Vortrag / Rede Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Termin
25.07.1997

Veranstaltungsort
München, Deutschland

Selbstbezichtigungen eines Unpolitischen

Text

Analog zum Fall Delacroix spielte sich im Bereich der Literatur Folgendes ab:
Thomas Mann notierte 1918 in den Betrachtungen eines Unpolitischen all das, – "entartete" Kunst, Erbfeindschaft der französischen Zivilisation gegen die Seelentiefe der deutschen Kultur usf. – weswegen er 1933 ins Exil getrieben wird. Die von ihm selbst in den Betrachtungen eines Unpolitischen beschworenen Phänomene hatte er zwar bereits 1922 widerrufen, doch wurden sie 1933 von der anderen Seite – so intelligent war immerhin auch ein Dr. Goebbels – umgewidmet und im Kampf gegen die intellektuelle Elite ins Feld geführt.
So ließ sich denn sinngemäß der Dekan der Bonner Fakultät, die dem Schriftsteller den Ehrendoktor verliehen hatte, in der Aberkennungsadresse vernehmen: "Verehrter Thomas Mann, entsprechend Ihren eigenen Feststellungen kommen wir zu dem Schluß, daß Sie nicht länger Deutscher sein können, Sie sind entehrt und entwürdigt als Zivilisationsakrobat, als oberflächlicher Kalkulator von beliebigen Wirkungen ohne seelische Tiefe." Dementsprechend wurden Thomas Mann "korrekt" und konsequent der Ehrendoktor und die Ehrenbürgerschaft entzogen, die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, das Vermögen konfisziert. Er selbst hatte doch 1918 die Kriterien für das entwickelt, was ihm dann widerfuhr.
Wie bei Delacroix 1848 richtete sich bei Thomas Mann 1933 der Wirkungsanspruch der vom Künstler getragenen Veränderung der Welt schließlich gegen den Urheber. Beide – Delacroix und Thomas Mann – waren intelligent genug, um zu erkennen: man muß sich selbst mit seinen Egoismen, mit seinen Beschränkungen, mit seinem Wirkungsanspruch zum Gegenstand der Arbeit machen.
Thomas Mann hat in seiner berühmten Rede vom Mai 1945 ausdrücklich auf diesen Sachverhalt Bezug genommen. Schon zuvor hatte er in der Schrift Bruder Hitler die Nationalsozialisten als seine Brüder identifiziert, was allen Zeitgenossen, die ihn als Gegner des Nationalsozialismus kannten, völlig aberwitzig erschien. Doch Thomas Mann war sich bewußt, daß er es selbst ist, der in der Gestalt des anderen, des Fremden, des Feindes auftritt, das heißt, daß er sich selbst zum Adressaten seiner Worte machen muß. Ein Werk kann nur dann verlebendigt werden, wenn sich die Wirksamkeit auch in der eigenen Person realisiert.
Vielen Künstlern war das aber zu keiner Zeit klar, und nur daher kommt es, daß sich viele Urheber, deren Werke wir für bedeutsam halten, als die stumpfsinnigsten Zeitgenossen entpuppen, wenn sie etwa Skat dreschen wie Richard Strauß, sich besaufen oder gelangweilt durch die Gegend fahren, ohne sich für irgendetwas zu interessieren. Sie werden für genial und schöpferisch gehalten, obwohl sie selbst nie die Verlebendiger, die Adressaten der Wirkung ihres eigenen Anspruchs sind und die Ansprüche von anderen Künstlern gar nicht erst wahrnehmen. Jeder Künstler scheint es sogar strikt ablehnen zu müssen, sich als Adressat der Malerei seiner Kollegen aufzufassen. Nur zähneknirschend nimmt man es auf sich, überhaupt an Gruppenausstellungen teilzunehmen, wobei dann sofort das Feilschen um den besten Hängeplatz einsetzt.

Textverwandtschaften

1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026

Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.