Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 128 im Original — direkt zum Text ↓
Wir tauchen ab in die Entzauberung des Zaubers. Karfreitag, der Feiertag der Philosophen, der großen und der minderen; also auch unser Festtag, der Tag der hochzielenden Weltveränderer, der intellektuellen Berserker und wissenschaftlichen Wundertäter? Karfreitag, der Festtag heroischer Übermenschen!
Endlich es den Göttern heimzahlen; vor allem den Gott der christlichen Geschöpfesliebe einmal zur Verantwortung ziehen, indem wir ihm jenes Elend zumuten, dem er uns so unerbittlich ausliefert im menschlichen Dasein. Ihn wenigstens auch einmal viehisch malträtieren, aufs Kreuz nageln, verhöhnen, entwürdigen und zerbrechen. Ihm einmal entgegentreten im Triumph unserer Ohnmacht als der Macht zu töten; denn das verstehen wir als einzigen Beweis unserer Macht: die Götter töten zu können, den Schöpfer zu zerstören, die Schöpfung zu verwüsten. Karfreitag: Rache für die Zumutungen ewiger Gotteskindschaft und des Gehorsams. Rache für die Zumutungen der Liebe, des unumgänglichen Verzichts auf Selbstherrlichkeit, auf menschliche Autonomie und Glorie.
Seht den berühmten Arzt, der sich nicht selber zu helfen weiß – jetzt kratzt er ab. Seht den Gesalbten, den Gesandten der größten Macht – jetzt krümmt er sich schmerzlich wie irgendein Ausgestoßener. Seht den Richter, den hoheitlichen Vollstrecker der göttlichen Willkür – jetzt richten wir ihn aus unserer unerbittlichen Rechtlosigkeit.
Karfreitag: die Götter sind einmal wenigstens aus der Welt vertrieben, das Gesetz der unmenschlichen Herren zerschlagen, die fesselnden Traditionen gesprengt; endlich stehen wir im Bewußtsein unseres eigenen Willens und der Kraft unserer eigenen Willkür.
Und dann wird es Abend und still; weil wir erschöpft sind durch die Orgie des Tötens? Still, weil wir doch nicht so genau wissen, ob wir ganze Arbeit geleistet haben? Ahnen wir schon, daß uns die radikalste Demütigung noch bevorsteht, das Eingeständnis, nicht einmal in der brutalsten Zerstörung wirklich Großes zu leisten? Oder haben wir gerade das an Karfreitag herausfordern wollen: unsere Widerlegung als letzte Instanz, als Schöpfer aus eigener Macht, als Herren der Welt?
Ja, und dann der Ostermorgen, der helle Tag, an dem die Götter wieder in die Welt einziehen mit einem peinigend milden Lächeln. Wir sind beschämt, wir wurden ertappt, wir bitten um Nachsicht und versprechen, unseren heroischen Furor, die Rebellion der Elenden zu zügeln. Die Philosophen ziehen den Schwanz ein, die intellektuellen Besserwisser und Kritiker der göttlichen Wahrheit versprechen, ihre Kraft nur noch in der Selbstwiderlegung zu beweisen: Osterversprechen – Osterglück.
Von Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre habe ich jedes Jahr diese meine Version des Karfreitagszaubers dem Feuilleton der FAZ zum Abdruck in der Gründonnerstag- oder Ostersamstag-Ausgabe angedient. Sogar Günter Rühle, als Feuilleton-Redakteur den Frankfurter Aktionisten besonders zugetan, lehnte ebenso regelmäßig ab. Vergeblich versuchte ich, ihm klarzumachen, daß sich an Karfreitag nur verdichtet, was ohnehin am Altar geschieht, sobald an ihm bestimmungsgemäß das Kultgeschehen sich erfüllt.
Im Zentrum jeder Kultur steht die Religion. Zu allen Zeiten haben die Kulturen in ihrer jeweiligen religiös-rituell-kultischen Ausprägung Altäre errichtet, an denen sie die Erzwingung der absoluten Gewißheit anschaulich und glaubwürdig demonstrieren konnten. Der Altar steht für die Art und Weise, wie alle Kulturen aller Religionen und umgekehrt alle Religionen aller Kulturen Verbindlichkeit stiften. Wenn für alle Mitglieder einer Gruppe in der kultischen Handlung die gleichen letzten Wahrheiten bestätigt werden, gewinnen sie das Gefühl, daß die Zweifel und Bedenken überwindbar sind, die sie möglicherweise daran hinderten, vorbehaltlos die soziale Ordnung in ihrer Gemeinschaft anzuerkennen.
