Vortrag / Rede Ausstellung „Heldenmythen – Heldentaten – Heldentod“

Teil II: 20.10. – 15.11.2015

Saarländisches Künstlerhaus
Saarländisches Künstlerhaus

Ort: 

Saarländisches Künstlerhaus
Karlstr. 1
66111 Saarbrücken
www.kuenstlerhaus-saar.de

Termin
21.10.2015, 19:00 Uhr

Veranstaltungsort
Saarbrücken, Deutschland

Veranstalter
Saarländisches Künstlerhaus

Heroen statt Märtyrer

Wie das Postulat des Postheroismus in die Feier des Selbstopfers überführt wurde

Text

Angeführt vom Soziologen Dirk Baecker glaubte man, dass der blasse Funktionär in der Proklamation des Verzichts auf jegliches heroisches Selbstbewusstsein zum neuen Idealtyp aufgewertet werden sollte.
Bemerkenswert bleibt, dass das geadelte Mittelmaß seine Bestätigung vor allem im Selbstopfer sah. Seit den 80er Jahren werden die Terroristen in allen Medien für das Selbstopfer der Märtyrer als zeitgemäße und zukunftsweisende Form des Heroismus gefeiert. Das ist eine ideologische Vereinnahmung des Begriffs Heroismus, weil der Heros im Unterschied zum Märtyrer sich gerade die Tränenseligkeit und die kleinliche Selbstgerechtigkeit nach dem Muster aller Mütter verbietet. Mütter erpressen seit je den Nachwuchs mit der Tirade: „Ihr werdet es noch einmal bitter bereuen, dass ich nicht mehr da bin, weil ich mich für euch aufgeopfert habe.“
Es war ein vielsagendes Missverständnis, das Bazon Brocksche Diktum vom verbotenen Ernstfall für den Postheroismus zu reklamieren, denn Unterlassen als Handeln verlangt ja gerade Heroismus und nicht den Verzicht auf Durchsetzung. Schließlich ist die Geschichte mindestens so stark durch das Unterlassene, also das Nichtgeschehene, bestimmt wie durch das Geschehene. Die Historiker machen uns glauben, dass zur Geschichtsmächtigkeit nur derjenige taugt, der eben nicht unterlässt, sondern agiert, also vom kategorischen Imperativ des unentwegten Geschehen-Machens angetrieben wird. Es sei jedoch daran erinnert, dass unsere westliche Zivilisation sich tatsächlich immer nur weiterentwickelt hat durch die Verständigung darüber, was zu unterlassen sei und was nicht geschehen dürfe. Dieses westliche strategische Verbot von Zerstörung und Selbstzerstörung bei der Durchsetzung eines wie auch immer gearteten Geltungsanspruchs ist das „Ernstfallverbot“.
Der zeitgemäße Heroismus wird etwa von den Menschen verlangt, die im Widerstand gegen Atomkraft oder Fracking oder sonstige Allmachtswahnsinnigkeiten Verhindern als Voraussetzung für Unterlassen verstehen wollen. Wie richtig dieses Vorgehen im Falle der Atomkraftgegner gewesen ist und immer noch ist, zeigt die Tatsache, dass Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft es bis heute nicht geschafft haben, eine Voraussetzung für den Geltungsanspruch der Atomkraft-Lobbyisten zu schaffen, nämlich die Entsorgung des strahlenden Mülls. Das gesamte Unternehmen Atomkraft ruiniert jeden Anspruch der Wissenschaftler und ihrer Nutznießer auf Vertrauenswürdigkeit, denn Entsorgung ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Nutzung der Atomenergie. Die Bedingungen für die Akzeptanz eines Unternehmens nicht zu erfüllen oder auf unbestimmte Zeit zu vertagen, lässt die Gesamtunternehmung der Atomindustrie als sinnlos erscheinen. Es ist schwer, nachzuvollziehen, warum in westlichen Gesellschaften sinnloses Tun immer noch hochsubventioniert wird. Die Antwort lautet: Es kostet zu viel, den Unsinn sein zu lassen. Man möchte die Unternehmen nicht zwingen, einzugestehen, dass Sie die Erlaubnis für ihr Geschäft mit falschen Angaben erschlichen haben, denn jetzt ist für jeden, der es wissen will klar, dass die 38 Milliarden, pflichtgemäß hinterlegt für die Beseitigung der Schäden durch die Atomindustrie, nicht annähernd ausreichen können.
Too big to fail: Die Wissenschaftler erwiesen sich als Kriminelle, denen die Folgen ihres Tuns völlig gleichgültig waren; die Unternehmer ergaunerten Lizenzen mit geradezu absurd falschen Angaben; die Politiker feierten sich als Herren des Fortschritts, weil mit Fortschreiten eben jede Art der Bewegung, also auch die hin zum Abgrund, gemeint ist; und die Bürger bestätigten die alttestamentarische Weisheit, dass ihnen der Tanz um ein bloß versprochenes goldenes Kalb mehr gilt als die simple Wahrheit der Zehn Gebote.

Literaturhinweis: „Feier der Zivilisationsheroen“, in: Bazon Brock, Lustmarsch durchs Theoriegelände, Musealisiert Euch! Köln: Dumont, 2008, 258 ff.

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Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.