Abschnitt, beginnend auf Seite 26 im Original
Psychopompos
Text
Seit 20 Jahren habe ich mich nicht mehr auf die Frankfurter Buchmesse getraut, weil ich fürchtete, dem überwältigenden Appell „tolle, lege“ nicht gewachsen zu sein. Für jeden Schreiber ist die Buchmesse eine Vorhölle, in der man fürchtet, verrückt zu werden. Oft träumte mir, daß die Besucher der Buchmesse in Panik geraten könnten, um sich wechselseitig, ich mittendrin, mit den ausgestellten Büchern totzuschlagen. Da ich den Impuls zu solchen Reaktionen auf den früheren Messen immer stärker verspürte, erteilte ich mir Besuchsverbot, um mich und andere vor Schaden zu bewahren. Mit unserer Kopenhagener Initiative suchten wir nach einer anderen Erlösung aus der Qual; aber die Unternehmung, die Kollegen zu einem 10-jährigen einsichtsvollen Publikationsverzicht zu überreden, scheiterte kläglich. Eine größere Chance hatte und hat die chinesische Lösung: jede Publikation sollte zu neun Zehnteln aus der bloßen Wiedergabe bereits gedruckter Werke bestehen, denn inzwischen bieten gerade die wichtigen Publikationen bestenfalls in 10% der Textmenge etwas Neues. Große Hoffnung setzten wir auf technologische Überwindung der Bibliophobie. Aber das papierfreie Büro blieb eine Illusion, ja mehr noch, man erschwert sich die Arbeit mit dem ständigen Ausdrucken der Netz-Konvolute, weil man das Buch noch mal erfinden muß, um die Ausdrucke aufzubewahren.
Schließlich aber fand ich einen für mich praktikablen Ausweg: ich heftete mich an die Rockschöße von Walther König. Denn dieser Mann hantierte mit tausenden Büchern täglich, ohne seinen Verstand zu verlieren, ohne in Zynismus zu verfallen oder hinter Attitüden geschäftstüchtiger Manager zu verschwinden. Seine Läden sind zwar auch kleine permanente Buchmessen, aber in ihnen schwächt sich der Panikimpuls ab, weil man weiß: dort hinten steht König und hält stand – freundlich lächelnd, hilfsbereit und in der Sache verbindlich.
Wie alle bedeutenden Menschen, ähnelt er in Physiognomie und Körperschema mindestens irgendeinem anderen. Ich ähnele keinem; Walther König ähnelt Gustav Mahler. Unter seinem Dirigat ordnet sich das Büchergewimmel zum gut überschaubaren Zusammenklang noch des Heterogensten wie in Mahlerschen Sinfonien. Wenn ich richtig gezählt habe, hat König bisher neun solcher Sinfonien als „Buchhandlung Walther König“ vielerorts realisiert. Mehr als neun schafft niemand unbeschadet. Man hüte sich vor der 10.!
Bazon Brock
siehe auch:
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.