Um die Verbindlichkeit kultureller Selbstgewißheiten behaupten zu können, muß mit größtem Nachdruck Unwiderrufbarkeit demonstriert werden. Töten ist der überzeugendste Akt, Handlungsresultate unwiderrufbar zu machen. Bekenntnisse können widerrufen werden, Verträge können gebrochen werden, Wissen kann sich als falsch erweisen, affektive Bindungen können durch Gewöhnung so abgeschwächt werden, daß sie sich auflösen – allein das Töten läßt keinerlei Hoffnungen oder Spekulationen zu, das Geschehene ungeschehen zu machen im Widerruf oder in der Umkehrung.
Seit Menschengedenken, also seit unvordenklichen Zeiten wird an allen Altären dieselbe unwiderrufliche Opferhandlung vollzogen. Die Irreversibilität ist selbst dann unwiderlegbar, wenn man mit Schiller behauptet, das Leben sei der Güter höchstes nicht, sondern die Erfahrung der Unwiderruflichkeit. Am Altar wird die Grenze manifestiert, die das Leben vom Tode, das Diesseits vom Jenseits, die Rationalität von der Irrationalität, die Faktizität von der Kontrafaktizität und das Interessenkalkül vom Jenseits des Kalkulierbaren, also vom Absurden, scheidet. Wenn man sie überschreitet, wie im Akt des Tötens, gibt es kein Zurück. Überzeugt werden sollen von dieser Verbindlichkeit ja die lebenden Teilnehmer am Kult und nicht die Geopferten. Es kann auch nicht sinnvoll sein, darauf abzuheben, daß alle Lebenden sich dem Beweis der Irreversibilität beugen im Bewußtsein, demnächst selber geopfert zu werden.
Am Altar wird also nicht der lange Marsch ins Jenseits initiiert, mit mehr oder weniger freiwilligen Gefolgsleuten. Zwar haben sich europäische Ethnologen dazu hinreißen lassen, für ihre Unterscheidungstätigkeit und damit Urteil von so etwas wie Wildem Denken oder Animismus oder mythischem Budenzauber bei sogenannten Naturvölkern oder Barbaren oder Primitiven auszugehen. Aber längst sind wir gezwungen anzunehmen, um unserem eigenen Gebot der Rationalität zu entsprechen, daß der Altar nicht die Welten scheidet. Über ihn wird in grandioser Weise im Diesseits und aus dem Diesseits heraus ein sinnvoller Bezug auf das Jenseits ermöglicht. Am Altar wird die Welt nicht geschieden in die der Rationalität und die der Irrationalität, sondern jenes Verfahren begründet, mit welchem man einen vernünftigen Gebrauch von der Unvernunft machen kann. Im Kult werden soziales Kalkül und die Kraft des Glaubens nicht ein für allemal und uneinholbar getrennt, sondern zueinander vermittelt. Denn jedem Erfahrenen ist klar, daß man zum Beispiel aus sozialem Kalkül, nämlich um Unangreifbarkeit zu erreichen, eine Behauptung als Glaubenssache ausgibt, die es nicht ist. Man wird von Strafverfolgung verschont beziehungsweise gnädig behandelt, wenn man für ein strafwürdiges Verhalten religiöse Überzeugungen als Ursache anführt. Wobei die religiösen Überzeugungen traditionsgemäß dadurch definiert werden, daß sie unwiderleglich seien, weil sie ihre Unwiderleglichkeit ja gerade zum Glaubensgrund machen.
Diese Tradition wurde von Kirchenvater Tertullian am Ende des 2. Jahrhunderts begründet, in der höchster Rationalität verpflichteten Formulierung „credo quia absurdum“ – ich glaube, was nicht widerlegbar ist. Solange man nämlich nur glaubt, was einem einleuchtet, hat man nicht den rechten Glauben, sondern reagiert auf eine momentane Überwältigung durch einen logischen Beweis. Aber der höchste logische Beweis steckt ja gerade im „credo quia absurdum“, nämlich etwas glauben zu müssen, weil es sich jeder Widerlegbarkeit entzieht. Die theologische Argumentation zur unumgänglichen Orientierung am schlichtweg nicht widerlegbaren Glauben begründet die notwendigen Ergänzungen der tertullianischen Maxime, wie sie im Mittelalter galten. Also:
„credo quia absurdum“
ich glaube,
weil der Glaube per definitionem unwiderlegbar ist;
„scio ut credam“
ich weiß, daß ich glauben muß,
weil das Wissen gerade seine Begrenztheit weiß;
„scio absurdum“
also kann ich vernünftig
mit dem Jenseits der Vernunft umgehen.
Einen Hinweis darauf liefert die Alltagswendung, man müsse einer Behauptung so lange glauben, bis man daran glaubt.
Noch einmal das Ganze in nuce: Ein Medizinmann oder Schamane ist noch bei den hinterwäldlerischsten Völkern dadurch Autorität, daß er weiß, wie er selbst bei lebensbedrohlichen Zumutungen wie dem Aufnehmen von Giften so den Gesetzen der Vernunft zu folgen vermag, daß er aus dem Jenseits der Normalität, der Krankheit, dem Wahnsinn oder der Ekstase gesichert zurückkehrt. Nichts da von Hingabe an das Jenseits; wieso sollte einer zurückkehren wollen, wenn es doch drüben in den Gefilden der Kontrafaktizität, der Irrationalität und der Absurdität so großartig zugeht, wie man sich das wünscht, wenn man unter dem Diktat der Rationalität, der Faktizität und der Kalküle steht?
