Die Insassen-Republik

Interview von Christian Schröder

Text

Herr Brock, sie sind 77. was ist der erste Wahlkampf, an den Sie sich erinnern?

Der von 1957. Adenauer gewinnt fulminant die erneute Kanzlerschaft. Ich habe damals als Student in Hamburg im Auftrag einer Papierfabrik Plakate geklebt. Wir klebten auf der rechten Straßenseite die Plakate der SPD und links die von der CDU. Das war ein Witz, den aber keiner verstanden hat. Adenauers Parole lautete: „Keine Experimente“. Dabei hatte er gerade das größte Experiment der deutschen Sozialgeschichte, nämlich die Rentenform, durchgesetzt. Sowieso waren die fünfziger Jahre die wildeste Epoche der Nachkriegszeit, viel wilder als die Sechziger. Anti-Atombewegung, Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung, Ostermärsche, der Verbot der KPD: das war ein brodelnder Topf. Es wird immer vom Mief und Stillstand der Adenauer-Jahre gesprochen. Unsinn. Die Märsche der Herrschaften von 1968ff., sind gegen diese Protestkultur Kinderspaziergänge.

Bis zur Bundestagswahl sind es noch sechs Wochen. Aber von Leidenschaft ist nichts zu spüren. Gab es schon mal einen Wahlkampf, der langweiliger war?

Um Langeweile geht es nicht. Seien wir froh, dass es so undramatisch zugeht. Man kann wirklich sagen: Souverän ist, wer den Normalfall garantiert, und der Normalfall ist, wo nichts passiert. 1997 habe ich im Gefolge von Susan Sontag Sarajevo besucht. Die Folgen des Krieges waren überall präsent. Auf die Frage, was der Höhepunkt ihres Lebens sei, haben uns Leute geantwortet: Am Morgen das Haus zu verlassen, zum Bäcker zu gehen, die Kinder zur Schule zu bringen – und es passiert nichts, keiner schießt auf uns. Langeweile ist eine zivilisatorische Großleistung.

Also ein prima Wahlkampf?

Nein, überhaupt nicht. Es passiert ja unendlich viel. Aber das kommt nicht vor im Wahlkampf. Der Euro bleibt in seiner höchst prekären Lage, es wird zu einem Schuldenschnitt kommen, bei dem die Deutschen viel Geld verlieren werden. Europa steht auf der Kippe. Die Akteure fühlen sich überfordert und ducken sich weg. Bloß nichts sagen, bloß an nichts rühren, es wird schon vorbeigehen – so agiert Angela Merkel. Dabei ist diese Wahl wahrscheinlich die bedeutendste der bundesrepublikanischen Geschichte. Alles, was wir mit Zukunft verbinden, ist an das Konzept Europa gebunden. Wenn die Währungsunion wegbricht – was bleibt dann eigentlich? Die Krise muss nicht hingenommen werden wie ein Unwetter. Jetzt lautet die Frage an die Wähler: Übernehmt ihr durch euer Votum die Verantwortung für das, was spätestens seit 2007 über die Fehlkonstruktion des Euro bekannt geworden ist? Wenn die Bürger der Fortsetzung der alten Politik zustimmen, dann sind nicht mehr Banken und Hedgefonds, Gauner und Opportunisten in Haftung zu nehmen.

Herr Brock, Sie klingen apokalyptisch.

Nein, ich störe mich nur am Begriff der „Alternativlosigkeit“. Keine Alternative zuzulassen ist das Ende der Politik.

Die CDU hat Angela Merkel mit dem Slogan „Gemeinsam erfolgreich“ plakatiert, bei der SPD lautet die Parole: „Das Wir entscheidet.“ Das wirkt wenig unterscheidbar.

Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, da hat Johannes Rau schon vor 20 Jahren „Versöhnen statt spalten“ gepredigt. Ihm konnte man noch glauben, wenn er „wir“ sagte. Heute ist das Wortgeklingel auf der billigsten Ebene, weil niemand mehr definieren kann, was „Wir“ bedeutet. Wenn wir sagen „Wir“, heißt das immer auch: „Nicht die anderen“. Die Einwanderer zum Beispiel. In der Wahlwerbung werden die Methoden der Produktwerbung angewandt, die Bilder auf den Plakaten könnten auch für Butter oder Versicherungen stehen. In diesem Wahlkampf desavouiert sich die ganze Werbebranche.

Die CDU zeigt fröhlich lächelnde Menschen und Floskeln wie „Jede Familie ist uns wichtig“. Bei der SPD sehen die Menschen bedrückt aus, beinahe depressiv. Dazu die Forderungen: „Wir für mehr Kitaplätze“ oder „Wir für ein Alter ohne Armut“.

Man hat den Eindruck, es nicht mehr mit mündigen Bürgern, also Wählern, zu tun zu haben. Sondern mit einer verwalteten Insassenschaft zwischen Jugendverwahrlosungsanstalt und Altersdemenzheim. Das ist die Republik. Da werden Mutti, Papi, Oma und die Kinder dazwischen gesetzt, das Essen wird reingekarrt, schmeckt wie Pappe, aber das kümmert die Heimleitung nicht. Sind ja alle verpflegt.

Herr Brock, Sie polemisieren.

Lassen Sie mich ein Phänomen der verwalteten Insassenschaft schildern. Wir haben mit der Fotografin Angela Fensch ein Projekt begonnen. Sie stammt aus der ehemaligen DDR und hat erzählt, wie dort Menschen weggeschafft und weggeschlossen wurden. Die wurden mit einem Transportauto abgeholt, in dem es bestenfalls kleine Sehschlitze gab. Das war die grüne Minna. Alle wussten: Wenn Menschen in Bussen sitzen, in denen sie nicht rausschauen können, dann sind das Gefangene. Was machen die Menschen heute? Sie steigen freiwillig in Busse, die von oben bis unten vollgekleistert sind mit Werbebildern. Angela Fensch fotografiert überall solche ganzkörperverschleierten Busse. Gefangen in Bildern, dafür müssen die Passagiere sogar noch bezahlen. Das Bildergefängnis ist das Symbol für die heutige Bundesrepublik.

Der Soziologe Harald Welzer hat angekündigt, erstmals nicht zu wählen, weil er das politische Angebot für „gegenwartsunangemessen und mittelfristig für gefährlich“ halte. Ist Stimmverweigerung für Sie eine Option?

Nein. Wählen heißt ja sich zu entscheiden. Nicht zu wählen hieße das politisch-gesellschaftliche Leben überhaupt zu sabotieren. Und es gibt durchaus Alternativen zu den Parteien, die ihre Entscheidungen für alternativlos halten.

Textverwandtschaften

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.