Werkdetail Seite / Volltext

Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 106 im Original

I.3 Heinrich Schliemann und die „deutsche Ideologie“

In zeitlicher Parallele zur Verwirklichung von Romanen im weltgeschichtlich wirksamen Gespann Queen Victoria – Benjamin Disraeli und zum faszinierenden Fundamentalismus der Ingenieurstechnik entstand ein weiterer Anlaß zur Begeisterung für entsprechende, unter dem Titel „Macht des Geistes“ zusammengefaßte Konzepte in Deutschland. Der bald zum neuen Kulturheros erhobene Heinrich Schliemann las den homerischen Roman „Ilias“, als ob es um einen historischen Tatsachenbericht ginge. Er folgte der Imagination Homers, indem er in der realen Topographie Kleinasiens den Punkt ausmachte, wo auf Grund der Homer'schen Vorgaben Troja situiert sein mußte. Mit der Methode der 1:1-Übersetzung der vom Dichter ausgewiesenen Ortschaft auf die realen Verhältnisse glückte Schliemann das schier Unglaubliche: Er entdeckte tatsächlich eine archäologische Schicht einer historischen Stadt, die das historische Troja gewesen sein konnte; kurze Zeit später legte er mit Hilfe des nämlichen fundamentalistischen Übersetzungsverfahrens zwischen Phantasie und Wirklichkeit, trivialem Roman und Reportage auch Mykene frei. Die sensationelle Leistung des Archäologen bestand in der Demonstration, daß Kulturgeschichte nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwärtigkeit des Vergangenen heraus geschrieben wird. Auf diese Weise fand er etwas Beachtliches für die weitere Entfaltung des europäischen Selbstbewußtseins heraus, nämlich die Entdeckung der Archäologie als einer unmittelbar politisch wirksam werdenden Kraft.

Schliemann transferierte seine Fundstücke nach Berlin ins damalige Völkerkundemuseum, das neben dem Gropius-Bau, Ecke Stresemannstraße (damals Königgrätzer Straße) und der heutigen Niederkirchnerstraße lag. Das am Ende der Stresemannstraße gelegene Gelände um den Askanischen Platz war, wie der Name schon sagt, immer schon als ein Stück Troja betrachtet worden. (20) Askanius, der jüngste Sohn von Äneas, galt als Stammvater der Askanier aus der Provinz Anhalt, die mit Heinrich dem Bären ab dem 12. Jahrhundert die Kolonisierung des Sand- und Sumpfgeländes, das spätere preußische Erzland Berlin-Brandenburg, vorantrieben. Ähnlich wie die Trojaflüchtlinge in Gestalt der Etrusker zu Kulturstiftern Roms wurden, wollten die trojaflüchtigen Nachfolger des Askanius zu Kulturstiftern in den der slawischen Urbevölkerung abgenommenen Territorien des deutschen Nordostens werden. Diese Absicht hat die Geschichte insofern bestätigt, als ausgerechnet der Name einer unterworfenen slawischen Minderheit, der Pruzzen, zum Synonym preußisch-deutscher Machtmission geworden ist. Das askanische Gelände wurde so zum Troja der Deutschen.

Durch den überragenden Erfolg Schliemanns war ein für alle Mal bewiesen, daß man nur einen historischen Roman, ein Epos, einen Gründungsmythos oder Offenbarungstext wortwörtlich lesen und auslegen müsse, um auf die „geschichtliche Wahrheit“ zu stoßen. In der Folge meinten die deutschen Idealisten, man tue gut daran, das Nibelungenlied nicht als eine literarische Phantasiegeburt oder Mythologie, sondern als Geschichtsschreibung aufzufassen. Der Fall Schliemann hatte den Deutschen Mut gemacht, sich nun im Sinne von Wagners Nibelungenheroik entfesseln zu lassen.

Anmerkungen
(20) Siehe Brock, Bazon: Im Gehen Preußen Verstehen. Ein Kulturlehrpfad historischer Imagination. Hrsg. vom Internationalen Design Zentrum Berlin e.V. Berlin 1981. Schliemann verlegte den Troja-Schatz dorthin, wo sich 1945 Troja im brennenden Nichts auf die gleiche Weise realisierte, wie es schon historisch im Jahre 1260 v. Chr. untergegangen ist. Vgl. ebd., die „Topographie des Terrors“ im Kap. „1. Station Grenzgebiet / Leipziger Str. 3 und 4.