Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 193 im Original

II.6 Das Museum als Zivilisationsagentur Europas

Text

Das Museum als Institution entsteht aus einem Ansatz der französischen Revolutionäre, die dem gemeinen Volk die im Louvre untergebrachte Schausammlung König Ludwigs XVI. zugänglich machen wollten. Nachdem Napoleon das Regime übernommen hatte, wurde einer interessierten Öffentlichkeit Zugang zu Instrumenten des Erkenntnisgewinns gewährt. Die Sammlung galt nicht mehr als Teil des Palastes und damit auch nicht mehr als königliches Eigentum, sondern ging in öffentlichen Besitz über.

In Deutschland entstand im Zuge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts das (später für die documenta genutzte) Fridericianum in Kassel als erster Museumsbau auf dem Kontinent. 1779 fertiggestellt, beherbergte es zunächst noch keine museale Sammlung, sondern war eine Ausweitung der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern. Erst ab 1820 wurde die Institution Museum förmlich entwickelt, nachdem kurz vorher der erste Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingerichtet worden war. Zuvor wurden die Probleme der Wahrnehmung und Urteilsbildung nur von Ästhetikern und Philosophen behandelt. Ästhetik als philosophische Disziplin war um 1800 mit der Frage beschäftigt, wie die Gegebenheiten in der Außenwelt mit den Vorgängen in menschlichen Gehirnen zusammenhängen. (6)

Alle Erkenntnis besteht im Grunde in nichts anderem als der Problematisierung von Hypothesen und dem Gebrauch, den wir von ihnen machen. Solche Überlegungen sind in die europäische Institution des Museums aufgenommen worden und ließen es zu einer Zivilisationsagentur ersten Ranges werden, die bis auf den heutigen Tag in der Welt ihresgleichen sucht. Als jüngste Ausweitung solcher Bedeutung kann die von Bazon Brock, Peter Sloterdijk und Peter Weibel im Rahmen des Lustmarschs entwickelte Initiative zur Zivilisierung der Kulturen durch die Kraft der Musealisierung vom 24. November 2007 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gelten: Gerade im Museum kann man mit erarbeiteten Kriterien des Unterscheidens die spezifischen Leistungen der Kulturen in aller Ruhe würdigen, ohne die Gefahr, zu einem Bekenntnis der Loyalität mit der einen gegen die andere Kultur gepreßt zu werden. In keiner einzelnen Kultur, auch in den westlichen nicht, wurden die Leistungen anderer Kulturen derart anerkannt, wie in den Museen als Agenturen einer universalen Zivilisation. Wenn Kulturkämpfer vor allem Respekt, ja Anerkennung der Hervorbringungen ihrer kulturellen Gemeinschaft erzwingen wollen, dann wird diesem Verlangen nirgends derart entsprochen wie in den Museen. Deshalb besteht die Hoffnung, durch immer differenziertere und umfassendere Musealisierung aller Kulturen der Welt zur Pazifizierung durch Anerkennung beizutragen und Zivilisierung durch Befähigung zur Verantwortung für die gesamte Menschheit, anstatt bloß für die eigene Kulturgemeinschaft zu befördern.

Eine der beispielhaften Formen solcher Zivilisierung durch Musealisierung bot der türkische Staatspräsident Mustafa Kemal Pascha, dem im Jahre 1934 der Ehrentitel „Atatürk“ („Vater der Türken“) verliehen wurde. Am 24. November 1934 hat er per Dekret den schwelenden Kampf zwischen muslimischen Kulturalisten und westlichen Säkularisten dadurch zu entschärfen versucht, daß er eine der imposantesten und bedeutendsten Moscheen des Islam in ein Museum verwandelte. Die Großartigkeit von Atatürks Leistung wird erfahrbar, sobald man weiß, daß die zum Museum umgewandelte Moschee ursprünglich als Hagia Sophia, von Kaiser Justinian in den 530er Jahren gestiftet, der machtvollste Ausdruck des oströmischen Cäsaropapismus gewesen ist, also eine nahezu singuläre Einheit von weltlicher und geistlicher Herrschaft, von Königreich und Gottesreich in der Berufung auf die christliche Trinität darstellte.

Mit dem Musealisierungsdekret wurde auch die weltgeschichtliche Einheit der menschlichen Lebensräume am Bosporus programmatisch in Erinnerung gerufen. Denn das historische Byzanz/Konstantinopel ist nach Atatürks Meinung 1453 durch die türkisch-islamische Eroberung nicht vernichtet, sondern an die Gegenwart vermittelt worden. Damit zeigte Atatürk, daß die Musealisierung als Vergegenwärtigung der Vergangenheiten ihr Ziel erreicht: Das Bewußtsein des Zusammenhangs von Entstehen und Vergehen der Kulturen, wie Großartiges sie auch immer geleistet haben. Die menschheitsgeschichtliche Bedeutung erhält der Kulturraum Bosporus gerade durch die unmittelbare Gegenwart hethitischer, hellenistischer, byzantinisch-oströmischer und osmanischer Kulturentfaltung. Sich gleichermaßen als Lebender auf alle diese Ausdrucksformen der menschlichen Gemeinschaften anerkennend, dankbar und herausgefordert beziehen zu können, begründet das Selbstbewußtsein eines über seine kulturelle Prägung hinaus zivilisierten Menschen, den wir in Kemal Atatürk ehren.

Anmerkungen

(6) Der parabelhafte Film „Rashomon“ von Akira Kurosawa zeigt diesen komplexen Zusammenhang zwischen dem äußeren Geschehen und dem inneren Erleben auf sehr prägnante Weise: Vier Personen sollen den gleichen Tathergang registrieren und dann berichten, was sie gesehen haben (im Falle „Rashomons“ handelt es sich um einen Mord); die vier Zeugen des Verbrechens erzählen vier verschiedene Geschichten. Genötigt, dennoch einen Zugang zur Wahrheit zu entwickeln, beginnt erst der komplizierte Erkenntnisweg.