Germaniacs
Text
Wie haben wir uns abgestrampelt, in die Normalität zurückzukehren, und nun verweist uns das perfide Albion vom Platze - mit Schlagzeilen, die Gott sei Dank nicht übersetzbar sind. Wie sollen wir armen Waisenkinder der Geschichte ("Deutschland ist Hamlet") verstehen, daß uns die englische Öffentlichkeit peinigender attackiert als zu Zeiten der V2? Wie können wir verkraften, daß uns die Kurden für ihr Schicksal verantwortlich machen; die griechische Presse uns als Teufel des Nationalismus bezichtigt, die hellenische Kultur zertrümmern zu wollen; die Holländer sich vor den fiesen Deutschen in Ekel schütteln; die russischen, Volktribünen uns anklagen, das Sowjet-Imperium zerschlagen zu haben, um die slawische Rasse erneut auszulöschen?
Wie? Ich wage eine ganz einfache Empfehlung an die allgewaltigen Weltenretter von links und die allgewaltigen Großmachtphantasten von rechts, denn in schöner deutscher Wahnhaftigkeit sind sie längst ununterscheidbar: Wie wär's, wenn man sich der Einsicht näherte, die Wirklichkeit, die geschichtliche, die soziale, die ökonomische, die politische, gerade deswegen nicht hintergehen und überbieten zu wollen; weil Wirklichkeit nur das ist, was sich unseren Ideen und Idealen, unseren Plänen und Planungen gerade nicht fügt. Eine Wirklichkeit, die sich jeder nach eigenen Wünschen zurechtschustern könnte, wäre keine. Wirklich ist nur das, worauf wir keinen Einfluß haben, egal, ob wir es als Weltenlenkergott beschwören, als Geschichte rekonstruieren oder als Evolution der Natur beschreiben.
Erst in der Anerkennung solcher Wirklichkeit werden unsere Haltungen und Entscheidungen qualifizierbar - leider zumeist als Flucht aus der Wirklichkeit ins Wolkenkuckucksheim der abstrakten Ideen, z.B., daß Sport die Völkerfreundschaft fördere, Multikulturalität das friedliche Zusammenleben garantiere, Wirtschaft nur apolitisches Gewinnstreben sei und Rechtsstaatlichkeit durch entsprechende Gesetze ausgewiesen werde.
Was uns gegenwärtig vom Rest der Welt so knüppeldick ins Kreuz getrommelt wird, sollten wir als schmerzende Aufforderung verstehen, uns der Wirklichkeit zu stellen; endlich dafür ein Bewußtsein zu entwickeln, daß alle tatsächlich großen Probleme prinzipiell unlösbar sind. Erst in dieser Einsicht haben sich Politik und Wirtschaft, Gesellschaft und Gemeinschaft zu bewähren - nicht nur an Hitlers Geburtstag im Olympia-Stadion und am D-Day in der Normandie. Der Wirklichkeit der Geschichte begegnen wir jeden Tag, wenn wir es nur wollen. Aber wir wollen es ja nicht. So werden wir weiterhin Prügel beziehen und sie in sado-masochistischem Schauder als Beweis dafür verbuchen, arme Opfer von Neid und Rachsucht zu sein, obwohl wir es ja so gut mit der ganzen Welt meinen: mit Jugoslawien, Somalia, den Türken... siehe oben und von vorne.
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.