Welt ist die Signatur des Wortes. – Dies merkt euch, ihr stolzen Männer der Tat.“ (19)

Mit diesen „stolzen Männern der Tat“ zielte Heinrich Heine auf die deutschen Lieblingsgegner der „Idealisten“, die englischen Krämerseelen, die kaufmännisch so erfolgreich zu sein schienen, weil sie ungezügelter Raff-, Macht- und Geltungsgier folgten. Die Deutschen hingegen waren wegen des ostentativ herausgestellten Idealismus in der Welt des Mammons erfolglos geblieben. Selbst auserlesenen Geistern wie den Großkritikern Werner Sombart oder Max Weber ist es niemals gelungen, den deutschen Prätendenten auf den Platz an der Sonne einsichtig zu machen, wie widersinnig ihr Bestreben war, Idealismus und Mammon miteinander zu verbinden, also die britannische Krämerseele mit der germanischen Weltrettungsidee zu kopulieren. Wenn Geldmachen Dummheit voraussetzt (Nietzsche nennt das die Notwendigkeit des beschränkten Horizonts) und Idealismus daran zu erkennen ist, daß den Idealisten die Hoheit und Würde ihrer Ideen durch die Radikalität, mit der man sie andernorts ablehnt, bestätigt wird, dann wird verständlich, warum sich die Deutschen berechtigt fühlten, Weltgeltung zu beanspruchen, die noch über die britische, französische und amerikanische hinauszielte. Gewänne man diese Weltgeltung, so wäre die überwältigende Macht des von Wagner entfalteten Systems der deutschen Ideologie bewiesen. Scheiterte man bei der Durchsetzung des Reiches des deutschen Geistes, dann sei dessen alles überragende Bedeutung erst recht bestätigt, weil sich der Rest der Welt unter dem Diktat des imperialen Materialismus Englands gezwungen sehe, gemeinsam gegen die Weltgeltung des Deutschen vorzugehen. Viel Feind, viel Ehr'. So hieß die rechtfertigende Schlußfolgerung: Man fürchte Gott, sonst niemand, und der wisse schließlich Glaubenstreue und unerschütterliches Vertrauen in die Macht des Geistes am besten zu würdigen.

Die Deutschen waren als Resultat des Dreißigjährigen Krieges gezwungen worden, im Wolkenkuckucksheim der Ideen auszuharren, während es den Dänen, Schweden, Holländern, Belgiern, Spaniern, Engländern, Portugiesen, Franzosen und sogar den Russen gelungen war, weite Landstriche zu kolonisieren, also etwas zu schaffen in der Welt. Schon mit dem Frieden von Münster und Osnabrück (1648) hatten diese Politrealisten Deutschland in viele Kleinstterritorien zerstückelt und es damit als Konkurrenten der Welteroberung ausgeschaltet. Die Deutschen fühlten sich doppelt bestraft und waren umso beleidigter, da die Bevölkerung des Landes wie kein anderes durch die Religionskriege gelitten hatte. Tröstlich waren den Deutschen nur einige anerkennende Zusprüche von außen, wie sie etwa von Madame de Staël überliefert sind. Diese passionierte Kennerin des deutschen Elends bescheinigte den Deutschen, aus der Zerstreuung durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges in die Heimat des Denkens, das Vaterland der Ideen, eingezogen zu sein

Aus dieser Auffassung heraus läßt sich verstehen, daß die Deutschen ihr politisches Schicksal in mittelbarer Beziehung zu dem des jüdischen Volkes glaubten betrachten zu sollen. Auch die Juden hatten sich, nach der Verwüstung des Zweiten Tempels und nach der Zerstreuung in die heimatlose Welt der Diaspora, mit einer verstärkten, geradezu radikalen Emphase ihres Glaubens in ihre spirituelle Sonderstellung gerettet. Genauso verstanden sich die Deutschen. Tragischerweise wollten sie beweisen, daß sie die besseren Juden seien, wie die Juden bewiesen haben, daß sie von 1770 bis 1933 tatsächlich die besseren Deutschen gewesen sind.

