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WIE AKTIONISMUS, FLUXUS, HAPPENING UND PERFORMANCE ART AUS DER KIRCHE VERSTOSSENE RITUALFORMEN ERBTEN

Text

“Das Bild hat immer das letzte Wort” Com&Com, «DICTUM 67», 2004

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Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich sogar in der katholischen Kirche die Vorstellung, modern zu sein hiesse, sich von den Traditionen abzukoppeln. Und aus lauter Up-to-date-Verlangen glaubten sogenannte Reformtheologen und Seelenhirten, den Advent zum Event machen zu müssen. Obwohl die Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts bewiesen hatte, dass es nicht um Distanzierung von der Tradition geht, sondern um deren Vergegenwärtigung. Denn unter dem Druck des Neuen werden wir gezwungen, die vermeintlich verstaubten Traditionen mit neuen Augen zu sehen. Damals ging es – der Höhepunkt war das Zweite Vatikanum 1965/67 – um den Abschied von der lateinischen Liturgie und angeblich überständigen Ritualformen im Kultus. Kurios genug: Die katholische Kirche lernte von Theaterkünstlern durch die Übernahme des Prinzips frontaler En-Face-Hinwendung des Akteurs (Priester) zum Publikum (Gläubige). Und mit der leichtfertigen Übersetzung des Lateinischen in die Banalität der Alltagssprachen wollte man die Verständlichkeit der Verkündigung fördern. Aber bei den Künstlern hätten die Bischöfe lernen können, dass das Geheimnis der Offenbarung gerade auf Nichtverstehbarkeit beruht: Weil es nicht um Verstehen eines tiefen Sinnes, sondern um die Verständigung über das prinzipiell Unverstehbare und Inkommensurable geht. Der «Aktionismus» in all seinen künstlerischen Ausformungen ist durch das Verlangen nach Ritualisierung des Verhaltens und Entfaltung von Liturgien gekennzeichnet. Seit den ersten grossen Aktionsstücken im Jahr 1959 wurden Formen des Happenings wie «Die endlose Linie» von Brock mit Hundertwasser als Kunstkult verstanden und zu gesellschaftlichen Ereignissen. Diese neuen Kultformen wirkten auf das Publikum anziehender als die modernistischen Reformen der Kirchen; naturgemäß auch attraktiver als die Kümmerformen öffentlich demonstrierter Zeremonien bei Staatsbesuchen, Ministervereidigungen und akademischen Feierlichkeiten.

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Warum bemühten die Künstler sich um solche kultischen Ausprägungen, obwohl sie sich seit ihrer gesellschaftlichen Etablierung im 14. Jahrhundert von der Legitimierung durch Kultur und Kirche befreit hatten? Weil Künstler mit ihren kritischen Absetzungsstrategien völlig in Leere und Beliebigkeit driften, wenn es keine Kulte mehr gibt, von denen sie sich abheben können. Eine entscheidende Absetz- und Absatzstrategie war Karikatur oder Selbstkritik in kabarettistischer Manier, die der Zensur mit Doppelbödigkeit, Witz und Ironie zu entwischen versuchte. Paradebeispiel für dieses Verfahren bildet Hugo Balls Auftritt als blauer Bischof während der ersten DADA-Séancen im Februar 1916.

Im Sinne dieser These ist es folgerichtig, dass Ball nach seinem Wirken als DADA-Stratege zum Apologeten von Stiftern frühchristlicher Kulte wurde: Er erkannte D.A.-D.A. als doppelte Anrufung durch den Kirchenvater Dionysos vom Areopag.

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Zahlreich sind die Indienstnahmen von Kulten der Kirchen, des Staates und der bürgerlichen Stände durch das Kabarett. Solange Geltung und Durchsetzung der sozialen Riten und Liturgien selbstverständlich waren, konnte das Kabarett seine Erhellungen durch die Strahlkraft des Witzes brillant formulieren. Auch die Aktionisten verstanden sich auf die Tradition der Dadaesken, des Kabaretts und des Gesellschaftsspiels, Bilder durch die Aufstellung «Lebender Bilder» und die Überführung ihrer Werke in ein aktuelles Wirksamwerden mit Absicht zu verlebendigen. Die festen Werkformen wurden durch Verzeitlichung im Ritual und durch die Liturgie der Transformationen verflüssigt – die ewige Liturgie als das ewig gleiche Schema aktionistischer Kunstformen.

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Wenn heute beklagt wird, die Performer der Künste würden von jedem Comedian oder Eventclown in den Schatten gestellt, so ist zu vergegenwärtigen, dass die Aktionskünstler die Orientierung auf Ritual und Litanei zunehmend einbüssen: Ihnen wird im häuslichen wie im schulischen Erziehungskontext das Verständnis für Formfragen, Formalisierungen und Formierungen vorenthalten.

Die Verblödung der Künstler zu Eventclowns des Marktes steht nicht hinter der Verblödung anderer Funktionseliten in Finanzwelt und Politik zurück. Bleiben als letzte verbindliche Kulte das ritualisierte Geschehen an der Börse und der huldvolle Gesang der A(u)ktionäre als einzig lockende Litanei? Lasset uns prüfen und klären!

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Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

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Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.