Magazin ERSTE, Magazin für das Deutsche Schauspielhaus

Erschienen
1985

Erscheinungsort
Hamburg, Deutschland

Ausgabe
Mai / Juni

Warum es keine Stars mehr gibt

Text

1. Antwort

Wer will sich schon von Leuten anhimmeln lassen, die er für mehr oder weniger bescheuert hält? Und wenn nicht für bescheuert, dann zumindest für kindisch. Seit Jahren verjüngte sich die kreischende Horde, so daß man vornehmlich noch Zehn- bis Vierzehnjährige in Entzückung vor Stars delirieren sah. Unzucht mit Kindern kann man so etwas nennen, und wer will sich schon dieses schwerstgeahndete Delikt zuschreiben lassen?
Mit der Jugendkultur ist es ohnehin vorbei; kaum jemand sieht sich noch genötigt, Jugendliche als Opinionleader anzuerkennen oder sie gar nachzuahmen. Die Alten, die man bisher im Jahrhundert des Kindes durch etwas festes Fleisch, flotte Sprüche und ausdruckslose Offenheit glaubte einschüchtern zu können, besinnen sich endlich auf ihre Rolle: Sie haben das Geld, sie haben die Erfahrung, sie sind genußfähig und wissen das Leben zu schätzen, weil sie ihre Grenzen mehr oder weniger schmerzlich erfahren haben. Die grauen Panther zeigen ihre Krallen; das Alter radikalisiert sich; mühelos schlagen die Turnschuhopas die jugendlichen Fernsehkrüppel nicht nur beim Volksmarathon. Mit ein bißchen Hilfe ihrer Doktoren und sensibilisiert durch diätetische Askese sind sie weniger selbstmitleidig, viel ausdauernder und weniger von Nichtigkeiten irritierbar als die Hardrockopfer, denen doch nicht viel mehr bleibt, als die Angst vor ihrer Ohnmacht mit ekstatischem Getue zu verdrängen.
Stars erfüllen ihre Funktion vor allem als Vorbilder für Nachahmer; die kreischenden Kinder werden sich wohl kaum die grauen Stars als Vorbilder für die Kunst des Überlebens nehmen, solange sie gar nicht abschätzen können, daß das Leben nicht eine ewige Discohampelei ist. Und umgekehrt ist es wohl eine ziemliche Zumutung, die Überlebenden der täglichen Olympiade des Lebens als >Stars< zu inthronisieren.
Aber Stars sind entgegen dem Anschein auch die Herren über Leben und Tod nicht mehr; ist die Partei, die immer Recht hat, ein Star? Sind multinationale Machtkonstellationen noch personalisierbar, wo es selbst Gott schwer hat, als persönlicher noch Gläubige zu finden? Wenn die Bewältigung der Lebensanstrengung in diesem Jahrhundert der Kriege und Massenmorde, der Naturzerstörung und der Systemherrschaft zum höchsten Wert geworden ist, dann ist jeder ein Star, der überlebt.

2. Antwort

Der Selbstwiderspruch der Starkultur ist erheblich: Alle Monate neue Idole, neue Stars, neue Anreißer, das hält der Marktgläubigste nicht aus. Das Tempo der Inthronisation und des Verschleißes ist so enorm angestiegen, daß man sich kaum die Namen der neuen Stars hat einprägen können, bevor sie schon wieder abserviert werden.
Aber es gibt doch seit dreißig Jahren den Kulenkampff; seit zwanzig Jahren den Zadek; seit zehn Jahren den Karl Lagerfeld! Wie gesagt: sie sind Überlebende wie ihr Publikum, das überlebte und demzufolge auch aus lauter Stars besteht. Solche Stars sind nicht mehr die gottgeschenkten Ausnahmeerscheinungen, die das durchschnittliche menschliche Maß überragen; sie sind Repräsentanten des Jedermann, demokratische Größen also. Willy Brandt, auch ein Star des Überlebens, erklärte uns: In einer Demokratie gibt es keine Auserwählten, sondern nur Gewählte, und der Wähler handelt ganz vernünftig, wenn er nur seinesgleichen die Macht anvertraut, statt auf Menschen zu hoffen, denen auf mysteriöse, wenn auch glanzvolle Weise alles das eigen ist, was man an sich selbst vermißt.
Also bitte: Soll man etwa den anhimmeln, der doch nur und erklärtermaßen Repräsentant des Durchschnitts ist? Die Vorstellung vom >Star< war immer geprägt von dem herausragenden Menschen, vom einmaligen und unnachahmlichen. Der Starbegriff war für die Massenkultur, was der Geniebegriff für die bürgerliche gewesen ist. Seit aber die Massen wissen, daß sie nicht nur sich selbst wählen dürfen, sondern daß sie selbst der Maßstab aller Wertschöpfung sind, zerfällt die Starkultur.

3. Antwort

An die Stelle des Stars tritt der Experte. In seiner Gestalt verkürzt sich das ehemalige Starwesen auf die Binsenweisheit, daß man nur kennt, was man wiedererkennt; man erkennt nur wieder, was man hinreichend häufig wahrgenommen hat. Wen die Massenmedien auch immer präsentieren mögen - ob wir ihn erkennen, also wiedererkennen, das hängt allein davon ab, wie häufig sie ihn uns servieren.
Weil wir uns ja die Fernsehshows und Illustriertenstories reinziehen, glauben wir nur allzugern, auch diejenigen zu sein, die über die Arbeit der Experten für Unterhaltung oder Raumfahrt, Eheberatung oder Hygiene, für Marktgeschehen und historische Rückblicke entscheiden. Seine wahre Macht zeigt der Experte, wenn wir ihm bei der Erklärung zuhören, warum die Stars höchstens noch Sternchen sind. Sobald er uns mit Hinweis auf seine Wissenschaft die Psychomechanik des Starwesens, also unsere eigene Psyche erklärt hat, verzichten wir, wissenschaftsgehorsam wie wir sind, auf jede Starillusion und halten uns an den Experten.

Zusammenfassung

Es gibt also keine Stars mehr, weil die Jugendkultur ihre Vormachtstellung eingebüßt hat. Es gibt keine Stars mehr, weil man von ihnen sinnvollerweise nur noch so sprechen könnte, dass jedermann ein Star ist. Es gibt keine Stars mehr, weil die populärwissenschaftliche Aufklärung zu weit vorangeschritten ist.
Die Starrolle wird von den Experten übernommen, die uns über Starallüren und Starmache aufklären. Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens, im Showgeschäft so gut wie in der Politik, in der Wirtschaft wie in der normalen Wissenschaft herrschen nicht mehr Geburtsadel und Geburtsgenialität, finden nicht mehr elitäre Heilstifter und unwiderstehliche Ausnahmemenschen gerechtfertigtes Vertrauen. Es herrscht allenthalben das expertokratische, populistische Direktorium.

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.