Magazin FOCUS

FOCUS 9/2001 - Titelseite
FOCUS 9/2001 - Titelseite

Erschienen
2000

Erscheinungsort
München, Deutschland

Ausgabe
9/2001

Minister-Behübschung.

Fischerman’s Äshetisierung der Politik.

Text

(dort unter dem Titel Fischerman’s Weißwäscher ästhetisieren die Politik).

Sind jetzt Ästhetiker gefragt? In den jüngsten Versuchen, Minister Fischers Vergangenheit zu bewältigen, wird mit größtem Pathos das Ästhetische beschworen. Udo Knapp bilanziert (FAZ 15.2.01) Fischers und seine Morgenlandfahrt zur PLO nach Algier im Jahre 1969 so: "Diese sinnliche Einheit von historischem Ort und dem um Freiheit kämpfenden Volk hat jenseits aller analytischen politologischen Betrachtungen wie ein ästhetisches Versprechen auf Gerechtigkeit gewirkt." Udo Knapp erinnert "diese Reise unter den Chancen des Suchens mit der Seele".

Armer Joschka Fischer. Soweit haben es seine Weißwäscher gebracht. Er wird zum Schönheit suchenden Seelchen, das bis an die Zähne bewaffnete Freiheitskämpfer wie versprochene Bräutigame mit Juchzen und eurythmischem Schwung begrüßt, eine märchenhafte Figur aus der Operetteninszenierung ‚Kaiser Wilhelm beglückt das Morgendland‘.
Der Knappschen Schilderung zufolge haben die Reisekader Wilhelms Attitüden derart verinnerlicht, daß uns nur eines vor Wiederholungen der Wallfahrt zu "ästhetischen Versprechen auf Gerechtigkeit" bewahren kann: Der Verzicht des Außenministers auf jedweden weiteren Auftritt in jener Region.

Wer eben noch von der Behauptung jüdischer Vermächtnisse an CDU-Kassen gepeinigt wurde, wird von Udo Knapps Deklamation gepackt, der Auftritt in Algier gelte ihm noch heute "als Bestätigung meiner einseitigen Parteinahme für Israel", und als Bestätigung, Arafat wollte immer nur "sein Volk in Schlachten jagen, die es zu Recht nur verlieren konnte."

Das ist nun wirklich jenseits aller politischen Analyse. Das ist perfide. Und die bemühte Ästhetik soll helfen, harte Geschichte zum Operettenszenario umzuschreiben.

Auch andere Ministerbehübscher bekunden wie Arno Widmann, daß sie ihre ästhetischen Erfahrungen aus Hoppsassa- und Tralalaprogrammen beziehen. Widmann (BZ 16.2.01): "Die meisten (68er) verabscheuten die Gewalt. Aber es gab viele, die von ihr fasziniert waren, die ihrem Zauber erlagen."
Verzaubert, so Widmann, ließen die einen die Polizei Revue passieren, und die anderen "gingen in den Untergrund und töteten aus dem Hinterhalt ... Beide Formen der Gewalt wurden ästhetisiert."

Auch das ist jenseits der politischen Analyse, die die Schreiber derartiger ästhetischer Stellungnahmen Anfang der 80er offensichtlich zugunsten ihres Lifestyle-Yuppie-Getues aufgaben. Nichts lag 68ern so fern wie Ästhetisierung. Selbst Geschenkverpackungen, bebilderte Briefchen und private Reisefotos wurden mit Verfahren der Ästhetik auf ihren politischen Gehalt hin analysiert. Behübschungsästhetik à la Knapp und Widmann galt als so "reaktionär", daß selbst kritische Ästhetiker rabiat als Hofnarren des Systems abqualifiziert wurden.

Und noch in den 70er Jahren versuchten Sympathisanten der Freiheitskämpfer aller Weltregionen, die Diskussion um die Faszination von Gewalt (wie in Riefenstahlfilmen) brachial zu verhindern.

Unnötiger aber bezeichnender Weise machte auch Minister Fischer für seine Selbstrechtfertigung vor dem Bundestag Anleihen bei der Künstlerästhetik. Er reklamierte für sich die Legitimation als Künstler:

"Ich verantworte nur, was ich selbst getan habe; was andere in meiner Umgebung taten, ist deren Sache." Wohl wahr: Künstler ist, wer seinen Geltungsanspruch nur durch sein eigenes Tun und Lassen begründet, nicht durch Delegation, Promotion, Approbation. Aber eben deswegen sind Künstler nicht ministrabel; denn ein solches Amt zu bekleiden heißt, ständig die Verantwortung – rechtlich und politisch - für das Tun anderer zu übernehmen. Fischers Rechtfertigung seiner Nichtverantwortlichkeit beweist zum einen, daß er mit dieser Auffassung nicht amtstauglich ist; zum anderen, und das wiegt tatsächlich schwer, kündigt er mit seinem Ausstieg aus der Verantwortung die Grundlage unserer Nachkriegspolitik auf.

Wir waren eine Schuld- und Schamgemeinschaft, die Verantwortung auch für das übernahm, was ihre Mitglieder als Einzelne nachweislich nicht getan hatten. Mit ihrer ästhetischen Selbststilisierung treten Fischer und Co. aus dieser Gemeinschaft aus, wie die Klientel der NPD. Die NPD zu verbieten heißt also, Fischer die weitere Amtsführung zu verbieten; denn wir können uns nicht noch einmal leisten, Verantwortung leugnende Privatiers in Ämtern mit Kunstvorbehalt walten zu lassen. Besagte Herren versuchten besser, Saturday-Night-Shows zu beleben, für die offensichtlich niemand schuld- und scham- fähig zu sein braucht.

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.