Werkdetail Seite / Volltext

Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 78 im Original

I.2 Die Dennoch-Pathetik

Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gab es von der Regierung lizensierte Postkarten mit Malereien von „Dennoch-Künstlern“. Das waren Künstler, denen im Kampfeinsatz die Hände weggeschossen worden waren, die sich in der Folge gezwungen sahen, beispielsweise mit dem Mund oder den Füßen zu malen. Ausgehend von solchen Schicksalen, wurde die alte Frage des ersten Chefdramaturgen der Deutschen, Gotthold Ephraim Lessing, neu gestellt, ob es denn einen Raffael ohne Hände geben könne. Jüngst gestand der alte Künstlerprofi Jörg Immendorff, der durch eine Erkrankung in eine entsprechend mißliche Lage versetzt worden war, keine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. (9) Um zu begreifen, was im europäischen Sinne Künstlerschaft heißt, empfehle ich das Studium des Exempels, das der Oberdadaist Hugo Ball mit seiner biographischen „Kehre“ geboten hat. Hugo Ball, heißt es oft in kritischer Absicht, habe sich nach seiner aktiven Zeit im Cabaret Voltaire zum christlichen Mystiker und Ekstatiker gewandelt. Jeder Wohlmeinende weiß dagegen, daß sich Ball überhaupt nicht verändert hat, denn christlich, mystisch und ekstatisch war er gerade als Dadaist.

Das Dennoch-Pathos entstammt der christlichen Passionsauffassung; die imitatio Christi nimmt man aber gerade nicht an, wenn man sich durch Leiden das Himmelreich zu erwerben hofft oder sich aus angeblicher Demut erniedrigt, Dreck frißt und den schwärenbedeckten Körper in Lumpen steckt. Der Verlust der Glieder befähigt noch nicht dazu, ein Raffael ohne Hände zu sein.

Anmerkungen
(9) Emil Staiger fragte mich einmal, worin eigentlich der Unterschied zwischen einem Dadaisten und jenem schriftlich tradierten Inskribenten bestehe, der an eine Wand in Pompeji geschrieben hatte: „Wir haben gesündigt, Herr Gastwirt. Wir haben uns wie Schweine benommen, Herr Gastwirt. Wir haben in die Betten geschissen. Aber wenn Sie uns fragen, warum, dann sagen wir Ihnen, weil Sie uns keinen Nachttopf unter das Bett gestellt haben. Sie sind also selber schuld.“ Handelte es sich etwa um die demonstrative Geste eines Dadaisten avant la lettre? Warum ist der Mann von der Wand in Pompeji kein Künstler? Die Antwort lautet: Weil er diesen Sachverhalt nicht im Hinblick auf eine Neudefinition der Kognition von „Verschmutzen“ oder als eine neuartige psychische Bewertung von Im-Dreck-Suhlen, An-die-Wände-Schmieren, Sich-in-einer-fremden-Gegend-wie-ein-Schwein-Aufführen darstellte. Diese Darstellung einer Inschrift die nicht einmal von einer kleinen pikanten Illustration begleitet wird, weist nicht das entscheidende Kriterium der Kunstentwicklung auf, das uns Europäer auszeichnet. Dieses Kennzeichen ist das Ausprägen einer vollkommen eigenständigen Begründung von Geltungsansprüchen, nämlich das Prinzip der auctoritas, der Autorität durch Autorschaft. Was ein Individuum äußert, kann überhaupt erst Autorität haben, wenn sich sein Gestus auf die eigene individuelle Urheberschaft einschränkt