Vortrag / Rede Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Termin
25.07.1997

Veranstaltungsort
München, Deutschland

Künstler als Beweger

Text

Zuschauer sind die eigentlichen Akteure der Kunst, aber dieses Publikum muß auch ein Ziel für seine Begeisterung, ein Objekt seiner Anbetung finden, oder – anders ausgedrückt: sein Bewegungsimpuls muß eine Richtung bekommen, sei sie nun grün-fundamentalistisch, deutsch-nationalsozialistisch oder wertkonservativ genannt. Anbetung in diesem Sinne bedeutet eigentlich Richtungweisen.
Worauf richtet sich die einmal erzeugte Wirkung der Kunst? Jeder moderne Architekt, jeder moderne Designer, jeder moderne Maler, Pädagoge usw. hat sein Tun durch die Anbetung legitimiert, durch eschatologisch-analoge Ausrichtungen der Bewegungen auf Fortschritt, Humanismus, Sozialismus, Kommunismus oder was auch immer. Hinter jedem Entwurf einer fischbeinfreien Corsage stand der Weltgeist in Person des revolutionären Fortschritts, der den weiblichen Leib aus den Zwängen der Folter befreite, um nur ein Beispiel zu nennen. Das wurde dann Lebensreform genannt und nahm so kuriose Formen an wie "Sonnenanbeten auf dem Monte Verità": Reihenweise verließen die Leute ab 1890 die Verwaltungsgebäude, die Traditionen, die Bildung, die Unterwäsche und streckten wie die Wahnsinnigen die Arme himmelwärts – im Bewußtsein von Licht und Luft, durchsonntem Leben in übermenschlicher Leidensfreiheit und vernügtem Alter.
Es spielt dann auch keine Rolle mehr, ob jemand Semit oder Antisemit, großdeutsch oder kleindeutsch, Föderalist oder Totalitarist ist, ob jemand das Programm von Jesus Christus vertritt oder das des Teufels – die Wirkung ist die Gleiche: es geht darum, die Gedanken, Ideen und Energien, kurz die Bewegung zu nutzen, um – und das kennzeichnet die Anbetung – einen Plan, eine evolutionäre Vorstellung, ein Fortschrittsbild durchzusetzen, sei es in Gestalt eines AKW, einer Stromversorgung, einer neuen Infrastruktur, eines Genomprojekts usf. Die Anbetung äußert sich in der Realisation abstrakter Hirnakrobatiken von Philosophen, Soziologen oder Technologen, die mit dieser erzeugten Wirkungsenergie 1:1 in die Tat umgesetzt werden sollen. Diese Vitalisierung des Publikums, um seine Bewegung auf die Verwirklichung eines abstrakten Plans zu lenken – man nenne ihn nun Paradies, Sozialismus oder technische Globalisierung– ist primitivster Götzendienst. Mit dieser quasitheologischen Begründung, man könne irgendeiner Ausgedachtheit die Energien des Lebens, die Kräfte der Kunst zuführen, um sie als Zustimmung zum Urheber zu verwirklichen, macht man die Katastrophe komplett!

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.