Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

siehe auch:

Abschnitt, beginnend auf Seite 70 im Original

I.2 Träumt die Vernunft von Idealen, schafft sie Monster

Text

Heutzutage möchte man uns mit aller Gewalt einreden, daß die Künstler auf Radikalität verpflichtet werden sollten. Hier zeigt sich der Postfaschismus als Demokratie. (3) Gerade unter Intellektuellen, Künstlern und leider auch Wissenschaftlern ist heute der Faschismus wieder gang und gäbe. Niemand, außer Adorno, hätte in den 50er Jahren vermutet, daß er gut fünfzig Jahre später in diesem Ausmaß grassieren würde.

Anläßlich der Diskussion über die Absetzung von Mozarts „Idomeneo“, September 2006, auf Grund von möglichen Einwänden der Islamisten trafen sich in Berlin einige Herrschaften, unter ihnen auch der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon. Der Intendant hat sinngemäß geäußert: „Ja, aber die Kunst hat doch die Pflicht, Unruhe zu stiften und zu stören!“

Alle Menschen, die jemals selbst den Terror erlebt haben, würden so etwas nicht einmal denken, auch wenn sie es der eigenen Schwiegermutter gegenüber häufig behaupten möchten. Auch wer Terror nicht selbst am eigenen Leibe erfahren hat, weiß dennoch, daß heute jeder beliebige Hanswurst an irgendeiner Straßenecke mit etwas Dynamit jeden beliebigen, terroristisch inszenierten Ausnahmezustand herstellen kann – das ist wirklich keine Kunst! (4) Der höchste Ausdruck von Kunst bestünde in der Eichung an der Folgenlosigkeit und an der Rückrufbarkeit als Programm, wie man es bereits im Bereich der Ökologie belohnt, wenn für bestimmte Produkte der Blaue Engel oder der Grüne Punkt vergeben wird.

Ein paar Dutzend großflächige Auseinandersetzungen der blutigsten Art gibt es Jahr für Jahr auf der ganzen Welt. Wenn einige Deutsche, intellektuell Tiefsinnige, auf die Idee kommen, Aufgabe der Kunst sei es, Unruhe und Zerstörung in die Welt zu setzen, möchte man sich darauf verlassen, daß ein Schweizer, als Verfechter des Normalfalls, dem niemals beipflichten würde.

Als wir 1957 in die Schweiz kamen, hatten wir den Krieg noch vor Augen: das Leben in Ruinen, das tägliche Rechnen mit dem Außerordentlichen, die Zerschlagung aller gesellschaftlichen Vermittlungsformen, Verbindlichkeiten und Institutionen. Wir erinnerten uns noch daran, wie innerhalb von wenigen Stunden das gesamte Lebensumfeld dermaßen drastisch verwandelt wurde, wie es kein Künstler mit noch so vielen Bühnenbildmillionen hätte bewerkstelligen können. Erheben Künstler als Kinder wohlstandsverwahrloster Zeiten die Forderung, die Gesellschaft habe sich ihren künstlerischen Vorstellungen anzupassen, während der Rest der Welt hungert, von Krieg und ständigem Terror der Kultur- und Religionskämpfe überzogen wird, so erteilen Schweizer den Ansprüchen dieser gnadenlosen Konkurrenten Gottes eine Absage. Denn, so wollen wir glauben, die einzig zivilisierten Repräsentanten der Menschheit im Sozialverband sind die Schweizer. Die Schweizer wissen aus eigener schmerzlicher Erfahrung, daß der Normalfall für einen zivilisierten Menschen die eigentliche Leistungsgrenze darstellt. Wer den Weltlauf bewertet, erkennt, daß die souveräne Leistung einer Gesellschaft nur darin bestehen kann, den Normalfall zu garantieren. Doch diese Erkenntnis war bisher nur in der Schweiz durchsetzbar.

