Werkdetail Seite / Volltext

Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 93 im Original

I.3 Fasching und Faschismus

Im Münchner Stadtteil Schwabing war durch das Zusammentreffen von alteingesessener Landbevölkerung und hinzugezogenen armen Künstlern eine Art von animistisch-neuheidnischer Kultur entstanden, die sich als permanenter Fasching des Lebens darstellte. Karneval und Fasching waren ja sehr ernst zu nehmende Auffassungen vom Leben in fixierten Sozialstrukturen. Die alten Römer feierten Saturnalien, in denen die Weltverhältnisse auf den Kopf gestellt wurden. Die Herren wurden zu Sklaven, die Sklaven zu Herren auf Zeit: ein riskantes Manöver der Entlastung vom Druck sozialer Verhältnisse.

In München, dieser „Stadt von Volk und Jugend“ (Stefan George), wurde der Fasching ganz bewußt unter kultur- und zeitgeschichtlichen Aspekten interpretiert. Auch in der Kölner und der Mainzer Tradition des wilden närrischen Treibens hatte der Karneval eine sehr ernsthafte Dimension, etwa als eine politikhistorische Reaktion auf die napoleonische beziehungsweise die preußische Besetzung der Rheinlande, als subversive Aktion also. Warum aber hat man derlei Treiben geduldet? (7)

Ein großer Bonvivant wie Hermann Göring lebte gleichsam im permanenten Karneval. Er trug das ganze Jahr über „Kostüm“ und damit das Karnevalmotto zur Schau, daß der Humor der Stuhlgang der Seele sei. Beschäftigt sich nun ein Volk zynisch, humorvoll und kritisch mit den Herren und anderen Mächtigen wie Managern, Chefärzten, Politikern, so handelt es sich offensichtlich auch um eine Form der Anerkennung der Überlegenheit dieser Mächte, weshalb Karneval/Fasching stets das Wohlwollen der Verhöhnten genießen durfte. In Köln und Mainz entwickelte man die Fähigkeit, Themen so vorzutragen, daß sie selbst von konservativsten Zensoren nicht als Anlaß für strafrechtliche Verfolgung gewertet werden konnten. Das gelang durch raffinierteste, mit sichtlichen Übertreibungen arbeitende Deformation aller Eindeutigkeiten. Äußerte man sich uneindeutig, so konnte der Zensor nichts unternehmen, wollte er nicht selbst die Insulte formulieren, die er den Karnevalisten anzulasten hätte.

In Schwabing entwickelte sich ein Milieu, das die Faschingsideologie nutzte, um äußerst ernsthafte Themen durchzuexerzieren. Trat beispielsweise ein Dichter in dem Bewußtsein auf, nicht nur von den Musen geküsst, sondern das sprechende Organ der Offenbarung zu sein, so konnte er faschingshaft-übertreibend dergleichen getrost vortragen. Diese Schwabinger Experimentierwerkstatt der „ernsten Scherze“ (Goethe), des ernsten Faschings nannte man „Wahnmoching“. (8) Denn dort erprobte man die Anwendung der verschiedensten Visionen und Prätentionen von Dichtern und deren Gefolgschaft. Junge Leute spielten auf Maskenbällen Weltverbesserer und Welteroberer. Denker errichteten Weltanschauungen wie Marktweiber ihre Buden.

Der in der Aura Georges sich sonnende Ludwig Derleth versuchte sich ebenfalls in der experimentellen Errichtung von Gedankengebäuden oder Ideologien. Er phantasierte sich als großen Weltenbrandleger und Strafgerichtsautorität höchsten und heiligsten Ranges. In Thomas Manns Schilderung werden die von Derleth („Daniel Zur Höhe“) stammenden pathetischen Kriegserklärungen und Welteroberungskommandos allerdings von einem Jünger des Dichters verlesen, der eigens für die „Proklamationen“ aus der Schweiz anreist, um hinter einer Gipssäule stehend Aufrufe herauszuschmettern.

„Er überflog das Gemach mit einem drohenden Blick, ging mit heftigen Schritten zu der Gipssäule vorm Alkoven, stellte sich hinter sie auf das flache Podium mit einem Nachdruck, als wollte er dort einwurzeln, ergriff den zuoberst liegenden Bogen der Handschrift und begann sofort zu lesen.“ (9)

Manns Darstellung darf als authentisches Kulturdokument gelten, da er ja selbst an der Karfreitagsveranstaltung 1904 in Derleths Wohnung, Destouchesstraße 1, teilnahm. Von der Schwabinger Bohème weiß man ebenfalls aus den Tatsachenberichten der Mitverfasserin des „Schwabinger Beobachters“, der Gräfin Franziska zu Reventlow. Sie unterhielt mit allen Hauptbeteiligten, vom Großphilosophen über Politiker bis hin zu Dichtern, intime Verhältnisse. Die von Ludwig Klages als „heidnische Heilige“ bezeichnete Fanny Reventlow floh vor der wahntrunkenen Schwabinger Gesellschaft 1910 in die Schweiz auf den oberhalb von Ascona gelegenen Monte Verità. Dort hat sie einen 1913 in München erschienenen romanhaften Bericht über die Wahnmochinger Selbstentfesselungsanstalt geschrieben. In „Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ stellt sie karikaturhaft die gesamte Entwicklung „Schwabylons“ (Friedrich Podszus) und seiner führenden Persönlichkeiten (der ehemalige Kreis der sogenannten „Enormen“ beziehungsweise „Kosmiker-Zirkel“ um Karl Wolfskehl („Hofmann“), Stefan George („der Meister“), Ludwig Klages („Hallwig“), Alfred Schuler („Delius“), Oskar A. H. Schmitz („Adrian Oskar“) und Paul Stern („Sendt“)), so dar, daß man die „Wahnmochingerei“ heute noch mit Originalzitaten aus anderen Quellen jederzeit vergleichen und verifizieren könnte.

