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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 73 im Original

I.2 Dada oder der Tempel innerweltlicher Transzendenz

Hatten die Schweizer mit dem Verbot des militärischen Ernstfalls, des Krieges, zur Durchsetzung von Selbstbehauptung bereits eine weltgeschichtliche Mission begründet, wie sie nur wenige andere Staaten zu praktizieren wagten, so haben sie mit dem Verständnis der „Logik des Wahnsinns“ die Psychiatrie als Heimat aller Geisteswissenschaft etabliert. Das galt nicht nur dem Aufbau von psychiatrischen Anstalten von Weltruhm; vielmehr akzeptierten die Schweizer die Konsequenzen der grundlegenden Einsicht, daß die größere Zahl von „Geisteskrankheiten“ als Strategien zur Selbsterhaltung des Organismus' zu werten sind. Was das in praxi bedeutet, demonstrierten der Weltöffentlichkeit nach den Vertretern der Berner Psychiatrie und dem Genfer Sprachphilosophen de Saussure vor allem die Dadaisten.

Durch die strikte Vermeidung des Ernstfallpathos und des Ernstfallheroismus zog die Schweiz im besonderen Maße zivilisierte Menschen an, die aus jenen Ländern flohen, die jedem Bürger Gottesgehorsam, Gefolgschaftsverpflichtung oder Machtstreben mit radikaler Todesbereitschaft abverlangten. Im Jahr 1916 entwickelte sich in Zürich im Protest gegen die Schlachten als Schlachtfestorgien vor Verdun eine Kunstbewegung im Kontext des Theorems vom verbotenen Ernstfall. Die historische Leistung des Dadaismus bestand in der Zielsetzung, die Fixierung der Ernstfallheroen auf Gott oder das Schicksal, also auf transzendente Größen, zu zerschlagen. Um nicht in banalen Relativismus oder gar Wertenihilismus zu verfallen, ersetzten die Dadaisten programmatisch das übermenschlich Absolute durch ein allen geläufiges, für Menschen typisches Kernstück aller Beziehungen zwischen ihnen, nämlich die Kommunikation des Alltags. Das zielte darauf, daß Menschen gezwungen waren, auch dann sich in natürlichen oder sozialen Umgebungen zu behaupten, wenn sie die Bedingung der Möglichkeit des Lebens nicht verstanden. Man kann nicht mit der Fortsetzung der Lebensprozesse warten, bis man deren Funktionslogiken als Ursache-Wirkung-Verhältnisse und dergleichen zu simulieren in der Lage ist. Man kann nicht erst entscheiden, wenn man alle entscheidungsrelevanten Faktoren genauestens studiert und die Gesamtsituation in allen Hinsichten verstanden hat. Zu solchem Verstehen gehörte nämlich das experimentelle Überprüfen des behaupteten Verständnisses, wie das etwa in den Naturwissenschaften die Regel ist. Im Leben gibt es keine Experimente und es nützt keine kindliche Deklaration, man habe eben nur einmal gespielt und außerhalb des Spieles hätten die Resultate des Spiels keine Auswirkung. Sich auf Kommunikation einlassen zu müssen, anstatt Verstehen zu erzwingen, führte zu der bemerkenswerten Erfahrung, um nicht zu sagen zu der Belohnung, daß die Verständigung ohne Verstehen gerade durch eine Vielzahl von Mißverständnissen, Unklarheiten im Ausdruck und das Fehlen jeglichen Konsenses in der Kakophonie der Meinungen besonders erfolgreich ist, also die Kommunikation produktiv werden läßt.

