Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 79 im Original
Mit dem gerne albernden Albert gesagt, kommt es nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern sich in ihr zurechtzufinden. Letzteres nennt man kommunizieren zu können, häufig ohne jegliches Verstehen. Und es funktioniert doch. Wie Ferdinand de Saussure und Alfred Jarry und Fritz Mauthner lernten auch die Dadaisten, der sinnreichen Natur das Geheimnis der Kommunikation zu eigenem Nutzen abzuhören.
Wir müssen uns die Bedeutung der Karriere des Kommunikationsbegriffs gegenüber dem wissenschaftlich-hermeneutischen Begriff „Verstehen“ verdeutlichen. Kommunikation beruht auf dem Parallelprozedieren von Gehirnen und nicht auf Übertragung von irgendwelchen Substanzen, denen Informationen aufsitzen. Kommunizieren heißt nicht, Worte zu Aussagen zu formen nach dem Modell des Spießrutenlaufs beim Militär, wo am Ende eine zurechtgeprügelte Wahrheit herauskommt, die kaum noch kriechen kann. Sondern?
In Dada gipfelte die großartige Entdeckung, daß innerweltliche Transzendenz (negative Theologie, negative Ästhetik) durch Kommunikation gerade auf Grund von Unsinn, Widersinn, Blödsinn, karikierender Verzerrung, Satire und Parodie entsteht. Menschliche Gehirne können qualitätslosen Unsinn nicht akzeptieren. Da sie den Unfug wahrnehmen und identifizieren müssen, verleihen sie selbst dem Unsinn noch einen Sinn. Der Unfug hat im Hinblick auf die klassische Form der Fügung, im Musikalischen etwa als Fuge, eine eigene Würde. Unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation hat die Unfugproduktion die Fugenproduktion tatsächlich überrundet. (10)
Grundlegende Bedingung für das Erzeugen von Unfug ist die triadische Struktur der Sprache, wobei erst die willkürliche Abkoppelung von semantischer, syntaktischer und pragmatischer Dimension der Zeichen zum Unsinn führt. In älterem Sprachgebrauch unterschied man die Namen und Begriffe von den Vorstellungen und Symbolen oder die cognitiones von den imaginationes und repraesentationes, wobei letztere der syntaktischen Zeichenebene entsprechen, die inneren Vorstellungsbilder der pragmatischen und die Namen/Begriffe der semantischen Ebene.
Wie wir im Traum die Fähigkeit erfahren, die drei Ebenen weitestgehend voneinander abzukoppeln, können wir auch im poetischen Umgang mit der Sprache, zum Beispiel durch Metaphern und Analogien, die Bedeutung der Zeichen von Sprachgestalt und Sprachgebrauch abkoppeln. Das Traumgeschehen lockert die festgefahrenen Verknüpfungen der drei Ebenen untereinander und stellt somit die Leistungsfähigkeit des Gehirns immer wieder her. Die künstlerische Entkoppelung und Neufigurierung von Bezeichnetem und Bezeichnendem in der Einheit des Zeichens läßt den poetischen Sinn selbst des herkömmlich Sinnlosen strahlen.
Wegweisend auf diesem Gebiet waren die Überlegungen von Ferdinand de Saussure. Er hatte gegenüber Dada einen Vorsprung von dreizehn Jahren, die Ergebnisse seiner Arbeiten wurden allerdings kaum rezipiert. Seit den Zeiten des Kirchenvaters Augustinus bewies die Theologie der Trinität ihre Alltagstauglichkeit auf die verschiedensten Weisen, unter anderem in der Unterscheidung der drei geistigen Vermögen Denken, Vorstellen und Sprechen, die jeder Art von Kommunikation zugrundeliegen. De Saussure verdeutlichte, daß sich unsere Wort- und Bildsprachen, Gestus und Mimik allesamt nicht auf die Welt außerhalb unseres Bewußtseins beziehen. Wer in verschiedensten Sprachzeichen Pferde auf der Weide repräsentiert, soweit er nicht auf sie zeigen und dabei von seinem Kommunikationspartner gesehen werden kann, bezieht sich zwangsläufig auf die cognitiones, also Begriffsbestimmungen von Pferden und Weide etc. wie auf die inneren Vorstellungsbilder, die diese Begriffe in uns auslösen. (11) Demzufolge bezieht sich die semantische Ebene eines Zeichens nicht auf eine Begebenheit außerhalb des Bewußtseins. Kann etwas symbolisch (mit Bildern, Worten, Gesten etc.) repräsentiert werden, das sich nicht auf unsere Namen, Begriffe und Vorstellungen bezieht? Mit dieser Frage beschäftigen sich Künstler des Unfugs, der Sinnentleerung und Löschung von Bedeutung in besonderer Weise.
Anmerkungen
(10) Zu Zeiten Johann Sebastian Bachs war dem noch nicht so. Bach kommunizierte als Stellvertreter Gottes ausschließlich im Medium des heiligen Geistes. Er konnte also seine Kommunikation noch auf religiös-kulturelle Bindungen verlagern. Wir Modernen müssen uns mit dem Innenweltlichen bescheiden und darauf verzichten, den heiligen Geist in Anspruch zu nehmen.
(11) Jonathan Swift bietet in der grandiosen Satire „Gullivers Reisen“ Einblicke in die Verquerungen der Sprachphilosophie, wie sie in der so genannten „Akademie von Lagado“ praktiziert wird. Die Fakultät der Sprachen unternimmt Versuche, die Landessprache zu vereinfachen. Man geht sogar so weit, die Wörter überhaupt abzuschaffen. Stattdessen sind die zu bezeichnenden Objekte stets mit sich zu führen, was sicherlich praktiziert worden wäre, „wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, nach ihren Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Solch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Wissenschaft ist das gemeine Volk! Viele der Gelehrtesten und Weisesten sind jedoch Anhänger des neuen Projekts, sich mittels Dingen zu äußern; das bringt nur die eine Unbequemlichkeit mit sich, daß jemand, dessen Angelegenheiten sehr umfangreich und von verschiedener Art sind, ein entsprechend größeres Bündel von Dingen auf dem Rücken tragen muß, falls er es sich nicht leisten kann, daß ein oder zwei starke Diener ihn begleiten.“ In: Swift, Jonathan: Gullivers Reisen. Frankfurt am Main, Leipzig 2004, S. 263.
Unser theoretisches Objekt „Der Mantel von Lagado“ mobilisiert die von Swift angesprochene Vorstellung des „To diti“ / „das da“: Durch die Demonstrationsgeste des Zeigens auf die Objekte wird die Ebene der symbolischen Repräsentation ausgeschaltet Friedrich Schlegel war wahrscheinlich der erste Künstler, Ästhetiker und Kulturgeschichtler, der dieses Element, das damals noch als eine Art des Romantisierens verharmlost wurde, in seiner eigentlichen Bedeutung eingeschätzt hat. Liest man heute Schlegel, scheinen seine Texte wie Kommentare aus der Nach-Freud'schen psychoanalytischen Literatur oder der post-strukturalistischen Kulturphilosophie à la Postmoderne.