Stiellos
Text
Unsere Parteien, unsere Volksvertreter - allesamt stillos, wetterte auch Bruderherz Bohrer über lange Jahre, aber was war und was wäre mit einem solchen Vorwurf zu erreichen? Fragen wir den Urheber der Stildebatte, den berühmten Biologen Graf Buffon, der vor der Akademie am 25.8.1753 deklarierte: "Le style est l'homme meme.", zu Deutsch: "Der Stil macht den Mann", gibt dem Individuum Charakter. Der Stil, um den es geht, ist der zugespitzte kleine Pfahl, mit dem man Wachstafeln beschrieb, also Charaktere (Buchstaben) gestaltete. Den Mann charakterisiert demnach sein gestalterischer Zugriff auf die Welt. Nicht erst feministische Gewitztheit enthüllte (Achtung, Christo!) den Stil des Mannes als seinen Stiel oder etymologisch richtig: "Das ist nicht mein Phall" - "Das ist nicht mein Stil."
Da kommen wir der Stildebatte auf's Stöckchen - mal Oberlehrerzeigefinger, mal vorgeschobenes Profil (wie in den PR-geschönten Herrscherbildchen). Der Stil macht den Charakter, und der Charakter manifestiert sich in der Mannhaftigkeit. Folgerichtig, sozusagen per Manipulation = Handbetrieb (igitt, wie stilvoll!) , brachte das PR-Magazin MännerVogue die Stildebatte auf den Höhepunkt: "Juan Carlos von Spanien - Stil haben heißt, im entscheidenden Augenblick seinen Mann zu stehen. Dagegen Constantin von Griechenland - keinen Stil haben heißt, im entscheidenden Augenblick nicht da zu stehen, wo man hingehört."
Die Aufforderung, Stil zu wahren, meint also den Appell, bei der Stange zu bleiben - Position statt Argumentation. Je mehr uns die Argumente abhanden kommen oder wirkungslos werden, desto wichtiger wird es, Potenz zu demonstrieren: als Stil, so wie die Punker, Rocker und Skins, die sich allesamt ganz ausgeprägte Stile zugelegt haben; die stilvollsten Gestalten der Zeitgenossenschaft, die Anti-Parlamentarier schlechthin, denn Parlamente entstanden ja, um die ewigen rituellen Kämpfe stilisierten Imponiergehabes von Machtrollenspielern durch freie Argumentation gemeiner Volksvertreter zu ersetzen. In diesem Sinne ist Demokratie notwendig stillos. Zurück zum Stil? Zurück in die Arena der Platzhirsche? Nicht zufällig ist der röhrende Hirsch das Sinnbild der ultima irratio des Untertans.
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.