Angesichts der Geschichte der letzten hundert Jahre ist es fast ein Wunder, daß unter den Bedingungen der Kommunikation, die nur gelingt, wenn sie produktive Mißverständnisse erzeugt, nicht so viele unproduktive Mißverständnisse wie Dogmatismus und Totalitarismus entstehen, die das Ziel, Normalität zu garantieren, fortwährend und vorsätzlich verfehlen. Den höchsten Attraktivitäts- und Aufmerksamkeitsgrad erzielt man durch die Anhäufung von Toten in großem Stil. Bis auf den heutigen Tag lautet daher der Generativitätsquotient der herkömmlichen Geschichtsschreibung: Wie viele Lebende hat jemand aus der Welt gebracht? Jemand, der nur zwölf Leute ermordet hat, erhält nicht einmal eine Fußnote in der Kriminalitätsstatistik. Bei hunderttausend Toten dagegen wird es interessant. Wirklich geschichtsbuchwürdig erweist man sich erst ab einer Million Toten; dauerhaft etabliert ist man ab einer Summe von sechs bis dreißig Millionen, einem Hitler, Stalin oder Mao ebenbürtig.

Die Konsequenz aus dieser verhängnisvollen Ökonomie der Aufmerksamkeitsverteilung wäre darin zu sehen, endlich eine Geschichte zu etablieren, in der als Großtat gefeiert wird, was sich nicht ereignet hat. (5) Das Verhindern ist eine viel größere Leistung als das Realisieren irgendeiner noch so großen Idee. Wer den Bau eines häßlichen Hotelkomplexes verhindert, stellt wirklich Erfindungsreichtum und kommunikationsstrategische Begabung unter Beweis – ein Faktum, das endlich anerkannt werden müßte. Schreiben wir also eine Geschichte des Unterlassens! Zeigen wir den Gottsucherbanden aller Herren Länder, was es heißt, Europäer und Christ zu sein, indem wir unsere Leistungsfähigkeit im Unterlassen demonstrieren.

Was die Schweizer seit Mitte des 17. Jahrhunderts außenpolitisch und seit Anfang des 19. Jahrhunderts innenpolitisch vertreten haben, nämlich die Vermeidung des Ernstfalls, hat inzwischen Chancen, als allgemein ethisches Prinzip anerkannt zu werden: Der Ernstfall des Krieges als Angriffs-, Durchsetzungs- oder Machtbehauptungskrieg wird nicht mehr toleriert. Der „verbotene Ernstfall“ bildet den bisherigen Höhepunkt der Zivilisationsgeschichte. Selbst die Amerikaner erkannten bis vor kurzem die Null-Tote-Doktrin an, die besagt, daß Armeen dafür da sind, Frieden zu erzwingen und nicht, Krieg zu führen. (6) Insofern das Töten die ultima ratio des existentiellen Ernstfalles ist, also die Irreversibilität schlechthin, ist das Verbot des Ernstfalls gleichbedeutend mit dem Gebot von Reversibilität. Die Sensation der weltgeschichtlichen Mission des Christentums lautet: Es gibt kein Gebot der Nachfolge in den Tod, im Gegenteil, der Gott ist für euch gestorben und damit basta! Wer jetzt noch argumentiert, daß er in der gewaltsamen, ja todbringenden Durchsetzung seiner Ansprüche gerechtfertigt sei, kann sich jedenfalls nicht auf Christus berufen.

Anmerkungen
(3) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.
(4) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch!“
(5) Brock, Bazon, in: Crivellari, Fabio u.a. (Hg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. Konstanz 2004.
(6) „Wir benötigen ,Lernzeit für Zivilisierungen῾, d.h. ein starkes Bewußtsein für die Tatsache, daß immer unter Bedingungen des Ernstfalls geübt wird, um seinen Eintritt nach Möglichkeit zu verhindern.“ In: Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt am Main 2006, S. 355 ff

siehe auch:

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.