Die Christen haben sich in besonderer Weise befreien wollen von derartigen kindlichen Scheidungen der Sphären – Jammertal und Paradies, Leiden und Glückseligkeit, Rechtschaffenheit und Häresie, Tod und Auferstehung, Zeit und Ewigkeit. Das hielten sie für theologische und philosophische Naivitäten. Die versuchsweise Durchdringung und Vermischung aller Sphären geschieht am Karfreitag als eine Umformung des Verkehrte-Welt-Spiels während der römischen Saturnalien. Der Mob rast, Geifer, Niedertracht, Mordlust toben sich aus. Der Gottessohn bietet sich als Opfer an. Selbstgefällig genießen die Gottestöter ihren Triumph, den sie sich trotz der Widerlegung am Ostersonntag immer wieder verschaffen werden. „Es war ihm, als könne er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seine Wolken schleifen – als könne er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien.“ (Georg Büchner, Lenz)
Natürlich geht das nur unter der Voraussetzung, den falschen Gott zu treffen, um gerade den selbst geglaubten zu bestätigen. Da aber die Geschichte der ewigen Religions- und Kulturkämpfe die Menschen wissen läßt, daß so gut wie jeder Gott irgendwann als vernichtenswürdig, weil falscher ausgerufen worden ist, dient das Karfreitagsgeschehen universell als Aufstand der Gläubigen zur Festigung ihres Glaubens durch Prüfung der Götter, ob sie noch stark genug seien, Fluch, Leugnung und Sturz zu überstehen oder ob man sich besser der Allgewalt prometheischer Führer anvertrauen sollte. Das Motiv wanderte mit Goethes Gedicht „Prometheus“ in unsere Schulbildung ein. Heute raten selbst Polizeipsychologen, man solle den radikalen Fanatismus der hooligans sich erschöpfen lassen, anstatt ihn durch Widerstand der Ordnungskräfte immer weiter anzustacheln. Der Triumph der Radikalen aus der Kraft der rationalen Mobilisierung von Irrationalität, Kontrafaktizität und Absurdität währt nicht lange und die Beweise für die Durchsetzung ihrer Ziele lösen sich innerhalb kürzester Zeit in Luft auf. Auferstehung als christliche Botschaft ist eben nicht nur für Gläubige der Beweis, daß Gewaltandrohung und Töten keine Kräfte zur Erzwingung von Gottesgehorsam, Glaubensstärke und Gesetzestreue sind, selbst dann nicht, wenn man, wie im Falle Jesu, ein legales Urteil vollstreckt. Niemals hätte die christliche Botschaft von der Auferstehung eine derartige Überzeugungskraft entwickeln können, wenn sie nicht vollständig den rationalen Argumenten der Einbeziehung des Jenseits des Lebens ins Leben entsprochen hätte – etwa der griechisch-römischen antiken Vorstellung, wie man die Toten unter den Lebenden vergegenwärtigt. Ein Beispiel dafür boten die Lokrer, die ausgerechnet in der auf Geschlossenheit gründenden Phalanx stets eine Leerstelle wahrten. Die Leere gab Raum für die Vergegenwärtigung ihres toten Kulturhelden Ajax, der auf diese Weise in ihren Reihen mitmarschierte – noch die Nazis beschworen im Horst-Wessel-Lied „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschieren in unserem Geiste mit“, und während der Feiern für das Scheitern des Hitler-Ludendorff-Putsches von 1923 an jedem 9. November wurden die November-Toten namentlich einzeln aufgerufen wie bei einem militärischen Appell; zur Bestätigung der Anwesenheit der Toten antwortete das Kollektiv mit dem appellüblichen „Hier!“
Am Karfreitag feiern die Menschen ihren bedeutendsten Triumph. Sie bejubeln ihre Macht zur Erzwingung des Absoluten im irreversiblen Akt der Tötung selbst eines Gottes. Doch am Morgen des Ostersonntags soll sich bereits die völlige Vergeblichkeit dieses kindlich-naiven Erzwingungsversuchs herausstellen. Denn das Grab Christi ist trotz Versiegelung leer. Die einzige vernünftige Erklärung bei dieser Faktenlage war die Schlußfolgerung, daß etwas geschehen sein mußte, was kontrafaktisch alle bisherigen Erfahrungen überstieg und gerade deswegen als vollzogene Auferstehung von vernünftigen Leuten geglaubt werden mußte.
Buch · Erschienen: 30.10.2016 · Autor: Brock, Bazon · Herausgeber: Sawall, Marina