Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 243 im Original

II.8 Zerstörungspflicht des Konsumenten: Big dasher gegen big spender

Text

Bei der Müllentsorgung und den zerstörerischen Konsequenzen weiterer Vermüllung für die verschiedenen Lebenssysteme enden alle großen politischen und gesellschaftlichen Verfügungs- und Machtphantasien – außer man hieße Berlusconi, der in Neapel den Unrat zum Gold der Mafia verwandelte. Sein Firmenimperium Fininvest bezeichnet also die generelle Absicht, aus Zerstörung Geld zu machen. (9) Nicht das In-die-Welt-Bringen, sondern das Aus-der-Welt-Bringen entpuppt sich als grundsätzliches Problem des Wohlstands der Massen. Wie wird man das Zeug wieder los, das für uns geschaffen wurde? Antwort: Durch Verbrauchen, was nichts anderes heißt als durch Zerstören und Vermüllen. Der Name für diese Berufung zum großen Zerstörer heißt „Konsument“ („big dasher“). Konsumenten sind diejenigen, die durch ihre Verschlingungs-, Vermüllungs- und Zerstörungsaktivität die Übermacht des in die Welt Gestellten weitestgehend zu neutralisieren haben.

Wir erinnern uns an die triumphale Auffassung des Schöpferischen in der alten Dichotomie des Kreatorgottes/Demiurgen und seines Pendants, nämlich des teuflischen Zerstörers, der in allen Mythologien für das Gleichgewicht von In-die-Welt-Bringen und Aus-der-Welt-Bringen zu sorgen hat. Bei diesem Teufel als dem nützlichen, dem guten Bösen handelt es sich offensichtlich um eine allen Menschen sinnvoll erscheinende Vermittlung von zwei Prinzipien, die im Deutschen mit Jöten und Hejeln lauten: Jeder sei sowohl ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft, wie ein Teil von jener Kraft, die unbedingt das Böse will und doch das Gute schafft. Auf dem gegenwärtigen Stand des industriellen Fertigungsprozeßes ist dieser Zusammenhang als kreatives Recycling etabliert. Die Industrie berücksichtigt bei dem Entwurf der neuen Produkte bereits deren Bestimmung zum Recycling. Damit diese Bestimmung erreicht werden kann und zugleich profitabel ist, muß den neuen Produkten bereits mit Sollbruchstellen und Verfallsdaten der Übergang in den Status als kostbarer Müll verpasst werden. Unterentwicklung manifestiert sich heute vor allem in der Unfähigkeit, die Bedeutung des Abfalls zu erkennen und ökonomisch wie sozial produktiv werden zu lassen.

„Konsument sein“ sollte als Ausbildungsberuf auf gleiche Weise anerkannt werden wie der des Produzenten. Die professionellen Konsumenten hätten die Rolle des Auflösers, Zermalmers, Zerstörers oder eben Vermüllers zu übernehmen, um das Kernproblem aller konsumeristischen Aktivitäten problemadäquat behandeln zu können – die Neutralisierung des Geschaffenen qua Vermüllung. Daher lautet die Aufgabe an uns Zeitgenossen: Wir müssen zu professionellen Müllmännern werden, um auf sinnvolle Weise Vermüllung zu betreiben.

Aus dieser Einsicht entwickelten wir bereist Mitte der 60er Jahre das Konzept zur Professionalisierung von Konsumenten, die zu lernen hätten, wie man Testzeitschriften, Wirtschaftsnachrichten, Strategien kommunaler Abfallwirtschaft sinnvoll für die eigenen Kaufentscheidungen und für die Formen des Umgangs mit den Produkten nutzt. Um den Gedanken der Professionalisierung der Konsumenten mit Blick auf die Einheit von In-die-Welt-Bringen und Aus-der-Welt-Bringen zu stärken, ihm also Bedeutung zu verleihen, haben wir während unserer Lustmarsch-Prozessionen vorgeschlagen, allen Müllmännern ein Ehrendoktorat zu verleihen und sie zu Mitgliedern der Akademien archäologischer Wissenschaften zu ernennen. (10)

Während wir im Karlsruher ZKM und später in Leipzig den Lustmarsch präsentierten, streikte zeitgleich die örtliche Müllabfuhr, was wir durch unsere kleinen Prozessionen unterstützten. Wir haben jedoch für die Müllabfahrer statt vierprozentiger Lohnerhöhung eben jene Statuserhöhung gefordert, die sie tatsächlich verdient hätten. Denn als Müllwerker sind sie Archäologen und Theologen, die auf der Grundlage des Mülls Unterscheidungen gleichsam aus dem Nichts hervorbringen.