Nach dem Sieg über Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) hatten die Deutschen, auch befördert durch die französischen Reparationsleistungen, die Chance, ihr gewaltiges, bisher im Ideellen angestautes intellektuelles Potential durch Anwendung im Aufbau einer gigantischen Schwerindustrie weltwirksam werden zu lassen. Nun endlich konnte man realiter zeigen, daß das deutsche Maß der Tüchtigkeit – die idealistische, philosophische und künstlerische Verstiegenheit als Höhenflug über alle Grenzen des von anderen bloß Machbaren, aber nicht Denkbaren hinweg – in der Welt etwas zu bewegen wußte. Ingenieure konstruierten auf dem Papier technische Konzepte, die zuvor als Bauplan des Wolkenkuckucksheims reine Spekulation waren. Es gilt ja, daß für Ingenieure Pläne nur dann sinnvolle Konstruktionen beschreiben, wenn der Plan fundamentalistisch im 1:1-Verhältnis realisiert werden kann. Eine Aussage wird radikal fundamentalistisch aufgefaßt, wenn sie eineindeutig in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Will ein Ingenieur von seiner Brückenzeichnung Gebrauch machen und soll die Brücke hinterher stehen, muß notwendigerweise ein 1:1-Verhältnis zwischen Papier und Stahlbeton erzeugt werden. Die angewandten Naturwissenschaften wie die Physik und die Biologie verfahren nach diesem Muster.

