Verdammnis der Erinnerung
Text
Graffiti sind Teil der mythischen Moderne, die wir in der Hochkultur der modernen Wissenschaft immer neu reproduzieren. Dies beschreibt sie freilich nur auf einer Ebene. Auf einer anderen Ebene wenden sie sich als aggressive subkulturelle Gesten genau gegen die Hochkultur, mit der ich sie eben in einen Zusammenhang gestellt habe. Sie sind als ostentative Zerstörungsakte eine Form der Liquidation oder, wie das historisch genannt wird, der Damnatio. Wir kennen die Damnatio memoriaevom Beispiel des römischen Kaisers Septimus Severus, der aus der Attika seines Triumphbogens den Namen seines ältesten Sohnes herausschlagen läßt, um damit seine Erinnerung auszulöschen. Solche Stellen der Übermalung, des Herausschlagens, des Wegwischens alter Schichten, des Hineinsetzens neuer Zeichen, solche triumphalen Verdrängungsgesten, Siegeszeichen späterer Epochen, stehen für die Damnatio. Sie ist also kein Unsichtbarwerden, sondern ein Sichtbarwerden des Unsichtbarmachens und des Auslöschens, ein Zeigen des Unterschiedsloswerdens. Ein ganz erheblicher Anteil heutiger Graffitiaktivitäten ist als solche Damnatio memoriae gedacht, als ein Vorgang des Auslöschens von Distinktionen, von Unterscheidungsmerkmalen. Das läßt sich unter anderem daran zeigen, wie sie sich auf die offiziellen Graffiti beziehen. Jede Straßenbahn fährt mit offiziellen Graffiti in Gestalt von Firmenlogos herum. Sie sind offiziell, weil sie bestimmten formalen Kriterien genügen und vor allen Dingen legal sind. Es wurde für sie bezahlt. Genau auf diese Distinktionen beziehen sich die zudeckenden, auslöschenden Graffiti der Subkultur. Auch hier haben wir es natürlich mit Anonymisierung zu tun. Nichts ist so aus löschend wie die Anonymisierung.
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.