Demzufolge galt es, das fest gefügte Korsett der Konventionen, die Normativität des Bürokratischen oder juristischer Textarchitekturen zum Unfug zu entwickeln, in letzten Lockerungen auf dem Schüttelrost des Gelächters. Den Unfug, den die Dadaisten trieben, sortierten sie nach Graden der Befremdung, später Ver-Fremdung genannt. Je größer das Befremden durch den Unfug, desto lohnender die Herausforderung, sich dem Chaos gewachsen zu zeigen. Für die Dadaisten wurde zum ersten Mal die Streßresistenz, die Widerstandskraft gegen die Zumutung des Chaos, eine Auszeichnung der Kennerschaft. Seither signalisieren aufgeklärte Kunstsammler – Unternehmer, Zahnärzte, Urologen und Führer demokratisch legitimierter Institutionen – mit ihrem Kunstbesitz nicht mehr Statusambitionen, Erfolgsbeweise oder Mitgliedschaften in Exklusivclubs. Daher verfehlen auch kritisch gemeinte Analysen der Selbstdarstellungsattitüden von Sammlern in der Nachkriegsmoderne ihren Ansatz. Sie illustrieren nur die Bestätigung eines konsensfähigen Vorurteils, anstatt herauszufinden, auf welche Weise mächtige Männer ihre Hinwendung auf die Elaborate von ein paar Künstlern begründen, die nicht einmal Schutz und Anerkennung von sozialen, ökonomischen, politischen oder kulturell-religiösen Instanzen genießen. Denn es ist ja ganz und gar nicht selbstverständlich, daß sich ausgerechnet die Entscheider über Wohl und Wehe einer Gesellschaft auf die macht- und einflußlosen Meinungen von Individuen einlassen sollten, mit denen, wie allseits bekundet wurde, kein Staat zu machen ist.

Seit der große Unfug der Dadaisten als Kraft zur Auflösung der Bindungsfugen im ideologischen Gefüge von Weltbildern auf den Schlachtfeldern Flanderns als notwendig bewiesen worden war, zeigen sich die Herren der Welt „mit dem Rücken zur Kunst“ (Wolfgang Ullrich), um geradezu stolz zu demonstrieren, daß sie hinreichende psychische Stabilität besitzen, mit dem Chaos, dem Unsinn, den Beliebigkeiten in den Werken der Künstler spielend fertig zu werden.

Wie gelingt das? Wer bereit ist, absonderliches Gebaren, partielle Absenzen und andere psychische Auffälligkeiten als sinnvolle Reaktionen auf Bedrohung durch vermeintlich nicht beherrschbare Konflikte gelten zu lassen, geht ja davon aus, daß das, was unmittelbar nicht verstehbar scheint, doch in irgendeiner Hinsicht sachgerecht und erfolgreich sein kann. Heute sind mathematische Demonstrationen der Ordnung des Chaos geradezu ästhetische Erlebnisse für jedermann und Mandelbrot-Bäumchen sind bereits in „bewußtlose“ Telefonkritzeleien eingedrungen. Den Zeitzeugen der Schlachten vor Verdun, die bei ungeheurem Material- und Menscheneinsatz zu keinerlei grundsätzlicher Veränderung der Ausgangsposition führten, mußte der Sinn dieser Sinnlosigkeit erst mühsam und peu à peu von den Dadaisten eröffnet werden. Die expressionistischen Lyriker und Dramatiker waren ja gerade vom Gegenteil getragen, nämlich dem Wissen, daß sich das Weltende, zumindest das des Bürgertums, mit unabweislicher Macht in Szene setzte. Aber bereits die Konfrontation mit Absurditäten in der Entäußerung des höchsten Führerwillens ließ es nicht mehr zu, ein Strafgericht Gottes („Gott strafe England!“) oder homosexuelle Dekadenz („Der Kaiser tanzt mit Eulenburg und Leutnants im Tutu durch den Schloßpark von Liebenberg“) oder den Niedergang des Bürgertums für den Schrecken von Verdun verantwortlich zu machen; selbst untere Chargen wurden mit der Zumutung nicht fertig, akzeptieren zu müssen, daß auf beiden Seiten der Front behauptet wurde, der eine christliche Gott in unverbrüchlicher Einheit mit Sohn und Weltgeist sei mit ihnen und der Sieg ihrer Waffen durch Gottes Gnade gesichert. Derartige Zumutungen an den Verstand überwältigten umso mehr, als Kaiser und Generalstab keine andere Begründung für ihren Siegesoptimismus geben konnten als den Willen Gottes und die in der deutschen Geschichte immer wieder fatale Durchhalteparole „Wir werden siegen, weil wir siegen müssen!“ Es leuchtet ein, daß es die Selbsterhaltungspflicht jedes Menschen erforderte, sich vor derartigem Ausdruck höchster geistiger Erleuchtung der Weltenführer im Namen Gottes zu bewahren, indem man sich verrückt werden ließ.

