Buch BESUCHERSCHULE d 7

Die Hässlichkeit des Schönen - Spaziergänge Tempelgänge Paradegänge

Besucherschule zur d7, 1982
Besucherschule zur d7, 1982

Fotos: Lothar Koch. Verantw.: Walter Spötter
Besucherschule zur Documenta 7: Die Hässlichkeit des Schönen

  • Spaziergänge durch die Ausstellung – Im Gehen sehen
  • Tempelgänge in der Documenta – Im Sehen verstehen
  • Paradegänge zur d 7 – Im Verstehen weggehen

Erschienen
1981

Autor
Brock, Bazon

Verlag
D+V Paul Dierichs GmbH & Co KG

Erscheinungsort
Kassel, Deutschland

ISBN
3-920453-03-6

Umfang
133 S. : zahlr. Ill. ; 28 cm

siehe auch:

Abschnitt, beginnend auf Seite 8 im Original

1 Kunst ist risikoreiche Arbeit

Text

Der Kulturdezernent rief und alle, alle kamen in den Garten des Museums für Plastik. Da saßen sie nun äppelweinselig in dem Bewußtsein, der kulturpolitischen Maxime "Kunst für alle" entsprochen zu haben. Daß sie alle Sozialdemokraten waren, kann mit Recht bezweifelt werden. Populärer Unsinn ist nicht an ein Parteiprogramm gebunden.
Man kann nicht bezweifeln, daß "Kunst für alle" auch einigermaßen sinnvoll verstanden werden kann, wenn das heißen sollte: Jeder Bürger, der an der Kunst interessiert ist, sollte Möglichkeiten finden, sein Interesse ins Spiel zu bringen. Allerdings ist auch nicht bestreitbar, daß dieses Interesse sehr häufig nur darin besteht, im Kunstbereich allgemeine Auffassungen über Gott und die Welt bestätigt zu bekommen, anstatt die Gelegenheit zu nutzen, mit anderen Auffassungen und Verständnisformen konfrontiert zu werden. Die enge Verknüpfung von Oberschichten mit dem Kunstschaffen in unserer Geschichte setzt sich heute noch in der allgemeinen Auffassung durch; Kunst sei ein Luxus, und da wäre es ja noch schöner, wenn man nicht einmal darüber bestimmen könnte, welchen Luxus man sich leistet.
Künstlerisch zu arbeiten ist ein Beruf, und das heißt, wie in jedem Beruf, einen hohen Grad an Professionalität zu erreichen und das Risiko des Scheiterns aus Mangel an Befähigung, Arbeitschancen und Durchsetzungsfähigkeit auf sich zu nehmen.
Diese Risiken sind im Kunstbereich unvergleichlich viel höher als in anderen Berufen. Wenn es heute schon jedermann einleuchtet, daß selbst der Verbraucher normaler Industrieprodukte darüber aufgeklärt zu sein hat, daß diese Produkte durchaus nicht immer das sind, wofür sie sich ausgeben, dann sollte doch auch endlich die Forderung nach dem aufgeklärten Teilhaber an der Kunst akzeptabel sein.
Kurz: Der Besucher von documenta und ähnlichen Unternehmungen sollte sich zumindest darüber im klaren sein, daß sein gesellschaftliches Bedürfnis nach Teilnahme an einem Ereignis eine Sache ist; eine andere ist sein Bedürfnis nach Einsicht und Bekenntnis und ein drittes ist die von ihm aufzubringende Arbeitsleistung und intellektuelle Anstrengung. Jede Haltung hat ihre Reize, ja auch ihre Würde und ihre Wirkung.
So ist die Kunst zum verlockendsten Anlaß touristischer Unternehmungen geworden, und dieser Kulturtourismus stellt heute einen der wesentlichsten Wirtschaftsbereiche dar.
So ist das Bedürfnis nach Sinnstiftung und Bekenntnis einer der mächtigsten Faktoren der gesellschaftlichen Steuerung, und so ist schließlich der Kunstbereich als Arbeitsfeld und Arbeitsgegenstand ein nicht unerheblicher Bereich von Forschung und Lehre geworden, auf die eine moderne Gesellschaft für ihr Überleben angewiesen ist.
Ein offensichtlich wunder Punkt: Viele Bürger verstehen nicht, wieso sie mit ihren Steuergeldern Künstlern Arbeitschancen mitfinanzieren und zugleich diesen Künstlern grundgesetzgemäß vollständige Freiheit in der Nutzung dieser Chance zugestehen sollen. Dieselben Bürger sind aber stolz darauf, eben jene Freiheit als entscheidenden Ausdruck der Kulturnation zu werten, zu der sie gehören wollen.
Außerdem werden unsere Industrien (von anderen Bereichen ganz zu schweigen) in unvergleichlich höherer Weise subventioniert als der gesamte Kulturbereich. Die Folgen, die diese Subventionen in den Industrien für das Leben der Bürger haben, sind ebenso unvergleichlich viel bedenklicher als die Folgen, die das Handeln der kulturell Tätigen nach sich zieht.
Im Bereich der Industrie wird deshalb die Forderung nach Mitbestimmung erhoben, und es scheint nur logisch, daß dergleichen auch im Kunstbereich gefordert wird. Gibt es ein Recht auf Teilhabe an der Kunst? Der Unterschied zur Mitbestimmung im Bereich der Industrie? Wenn eine Firma trotz Subvention oder gerade wegen der Subvention ihren Betrieb einstellt, dann baden das vor allem die vielen Mitarbeiter dieses Betriebs aus.
Wenn pro Generation 96% der künstlerisch Tätigen nicht reüssieren, interessiert das keinen Menschen.
Künstlerische Produktion ist nicht planbar, sie muß sich entwickeln können. Die ohnehin geringfügigen Subventionen für die EinzeIkünstler erhöhen nur die Chance einer solchen Entwicklung. Auf die Produktion selbst hat das keinen Einfluß. Wenn die Bürger bereit wären, eine so hohe Wahrscheinlichkeit des Scheiterns mitzutragen, dann wären sie auch als Mitbestimmer an der künstlerischen Arbeit willkommen.
Weit über 95 % aller Subventionen im Kulturbereich kommen nichtkünstlerisch Tätigen in Form von Gehältern und Honoraren zugute. Bei diesen Konstellationen sollte man Verständnis für das Selbstbewußtsein von Künstlern aufbringen, auch wenn uns die Ausprägung dieses Selbstbewußtseins häufig etwas unangemessen zu sein scheint.

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.