Buch Kürzeste Besucherschule d15 von Bazon Brock, Denker im Dienst der Polemosophie

Der Fluch der guten Tat. Kulturalismus erledigt die Kunst

Der deutsche Aberwitz zitiert gern eine altgriechische Weisheit: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge!" Gemeint ist bei Heraklit aber nicht der Krieg, sondern das Streiten, das Polemisieren, das Pointieren von Behauptung und Gegenbehauptung. Polemosophie ist also augenöffnende Polemik. Wie weit die Deutschen von der griechischen Autorität entfernt sind, sieht man daran, dass von allen Halbgebildeten "Polemik" als abwertender Begriff gebraucht wird.

Vorabdruck (Auszüge) in der Süddeutschen Zeitung vom 1.07.2022.

Erschienen
18.07.2022

Verlag
Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978-3-7533-0307-9

Umfang
32 S.

Abschnitt, beginnend auf Seite 27-31 im Original

Welche Lösung des documenta-Schlamassels gibt es?

Text

Ganz offensichtlich reicht es nicht, sich klassischer, also in allen Kulturen praktizierter Verfahren zur Reinigung des Gewissens und Vergebung von Schuld zu unterwerfen. Nicht nur im Christentum propagierte man die Entlastung von Schuldvorwürfen durch die Sühne in der Selbsterniedrigung. Abgesehen von der Faszination blutiger Spektakel sind die Prozessionen der sich selbst Geißelnden (heute als political-correctness-Parcours) raffi-nierte Formen der Selbsttäuschung. Allerdings schwer zu durchschauen, selbst von großen Denkern. Wenn Kant meint, „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“, wird dem Zeitgenossen allenthalben und auch im Kunstsystem die Gegenposition nahegelegt: Schlag mich, betrüg mich, belüg mich. Das kommt mir gerade recht, um dir gegenüber umso bedenkenloser zuschlagen, betrügen und lügen zu dürfen.

Die heute in Ausstellungen und in Reaktionen auf Ausstellungen wie die documenta offen bekundete Intellektuellenfeindlichkeit und Diskriminierung des Nachdenkens sind Formen der Selbstgeißelung, mit der die eigene Beschränktheit und Lernunwilligkeit als Verschulden Dritter behauptet werden soll. Der allenthalben beklagte Niveauverlust in öffentlichen Medien (von sozialen ganz zu schweigen) wird selbst von Journalisten und Redakteuren auch öffentlich-rechtlicher Anstalten bequemerweise darauf zurückgeführt, ihr Publikum verbiete ihnen, anspruchsvollere Konzepte und intelligentere Rezensionen durchzusetzen. Wer die gedankliche Anspruchslosigkeit seiner Adressaten behauptet, verweigert Selbsterkenntnis zulasten anderer.

Wie kann man dagegen ankommen?

Nur apokalyptisches Denken begründet jegliche Hoffnung aufs Bessere. Nur wer die Aussicht aufs mögliche Ende ernst nimmt, kann vernünftig zu handeln beginnen und den vorhersehbaren Untergang zu vermeiden suchen.

Ein Land, in dem eine „Kanzlerin der Herzen“ pathetisch vor Millionen Zuschauern verkünden konnte, sie habe immer gewusst, dass Putin Europa zerstören wolle, und trotzdem ihr Land seiner Willkür auslieferte (ist das nicht eigentlich Bruch des Amtseids?), wird wohl ertragen können, dass nicht nur im Rest der Welt, sondern auch in großen Teilen Europas Antisemitismus latent wie offensiv zur Geltung gebracht wird. Wer diese Realität leugnet, wird in seinem angeblichen Kampf gegen den Antisemitismus völlig unglaubwürdig.

Wer die Welt zu Gast nach Kassel bittet, um sich selbst in seiner ungeheuren Überlegenheit als liberal, großzügig und human feiern zu lassen, darf die Eingeladenen nicht zu gefälligen Liebedienern des eigenen Wunschdenkens machen.

Leider haben die diesjährigen documenta-Macher geglaubt, sich zu salvieren, wenn sie den Antisemitismus nur in einer indonesischen Version darstellen und behaupten, da diese Version indonesisch sei, könne sie in Deutschland keine Bedeutung haben. Die Behauptung, es handele sich um ein Gemälde im westlichen Kunstsinn ist angesichts der mangelnden künstlerischen Qualität bedeutungslos.

Nur derjenige Urteilende ist wahrhaft glaubwürdig, der seine eigenen Vorurteile nicht nur kennt, sondern der Öffentlichkeit clare et distincte mitteilt. Wer behauptet, er urteile nur nach Recht und Gesetz, ist ein gefährlicher Lügner oder Dummkopf. Erkennen wir endlich den jedermann von der Evolution aufoktroyierten Mechanismus der Vorurteile! Nur dann besteht eine Chance, den Vorurteilen entgegenzuwirken. Man sollte wissen, dass ohne Vorurteile keinerlei Lebenspraxis zustande kommen kann. Vorurteile sind kulturspezifisch vermittelte Hypothesen zum Auf bau von Zielsetzungen und daran geknüpften Erwartungen. Weil die meisten Menschen gern vermeiden wollen, enttäuscht zu werden oder gar zu scheitern, halten sie Vorurteile für Gesetzmäßigkeiten, die sie bestätigen müssen.