Die Bezugsquellen für die dadaesken Aktionen sind die Berichte der Psychiater aus den Krankenhäusern, in denen verrückt gewordene Soldaten behandelt wurden. Zahllose Berichte schildern die auffälligen Ausbrüche verwundeter und schwer traumatisierter Krieger, die durch anhaltendes Trommelfeuer, Gasangriffe und Grabenkrieg dermaßen unter Druck gesetzt worden waren, daß ihnen nur eine dadaeske Reaktion als allerletzte Rettungsmaßnahme übrig blieb. Indem das Gehirn, von den Stamm- und Zwischenhirnfunktionen genötigt, einen Teil der reflexiven Schleifen zwischen Psyche und Soma kappt, kann das schiere Überleben des Organismus gesichert werden.

Um das zu akzeptieren, hatten die Dadaisten, angeführt vom Kulturphilosophen Hugo Ball, eine Art Synthese zwischen Zustimmungslehre von Kardinal Newman und Ja-Sage-Pathos von Nietzsches Zarathustra entwickelt, die eine kulturelle Begründung für den Selbsterhaltungstrieb der Organismen lieferte. (7) Sich selbst erhalten kann nur, wer bereit ist, zur Welt Ja zu sagen gerade dann, wenn deren Zumutungen jeden Vernunftbegabten in den Irrsinn treiben. Irrsinn ist die extremste Ausprägung der Lebensbejahung. Auf die dadaistische Feier des Ja-Sagens zum Unfug als aufgehobener Fügung geht das Mythologem zurück, Dada habe seinen Namen aus dem russischen Wort für Ja von Lenin selbst erhalten. Denn Lenin wohnte Spiegelgasse 6, in der Nachbarschaft des Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, und man kann sich ohne weiteres vorstellen, daß der große Apokalyptiker die spektakulären Aktionen der anarchistischen Clowns besuchte und sich dort vor den Lautgedichten, die Hugo Ball im Kostüm des Kardinals Newman vortrug, vor Vergnügen auf die Schenkel klopfte – unter fortwährender prustender Bekundung seines Wohlgefallens stieß er „da, da, da!“ hervor und gab damit dem Unfug seinen programmatischen Namen. (8)

Anmerkungen
(7) „Ruhm und Ewigkeit /[...] / Schild der Nothwendigkeit! / Höchstes Gestirn des Seins! / das kein Wunsch erreicht, / das kein Nein befleckt / ewiges Ja des Sein's, / ewig bin ich dein Ja: / denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! –“ In: Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe, Band 6. Hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München, New York 1999, S. 405.
(8) Siehe Noguez, Dominique: „Lenin Dada“. Zürich 1989

Patron der Dadaisten, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 73 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Patron der Dadaisten, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 73 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Dada als Synthese von Antike (Scheibenwelt) und Renaissance (Standei): Haut sie in die Pfanne!, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 74 © Javier Carro 2005..
Dada als Synthese von Antike (Scheibenwelt) und Renaissance (Standei): Haut sie in die Pfanne!, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 74 © Javier Carro 2005..
Vatikann des Synkretismus; Mutti muß!, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 75 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Vatikann des Synkretismus; Mutti muß!, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 75 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich: Streßresistenz statt Statusbeweis, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 76/77 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich: Streßresistenz statt Statusbeweis, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 76/77 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.