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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 348 im Original

III.12 Der Andere Zustand

Der im Titel genannte „Andere Zustand“ führt eine Gesellschaft aus der Einübung ihrer Opferrollen schrittweise in die säkulare Freiheit. Der Begriff „Pathosinstitut AZ“ bezieht sich auf Robert Musils Erfindung des so genannten AZ-Motivs. Musils Rede vom „Anderen Zustand“ ließe sich auf berühmte Vorgänger wie Abraham, Jesus Christus, den Sonnenkönig Ludwig oder den NKWD-Chef Jagoda zurückführen, die uns ein für allemal gezeigt haben, daß sich Zustandsveränderungen an seelische Leidenszustände, das pathein, binden. (12)

Mit der alternativen, modernen Ausformulierung des Pathos beschäftigte sich Musil in jeder erdenklichen Hinsicht im „Mann ohne Eigenschaften“. (13) Allein schon das pathetische Sprechen verwandelt das Dasein von einem Zustand in einen anderen. (14) Musils Überlegungen münden in eine berühmte Episode mit dem Titel „Atemzüge eines Sommertages“, an der er bis in seine letzten Lebensstunden hinein gearbeitet hat. In diesem Nachlaß-Fragment liegen die Geschwister Ulrich und Agathe im Garten auf Liegestühlen aus Segeltuch, die sie parallel zueinander ausgerichtet haben, und schauen nach oben. Plötzlich sehen sie – obwohl es ein Sommernachmittag ist, dessen Ereignislosigkeit man genießt –, wie gegen den Hintergrund des ungetrübten Himmels, in dessen Leere hinein, weiße Blütenblätter von den nebenan stehenden Kirsch- und Apfelbäumen ganz langsam von einem Windhauch mitgenommen werden. Der Garten wird zum Tempel innerweltlicher Transzendenz, darin ein Zustand der Ewigkeit im Augenblick faßlich wird. Der wunderlich eintretende Andere Zustand ist vertraut aus der Erinnerung an die kindliche Selbstvergessenheit im Spiel, in der die Ebene der Zeitlichkeit zu Gunsten eines Standpunkts der Ewigkeit gewechselt wird.

Die radikalsten Herausforderungen durch den AZ markieren, neben dem Übergang von der Depression zur Freude, das Patient-Sein und das Glücklich-Sein. (15) Die drei Aggregatformen des Anderen Zustandes, ihn zu erreichen, zu entfalten und zu erfahren, sind beim Patienten der Liebe die gleichen wie beim Patienten des Todes, wie bereits die alte Formulierung von der Liebeskrankheit andeutet. Nach dem Erreichen des Höhepunkts folgt der Abfall in die Ausgangslage, post climax animal semper triste oder: post coitum animal semper solum ipsum, womit sich die Unlösbarkeit des metaphysischen Fragens in der Unstillbarkeit des Bedürfnisses nach Triebbefriedigung nachbilden läßt.

Die Methoden, in den AZ zu gelangen, sind an die Erfahrung der Zyklizität, des Jahreszeitenkreislaufes, des Spannung-Entspannung-Schemas, der Dramaturgie des Erreichens von Jugend, Männlichkeit und Alter oder von Beginn, Handlung und Happy End gebunden. Alles Glück will Ewigkeit. Ein Kompromiß zwischen dem flüchtigen Moment und der ersehnten ewigen Dauer ist in der Immanenz der Ritus zyklischer Wiederholung. (16) Gelegenheit zum Wiederholen, also zur Glückserfahrung, bieten die Feiern der geschlossenen Zyklen wie Geburtstage oder öffentliche Feste. Für Kinder sind langweilige Sonntagnachmittage im Sommer der Inbegriff von Ewigkeit. Für adulte Westeuropäer bietet ein Museumsbesuch eine ähnliche Erfahrung.

Mit dem Vorraum, dem Vorzimmer oder der Vorhölle institutionalisierten sich die Orte der Erwartung des AZ. Papst Benedikt XVI. will der katholischen Christenheit die Unmittelbarkeit der Erfahrung gönnen, seit er im April 2007 die Vorhölle abschaffte. Er vollzieht damit offensichtlich, was in der Realität bereits erreicht wurde, nämlich die Abschaffung der Dimension des „Prä-“. Eine erste Ebene bildet die Abschaffung des Vorzimmers, das seine Aura verloren hat, seitdem es keine entsprechenden Frauencharaktere mehr gibt, wie sie beispielsweise Herrn Kohl noch mit Frau Juliane Weber beschieden waren. Solche Frauen sind längst selbst Chefs, die sich eher eigener Rechtsanwälte und Delegierter bedienen als einem auslaufenden Modell der Mindermenschen. Die Vorzimmer bleiben leer.

Nach der Persiflierung der tausendjährigen Vorsehung durch Adolf Hitler ist sie endgültig zum faulen Zauber von Wirtschaftsweisen und Zukunftsforschern, von Sozial- und Politikwissenschaftlern degradiert worden. Man denke an den weltgeschichtlichen Umbruch von 1989, den kein Prognostiker in seinem statistischen Kaffeesatz erahnte. Wir müssen also ohne Vorsehung die Zukunft als Dimension der Gegenwart ins Spiel bringen, ohne Vorzimmer regieren und können ohne die Einrichtung der Vorhölle selbst diejenigen nicht vor teuflischer Qual und Pein bewahren, die schuldlos sind. Dabei bleibt offen, unter welchen Kriterien man schuldige und unschuldige Opfer unterscheiden kann. Der Papst hielt offenbar nicht viel von den notorischen Bekundungen nach Terroristenanschlägen, es seien leider auch unschuldige Opfer zu beklagen. Also alle gleich in die Hölle, forderte Benedikt konsequenterweise. Wie human wirkt da eine Theologie, die den Limbus erfand, um die vor dem Erscheinen Christi lebenden Menschen, die also gar nicht bewußt gegen das Heilsgeschehen verstoßen haben konnten, nicht mit den nachchristlichen Kriminellen im gleichen Kochtopf des Teufels schmoren zu lassen.

Wir dagegen sind für den Erhalt des Erwartungskonzeptes. Uns sind der Vorhof, die Vorfreude, die Vorlust und das Vorspiel wichtiger als das Endergebnis.

Anmerkungen
(12) Brock, Barbar als Kulturheld, S. 705; siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.
(13) Agathos, Katharina; Kapfer, Herbert (Hg.): Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. Remix. München 2004.
(14) Blanchot, Maurice: „Das Erlebnis des ‚anderen Zustands‘“. In: ders., Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur. Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1982, S. 193 ff. Ein ausgefallenes historisches Beispiel für den AZ bietet Friedrich Engels: „Als im Jahre 1874 die Internationale zerfiel, ließ sie die Arbeiter schon in einem ganz anderen Zustand [!] zurück, als sie sie bei ihrer Gründung im Jahre 1864 vorgefunden hatte.“ In: Vorrede zur englischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von Friedrich Engels (1988). In: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1989, S. 20.
(15) Zum Thema Patient-Sein siehe Kapitel „Uchronie – Ewigkeitsmanagement“.
(16) Zur Frage der Ewigkeit und der Unsterblichkeit, siehe die von Platon im „Symposion“ entwickelte Konzeption des Eros, in: Platon: Das Trinkgelage oder Über den Eros. Frankfurt am Main 1985, [208 c – 209 c], S. 77 f.