Action Teaching Voraus – Vorweg

Termin
01.01.2026

Zum Jahresthema Werk, Wirkung, Wissenschaft
 im Hoftheater Kreuzberg e.V.

Text

Der Wechsel von der Schöpfung zum Arbeiten, von der Creatio zum Werk, von der Kreativität zum logischen Schließen führte zu einer ernsthafteren Orientierung auf das Ziel aller Mühen. Die Arbeit galt nicht mehr erstrangig der Erzeugung eines Produkts, sondern der Bildung (Erziehung) des arbeitenden Menschen selbst: seiner Ausbildung zum Repräsentanten der Menschheit. Das Arbeiten erfüllte sich als die den Arbeitenden verwandelnde Kraft in der Verlebendigung, Enthusiasmierung, Steigerung der Fähigkeit das Lebendigsein zu genießen. Das Werk der Arbeit sollte der Arbeitende selbst sein. Weil aber herkömmlich die Bedeutung eines Werkschaffens an der Wirkung gemessen wurde, die von dem Werk ausgeht, verselbstständigte sich die Wirkung gegenüber dem Werk so vollständig, dass selbst Literaturprofis zugeben, mit Kant oder Kafka, mit Verweis auf Büchner oder Becket, ihrerseits Wirkung erzielen zu wollen, ohne die zitierten Werke überhaupt zu kennen – ja, inzwischen gilt, dass die Bedeutung eines Werkes ohnehin in seiner Wirkung besteht, die vom Werk selber völlig abzusehen vermag. Diesen Verlust der Werke identifizierte in den 50er Jahren Roland Barthes als Tod der Autoren - ganz im allereuropäischen Sinne des Todes Gottes nach seiner Verkörperung in Jesus Christus. Um der ideologischen Macht der bloßen Wirkung entgegen zu treten, bildeten sich wissenschaftliche Disziplinen zur Erkundung der Wirkursache, also der Werke. Zum Beispiel entstand postnapoleonisch die Disziplin der Germanistik als Versuch, die Werke zu finden und zu identifizieren, von denen einst das erzählerische Geraune über ihre Wirkung ausgegangen sein musste. Erst das völlig haltlos, weil beliebig gewordene Zitieren antiker Autoritäten ließ Altertumswissenschaften entstehen, deren Aufgabe darin bestand, die Werke zu finden, von denen so interessant gefabelt wurde. Heute gibt es ganz selbstverständlich das Bemühen, die Werke von Jean Paul oder Alfred Jarry, oder von Runge oder Duchamp gegen das allgemeine Geraune von ihrer Wirkung, also Bedeutung, in Stellung zu bringen, also wenigstens eine hinreichend kritische Beziehung zwischen Wirkung und Werk zu sichern. Wir nennen kritische Editionen jene Publikationen, in denen die Werke vor ihren völlig verselbstständigten, also ideologisch gewordenen Wirkungen gerettet werden sollen. Auch die seit 300 Jahren unübersehbaren Bemühungen durch Alphabetisierung, kulturelle Bildung und eröffneter Mitwirkungsmöglichkeiten von Jedermann am Werkschaffen hatten das Ziel, Menschen vor der bloßen ideologischen Überwältigung durch Wirkung zu schützen, indem man anleitete, angemessene Ursachen für die verbreitete Wirkung zu erkennen. Das hieß in Europa Aufklärung. Die war nicht sehr erfolgreich – aus zweierlei Gründen: Zum einen ließ die strikte Orientierung auf die Wirkung, also auf Werbung, die Belohnung für die Unterwerfung ungeahnt steigern als kommerzieller Erfolg oder als Gefühl der sozialen Geborgenheit. Akzeptanz der Wirkungsideologien war sicherer als alle Insistenz auf Werkgerechtigkeit, auf Ethos und Logos. Der zweite Grund für die nur kümmerliche Wirkung europäischer Aufklärung liegt darin, erkannt haben zu müssen, dass das „Verstehen“ von Werk und Werkschaffen keineswegs irgendjemand zum Dichter oder Schöpfergenius werden lässt. Verstehen gilt längst nicht mehr als erstrangiger Zugang zum erfolgreichen Leben. Nicht nur die Menschen müssen immer schon leben, ohne die Bedingung der Möglichkeit des Lebendigseins zu verstehen. Im Gegenteil, man könnte es für Evident halten, das Verstehen als Behinderung des vitalen Zugangs zur Welt zu deuten. Stattdessen gelte es, jenseits allen Verstehens sich zu arrangieren, also zu kommunizieren. Und damit alle auftretenden Hindernisse als beseitigbare Behinderung freier Kommunikation zu disqualifizieren. Anstatt zu lernen, um verstehen zu können, trainierte man Positionierung im kommunikativen Geschehen.

Soweit, so kurz, so enttäuschend, so brutal, so gut. Wie aber weiter, wenn doch jedermann spürt, den Boden unter den Füßen zu verlieren in der bloßen Hingabe an das „esse est percepi“, also in der Hingabe an den kommunikativen Klamauk, weil angeblich soziales Dasein, also Menschsein, dadurch definiert werde, wie einer sich anderen bemerkbar machen kann? Kaum noch bestritten von irgendjemand gelten Gefolgschaftszahlen, das heißt die Anzahl der Follower, als entscheidender Beweis für die Bedeutung von irgendwelchem Tun. Hinweise auf Antworten ergaben sich immer schon aus dem ostentativen Schweigen der Verweigerung, dem Rückzug und Ausstieg, was aber inzwischen bloß noch als Marketingstrategie akzeptiert wird, also als Aufmerksamkeit und wirkungssteigernder Effekt.

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