Unter den „Enormitäten“ Wahnmochings herrschte die allgemein verbreitete Überzeugung, im Werke Richard Wagners den Schlüssel für die Zukunft zu besitzen. In den Augen dieser Propheten der ersten und letzten Dinge galt Wagner als der Stifter einer neuen Religion, in deren Zentrum eine theologische Entdeckung ersten Ranges stand: Jesus Christus war vom Makel seines Jüdisch-Seins zu „erlösen“. Gegen Ende des 2. Akts von Wagners Oper „Parzifal“ singen alle gemeinsam im Angesicht des Grals weihetrunken die Forderung „Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“.

Damit war eine der wichtigsten Erfindungen der Moderne, die Selbstbezüglichkeitsmethode, angesprochen. Das aus der antiken Dialektik stammende Prinzip der Reflexivität ist neben Wagners „Erlösung dem Erlöser“ auch in anderen wichtigen Grundkonzeptionen der Moderne, wie etwa Lenins Diktum „Erziehung dem Erzieher“ oder in Martin Heideggers „Führung dem Führer“, weiter entwickelt worden. Die Innovation Wagners war die Stiftung einer neuen Religion, in der nicht mehr ein jüdischer, sondern ein arisch-blonder Christus im Zentrum stand. (10)

Begleitend zu der Konzeption von Wagners letzter Oper „Parzifal“ und den damit einhergehenden programmatischen Welterlösungsplänen schreibt seit dem 1. Januar 1869 die Komponistengattin Cosima an einem Tagebuch. Täglich berichtet sie über den Fortgang seines Welterlösungsprogramms. Diese von entschlossenem Opferwillen zeugenden Aufzeichnungen Cosimas schmücken anstelle der bei Thomas Mann beschriebenen Tapete mit kleinen Empirekränzen die Wände im Inneren unserer Versuchsanlage. Die ersten Sätze jeder Tagebucheintragung, die wir auf unserer Tapete zitieren, gelten dem Bericht über den Verlauf der jeweils zurückliegenden Nacht: „R. träumte, ich sei in Tränen und umarmte ihn, weil er krank sei.“ oder „R. träumte wiederum einmal die Gedanken, welche eine schlaflose Nacht mir eingab.“ „R. erzählt mir, er habe bis halb zwei auf mich gewartet!“ „R. träumte von einem vollständigen Bruch zwischen uns.“ „R. immer nachts gestört.“ „Von halb vier an schlief R. nicht mehr und hatte Verdauungsbelästigungen.“ „R. hatte eine gute Nacht, das heißt, er stand nur einmal auf.“ Oder „R. träumte einen schlimmen Traum, er sah sich von Juden umgeben, die zu Gewürm wurden und ihm in die Körperöffnungen wie schlimme schleimige Urtiere krochen“. Cosimas wenig rühmliche Rolle wird es sein, die antisemitische Haltung ihres Mannes Richard in den zu Beginn der 20er Jahre entstehenden Kreis um Houston Stewart Chamberlain und Adolf Hitler einzubringen und damit einen Beitrag zu dem von beiden Herren propagierten Erlösungskonzept, der politisch wie religiös motivierten Rassen- und Judenfrage, zu leisten; Cosima war es, die Chamberlain die Lektüre von Arthur Gobineaus Rassenlehre „Essai sur l'Inegalité des Races Humaines / Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen“ anempfahl und damit einen grundlegenden Anstoß zur Wissenschaft nachäffenden Diskussion über die Degeneriertheit der Rassen im Anschluß an Wagners „Erlösung dem Erlöser“-Konzept gegeben hat.

Anmerkungen
(7) Die französischen Offiziere wollten junge Mädchen in ihre Zelte locken – Zelt heißt auf Französisch „tente“ und „Visitez ma tente“ lautete die Einladung der Offiziere. Wenn die Mädchen aufgeklärt wurden, hieß es in der deutschen Bevölkerung: Mach' keine Fisimatenten, laß' dich nicht von einem Offizier verlocken, in sein Zelt zu gehen, denn dann bist du verloren. Also wurden im Karneval Fisimatenten vorgeführt.
(8) Zum Gesamtzusammenhang „Wahnmoching“, siehe Franziska Gräfin zu Reventlow: Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil. Roman. München 1969. Richard Wagner nannte sein Bayreuther Haus „Wahnfried“, an der Fassade um den Satz ergänzt: „Wo mein Wähnen Frieden findet.“ Damit wird ein Bezug zum kleinbürgerlichen Wohnzimmer, dem Rückzugsraum vor den Drangsalen des Lebens, geboten, den B.J. Blume im Foto seines „Wahnzimmers“ bearbeitet. Wahnfried plus Wohnzimmer gleich Wahnzimmer.
(9) Mann, „Beim Propheten.“, S. 361.
(10) Siehe zum Gesamtzusammenhang: Zelinsky, Hartmut: Richard Wagner, ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners 1876-1976. Berlin, Wien 1983.

Rot-Kreuz-Gründung, Reichsgründung, Bayreuth-Gründung: Progression von der Blutspende über die Blutsbrüderschaft zum Blutorden, Bild: Lustmarsch, I.3, S. 97 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Rot-Kreuz-Gründung, Reichsgründung, Bayreuth-Gründung: Progression von der Blutspende über die Blutsbrüderschaft zum Blutorden, Bild: Lustmarsch, I.3, S. 97 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
"R. hatte eine schlechte Nacht", Bild: Lustmarsch, I.3, S. 97 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
"R. hatte eine schlechte Nacht", Bild: Lustmarsch, I.3, S. 97 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.