Anmerkungen
(11) „Die bisher wenig hervorgehobene Verbindungslinie zwischen Hitler und Disraeli ist zu berücksichtigen. „Hitler als der ,illegitime Sohn Disraelis!ʻ In keiner Hitlerbiographie – Gisevius, Bullock, Toland, Fest auch bei Haffner nicht – wird die Filiation Disraeli-Hitler auch nur erwähnt. Dabei ist sie das für Genese und Struktur der zur ,nationalsozialistischen Weltanschauungʻ radikalisierten ,deutschen Ideologieʻ sicher bedeutsamste geistesgeschichtliche Faktum. An ihm lässt sich ablesen, was man den Identifikationsmechanismus in der deutsch-jüdischen Beziehung nennen könnte.“ In: Sombart, Nicolaus: Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt – ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos. München, Wien 1991, S. 285.
(12) All die Zuchtideen von Deutschen im Hinblick auf Reinrassigkeit waren ideologisch zum größten Teil dem Rassebegriff von Disraeli entliehen. Als deutsche Zutat fügte man noch die Mendel'schen Gesetze und die Ergebnisse der Versuche von Justus Liebig hinzu, so daß man von einem allgemein vorhandenen Bewußtsein im Hinblick auf Optimierungsstrategien sprechen darf. Wenn mit künstlichen Mitteln die Ertragsfähigkeit in Landwirtschaft und Viehzucht zu steigern ist, so folgerte man damals, ist es auch die Sache der Naturwissenschaft, die Vorstellung von der Veredelung des Menschen zu einem Übermenschen zu entwickeln und die Bedingung der Möglichkeit dieser Veredelung zu ergründen. Schon allein deswegen waren die Naturwissenschaftler die größten Ideologen. Nicht ein Parteifunktionär hat etwa den Begriff der „verjudeten Physik“ erfunden; als Kampfbegriff hat ihn Philipp Lenard, ein Nobelpreisträger für Experimentalphysik vorgetragen, mit dem die Rassenreinheitsvorstellungen im Bereich der Wissenschaften nach 1933 durchgesetzt worden sind.
(13) 1845 veröffentlicht Disraeli Sybil oder Die beiden Nationen. Er erwog die Allianz von Arbeiterklasse und Aristokratie zur Rettung der Welt vor dem Vernichtungskapitalismus, wie sich das auch Lasalle als Koalition mit Bismarck vorgestellt hatte. Die zwei Nationen sind natürlich die Tories und Whigs. Disraeli wurde zum ersten Mal 1868 Premier. Seine wichtigen Amtszeiten (1874 bis 1880) fielen in die Bayreuth-Periode. Er ist als Figurencharakter wie Wagner zu kennzeichnen: Schuldenmacher, Dandy, Kostümfetischist, Attitüdencharmeur; die zeitgenössische Schmähung als Affe auf dem Bauch von John Bull ließe sich auch auf Wagners Verhältnis zu Ludwig anwenden. Wie Wagner propagierte er, daß die Krone die Einheit von Adel und Volk in Wohlfahrt und fester Traditionsverpflichtung garantiere. Kennzeichnend ist das Faszinosum des Künstlers in politischer Mission (wie später bei Wilhelm II., Stalin, Mussolini, Hitler). Wie Premierminister Gladstone bei seiner Kritik an Disraeli, geadeltem Earl of Beaconsfield, zeigt, ist der Aspekt der vulgären Geltungssucht eines literarisch wenig bedeutsamen Karrieristen in diesem Fall unübersehbar. Die Übertragung von Romanzen auf die Politik, also die politisch soziale Inszenierung von Hirngespinsten, die als Kunstwerke bedeutsam sein mögen, stellt in der Realisierung bestenfalls Riesenspielzeuge für allzu Phantasiebegabte her.
(14) Wagner greift zu der Pathosformel von der „Erlösung durch die Kunst“ und deklariert große Kulturträume: „Die Politik müsse zum großen Schauspiel werden, der Staat zum Kunstwerk, der Künstler an die Stelle des Staatsmannes treten, verlangte er; die Kunst war Mysterium, ihr Tempel Bayreuth, das Sakrament die kostbare Schale arischen Blutes, das dem gefallenen Amfortas Genesung geschenkt und die in Klingsor verkörperte Gegenkraft von Judentum, Politik, Sexualität unter die Trümmer des Phantasieschloßes verbannt hatte.“ Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie. Berlin 1973, S. 523.
(15) Wagner, Richard: „Das Judentum in der Musik.“ In: Zelinsky, Richard Wagner, S. 20; vgl. Wagner, Richard: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Leipzig 1888.
(16) Brief Wagners an den Freund Theodor Uhlig. In: Strobel, Gertrud; Wolf, Werner (Hrsg.): Richard Wagner – Sämtliche Briefe, Band III – 1849-1851, Leipzig 1975, 460 f .
(17) „Die Deutschen, sagt man, sind, was Höhe des Kunstsinns und des wissenschaftlichen Geistes betrifft, das erste Volk in der Welt. Gewiß; nur gibt es sehr wenige Deutsche.“ In: Schlegel, Friedrich: Kritische Fragmente. In: ders., Werke in einem Band. Wien, München 1971, S. 22. [Die Bibliothek der Klassiker, Bd. 23]
(18) „Wenn man den Deutschen die Neigung nachsagt, alles, was sie beschäftigt, gedankenschwer in Systeme zu bringen – und vor allem: zur Weltanschauung zu machen, dann ist diese Eigenschaft nicht einem besonderen, nicht weiter erklärbaren und unveränderlichen Nationalcharakter zuzuschreiben, sondern den Bedingungen ihrer Geschichte, ihrem Abgeschnittensein von politischer Praxis und Erfahrung Jahrhunderte hindurch. [...] Doch solchen Konsequenzen weit voraus, als Ausdruck wie als Kompensation der blockierten Praxis, entstand eine theoretische Tiefenschärfe, eine philosophische Radikalität, die einen beispiellosen Abbruch geistiger Traditionen bewirkte. [...] Karl Marx, selbst zum Theoretiker einer blockierten und eben darum revolutionär entworfenen Praxis bestimmt, hat in seiner ,Deutschen Ideologieʻ den Sachverhalt sarkastisch kommentiert.“ In: Graf von Krockow, Christian: Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890–1990. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 239.
(19) Heine, Heinrich: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Drittes Buch. Frankfurt am Main 1968, S. 240.

Warte, Schwabing, Schwabing warte, Dich holt Jesus Bonaparte; mit Dreckstiefeln auf der Chaiselongue., Bild: Lustmarsch, I.3, S. 98.
Warte, Schwabing, Schwabing warte, Dich holt Jesus Bonaparte; mit Dreckstiefeln auf der Chaiselongue., Bild: Lustmarsch, I.3, S. 98.
Leiden und Größe Hartmut Zelinskys - Kämpfer gegen den dummen Opportunismus vermeintlicher Hüter der "Heil'gen deutschen Kunst" Wagners, Bild: Lustmarsch, I.3, S. 101  © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Leiden und Größe Hartmut Zelinskys - Kämpfer gegen den dummen Opportunismus vermeintlicher Hüter der "Heil'gen deutschen Kunst" Wagners, Bild: Lustmarsch, I.3, S. 101 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.