Die künstlerische Leitung der documenta verweist nur auf die Vorurteile, die die westlichen Ausstellungsmacher angeblich leiten, nämlich Dominanzstreben – fragt sich bloß, über wen? Vielleicht über die Vorurteile von Ruangrupa, die die in Kassel demonstrierten Konzepte als neu ausgeben, als nie im Westen und schon gar nicht auf der documenta gezeigte. Jeder halbwegs Kenntnisreiche wird zu jeder in Kassel behaupteten Neuheit aus 120 Jahren europäischer Kunstgeschichte beliebig viele Beispiele von erwiesener Qualität nennen können.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Das von Bazon Brock seit Jahrzehnten erarbeitete Programm für die Vermeidung kulturalistischer Übergriffe auf Künstler und Wissenschaftler heißt „Musealisierung als Strategie zur Zivilisierung der Kulturen“. Historisches Beispiel: Der türkische Nationalheros Atatürk beendet den Kulturkampf zwischen Moslems und Christen, indem er ein entscheidendes Objekt des Streits, die Hagia Sophia, am 24.11.1934 in ein Museum verwandelt. Damit war Christen wie Moslems die Propaganda für ihre kulturelle Hegemonie genommen, den grandiosen Kultbau für sich zu reklamieren. Erdogan hob aus politischem Opportunismus die Musealisierung 2019 wieder auf. Der Kulturkampf entbrannte erneut aufs Heftigste. Ähnlich barbarische Tendenzen entwickeln sich z.B. in Russland durch das Verbot der zivilen Memorialgesellschaft oder in China durch die Behauptung des Vorrangs der Han-Kultur vor allen anderen im Reich praktizierten Kulturen und Sprachen.

Man kann sich des Eindrucks schwer erwehren, dass die documenta-Macher in schöner Überstimmung mit den großmeisterlichen Vorbildern Putin, Erdogan und Xi Kunstkonzepte unnachsichtig und hämisch unter die Fuchtel von Kulturgesten zu bringen versuchen.

Nur Künste und Wissenschaften haben bisher Beispiele für Regeln entwickelt, die universell gelten – also über die spezifischen Kulturen hinaus. Wie ging das? Jeder Mensch kann nur als Mitglied einer Kultur, d.h. in einer Sprach-, Koch- oder Glaubensgemeinschaft lebensfähig werden. Über kurz oder lang erlebt er aber Bedrohungen seiner Position bis hin zur Ächtung oder Ausgliederung. Auf der Suche nach den Gründen dafür gerät er in Distanz zu Dogmen, denen er unterworfen war und die ihn dennoch nicht davor geschützt haben, zu scheitern. Der naheliegende Ausweg ist der Kulturvergleich, also die Bewertung der eigenen kulturellen Gewissheiten in Bezug auf andere. Ein bloßer Kulturwechsel ist keine Lösung, weil alle Kulturen ihre Mitglieder in den Überlebenskampf um Ressourcen und machtvolle Selbstbehauptung einbeziehen.

Um beispielsweise als Chemiker zu arbeiten, kann man seine kulturelle Herkunft nicht geltend machen. Chemie betreibt man nicht als Chinese, Jude oder Afrikaner, sondern eben nach den Verfahren der Forschung im Bereich der Chemie.

Das gleiche gilt für die Kunst. Künstler setzen die Rahmenbedingungen für ihr Schaffen mit ihrer individuellen Fähigkeit, nur aus der Logik des Gestaltens heraus einen sinnstiftenden Weltblick darzustellen, ohne Unterwerfung unter religiöse Überzeugungen oder Sitten und Gebräuche der Kulturkollektive. Jede sinnvolle Kunstausstellung gibt also möglichst viele Beispiele dafür, dass es Individuen gelingen kann, jenseits kultureller Dogmatiken der Welt Gestalt zu geben, also Erkenntnis zu gewinnen, die für die Individuen zum zentralen Weltbezug wird. Das Publikum kann sich dann über diese Fähigkeit von Individuen in Kenntnis setzen oder sie gar als beispielgebend akzeptieren. Kunstkritik und Kunstwissenschaften sollten dann auf der Basis ästhetischer, ethischer und epistemologischer Kompetenz die Kriterien der Unterscheidung zwischen den Leistungen der einzelnen Künstler herausarbeiten und für die Öffentlichkeit bewertbar werden lassen.

In Zeiten, in denen nicht nur Westler für sich das Recht reklamieren, als Individuen ihr Leben zu führen, werden die Beispiele von Künstlern und Wissenschaftlern immer wichtiger.

Der nur als Auswahlfreiheit gewährte Konsumindividualismus erfüllt die Bedingungen nicht, da aus der Auswahl keinerlei dem Individuum zugute kommende Befähigungen und Erkenntnisse erwachsen. Er wird als Konsument nur als Mitglied des Käuferkollektivs von der Industrie angesprochen. Die Unsinnigkeit dieser propagierten Form von Individualität wird in dem Bemühen vieler sichtbar, sich mit dem Kauf der gleichen Kleidungsstücke oder Ausrüstungsdesigns zu individualisieren.

Individualität ist kein personalisierter Umgang mit Objekten, sondern eine geistige Haltung, die über seine kulturelle Prägung hinaus von jedem einzelnen zu erarbeiten ist – unter Anleitung von Künstlern und Wissenschaftlern.

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.