Parallel zur Professionalisierung der Konsumenten hätte die universitäre Ausbildung der Patienten, der Wähler und Rezipienten der Künste stattzufinden. Sie alle müssen zu wahren Partnern der produzierenden Unternehmer, schöpferischen Künstler, weltbildenden Politiker und der Ärzte als Propagandisten von Lebenskraft werden. Damit die Einheit von In und Out, von Angebot und Nachfrage, von Werk und Wahrnehmung, von Potentialität und Aktualität wie von Konstruieren und Dekonstruieren überhaupt denkbar wird. Das Ziel unserer Beschäftigung mit den herrschenden Logiken der Vermüllung besteht darin, das Gleichgewicht zwischen der Produktsphäre und der Rezeptionssphäre, zwischen den Produzenten und den Konsumenten herzustellen, indem man die Konsumenten, die Patienten, die Rezipienten und die Wähler professionalisiert. (11)

Anfang der 70er Jahre entwickelte Michael Thompson seine wunderbare Mülltheorie. (12) Darin skizziert er das merkwürdige Phänomen, daß etwa Jugendstil-Artefakte, die zwischen 1900 und 1914 einen hohen Stellenwert besaßen, in den 50er Jahren auf dem Müll landeten. So konnten findige Leute damals hochrangige Jugendstil-Gestaltungen am Straßenrand als Sperrmüll aufsammeln. Heute werden die gleichen Objekte zu Höchstpreisen gehandelt. Thompson zeigt, auf welche Weise höchstgeschätzte Artefakte nach einer bestimmten Geltungsdauer ihrer Wertschätzung einen Prozeß des Entwertens und der Neutralisierung durchlaufen, um dann später aus diesem Status des wertlosen Flohmarktplunders zu kostbaren Antiquitäten zu werden.

Bekannt ist das Problem, daß wir uns kaum von Dingen zu trennen vermögen, die unsere Wohnungen besetzt halten, aber längst nicht mehr zur Bewältigung des Alltagslebens herangezogen werden. Offensichtlich bedarf es psychologischer Schulung, um sich selbst vom Plunder zu trennen. Deswegen bot Bazon Brock in Berlin 1965 ff. Kurse zur „Gymnastik gegen das Habenwollen“ an, um gemeinsam mit den Wohnungsinhabern die „Wegwerf-Bewegung“ zu üben. (13)

Anmerkungen

(9) Wie dringlich der Anspruch auf eine Ausbildung der Bürger zu Müllexperten ist, zeigt eine Vielzahl von Nachrichten aus den Gefilden des schönsten Scheins: „Eine Schande für ganz Italien“ titelte die „Süddeutsche Zeitung“ vom 14. Januar 2008.: Angesichts der Müllunruhen in Neapel wurde ein Müllnotstand ausgerufen. Die Müllkrise werde von der Camorra genutzt, um schnell an Aufträge zu kommen. Am 3. Juli 2008 heißt es in der „SZ“ in einem Artikel über „Die Seele des Mülls“, das Müllproblem habe sich mittlerweile dermaßen verschärft, dass die Neapolitaner des Großeinsatzes von Psychologen bedurften, um den Bewohnern zu souveräner Behauptung gegen die Müllmächte zu verhelfen. Hinzugezogen würden die Zivilisationshelden von der freiwilligen Feuerwehr, des Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen, die in Zusammenarbeit mit den Neapolitanern den Müllnotstand zu bewältigen versuchten, indem sie seine Beseitigung als Geschäft der Mafia anerkannten.

(10) Siehe DVD „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ (2008), die „Gott & Müll“-Märsche.

(11) Brock, Barbar als Kulturheld, S. 181 u. 721.

(12) Thompson, Michael: Mülltheorie. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten (Rubbish Theory, 1979). Neu herausgegeben von Michael Fehr. Essen 2003.

(13) „Tägliche Übung bringt weit. Man fängt bei sich selber an, seinen Schuhen, Möbeln, Kleidungsstücken, Utensilien, öffnet das Fenster zum Hof und auf geht’s. Es liegt nahe, Gegenstände dafür zu benutzen, die schon ihrem Charakter nach zum Wegwerfen bestimmt sind wie Papierkleider, Papiermöbel usw. Die Brocksche Wegwerfbewegung zielt nach vorne, denn wir wollen nicht an die Dinge unsere Erinnerungen binden, sondern an uns selber: an unsere Gesten, unseren sprachlichen Ausdruck, an Mimik und Verhalten. Wer nur sein Leben auf seine jeweilige Umgebung projiziert, der wird bald nichts mehr in den Händen haben. Die meisten Leute machen deshalb nur etwas aus ihrer Wohnung, nichts aber aus sich selbst.“ In: Brock, Ästhetik als Vermittlung, S. 997.