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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 267 im Original

III.9 Intervento minimo

Die historisch hoch stehenden Gegenbewegungen gegen den Aktionismus bildeten die Zen- und die Hindu-Religionen sowie bei uns die Mystiker. Sie legten es stets darauf an, im Bewußtsein der Zeitgenossen die Würde der Stille, die Großartigkeit des Nichteingreifens oder wenigstens des intervento minimo, des kleinstmöglichen Eingriffs zu würdigen, anstatt dem intervento massimo, dem pompösen Eingreifen, mit allen Mitteln zu huldigen. Intervento minimo bedeutet, mit einer Minimalbewegung etwas zu wenden. Einen tausend Jahre unbewegt ruhenden Stein umzudrehen, ist eine Sensation für jemanden, der noch weiß, was Ereignishaftigkeit bedeutet. Der Flügelschlag eines Schmetterlings oder das Umblättern einer Seite sind Formen des intervento minimo; obwohl es natürlich Gewürm geben mag, das sich selbst durch einen sanften Spaziergänger gestört fühlt, aber bei dem entschuldigt man sich als spirituell sensibler Buddhist oder Hinduist durch Glöckchen am Armgelenk oder an den Schuhen, damit es rechtzeitig Reißaus nehmen kann. (6)

Wenn wir uns hier erstmalig offiziell als Anwärter auf die Ehrenmitgliedschaft als Dichter und Künstler bei der Feuerwehr und bei der Polizei bemühen, dann in dem hoffenden Bewußtsein, daß sich auch Polizei, Feuerwehr und Ärzteschaft bei ihren Interventionen zu Wasser, zu Lande und in der Luft langsam ihrer eigenen Würde bewußt werden und sich deswegen nicht mehr so rigide zeigen müssen, wie das häufig der Fall ist. Ein Polizist in der Würde desjenigen, der den Normal-Null-Fall des Nicht-Ereignisses garantiert, ist eigentlich in keiner Hinsicht mehr, selbst für empfindlichste Künstler, der Ausdruck einer zwingenden Macht oder Autorität.

Wir feiern die Hausmeister in den Museen, das Reinigungspersonal, die Polizisten, die Straßenbahnschaffner, die Müllabfuhr als Souveräne der Normalität. Im Zuge der Entwicklung einer neuen Kulturhierarchie der Bedeutungen sollten sie auf den Schild der öffentlichen Wahrnehmung gehoben werden. Als Einübung in ein derartiges Würdigen lobe ich bei Preisvergaben stets diejenigen, die ihn nicht bekommen, aber die Bedingung der Möglichkeit einer Auszeichnung darstellen. In Ausstellungen oder Theatern sollte man diejenigen beglückwünschen, die nicht mehr schreiben, malen oder spielen müssen. Leider gibt es noch keinen Kult für die Würdigung des Unterlassens, aber genau auf diesen Weg haben wir uns mit unseren Veranstaltungen auf dem Radlpaß und im Theoriegelände begeben.

Anmerkungen
(6) „Himmler war von jeher empfänglich für unorthodoxes Denken jeder Art, angefangen von Naturheilverfahren und Kräuterkunde (jedes KZ mußte einen Kräutergarten unterhalten) über die Entschlüsselung geheimnisvoller Runenschriften bis hin zur Suche nach dem reinen arischen Typus durch Vermessung menschlicher Schädel. Eine seiner zahlreichen, ihn begeisternden Ideen war der Kampf gegen die Jagd, die er geächtet sehen wollte, weil jedes Tier ein Recht auf Leben habe.“ Bullock, Hitler und Stalin, S. 859. Die Ideologen des Ariertums nahmen sogar in Kauf, daß für die Legitimation ihres eigenen Überlegenheitsanspruchs auf bisher völlig fremde Kulturen zurückgegriffen werden mußte, etwa den Hinduismus. Himmler empfahl den SS-Männern, wie die heiligen weisen Männern bei den Hindus, Glöckchen an die Stiefel zu montieren, um so den Respekt vor der Beseeltheit des Lebens auszudrücken. Die Beseeltheit war gedacht als Wiedergeburt von Menschen, also auch von eigenen Vorfahren in jedweder Gestalt anderen Lebens. Die Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer waren also Ausdruck der Begründung von Ahnenkult in der angenommenen Tradition der aus Indien stammenden Arier. Wagners Träume von Juden, die zu Würmern und Trichinen wurden, um seinen Leib zu zerfressen (siehe entsprechende Studien von Hartmut Zelinsky), entsprechen folglich den Beseeltheitsvorstellungen allen Lebens. Die Auflösung des Widerspruchs von beseelten Schädlingen und Nützlingen ergibt sich aus der Unterscheidung von Freund und Feind einerseits und dem Triumphalismus des natürlichen Lebens andererseits, das heißt der demonstrierten Macht des Stärkeren.

Junge Zivilisationsheroen und alte Meister, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 268 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Junge Zivilisationsheroen und alte Meister, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 268 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.