Stimmen der Toten

James Turrell-Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Stimmen der Toten  | Dorotheenstädtischer Friedhof, Berlin 2.06.2018. Memorial „Bazon Brock, von dem Sie immer schon gewußt haben, daß er den tiefsten Eindruck auf Erden mit seinen Füßen hinterlassen würde.“ 1968 „Der Tod muß abgeschafft werden …“. Literaturblech 1965 im Hof der Sammlung Hoffmann, Berlin | fotografiert von Uwe Loesch 1999. Fingierte Todesanzeige für Bazon Brock, 1966
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

2. Juni 2018, 21.00 Uhr | Bazon Brock über Bazon Brock

Bazon Brock (*2.6.1936), Künstler und Kunsttheoretiker sowie Gründer der Berliner Denkerei / Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“, hat sich ein Grab (CH-4-13) auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof reserviert. An seinem 82. Geburtstag spricht er über seine Zukunft auf dem Friedhof und über seine langjährige Beschäftigung mit dem Thema in seinen Aktionen und Arbeiten wie „Der Tod muss abgeschafft werden“ (1965), der fingierten „Todesanzeige“ von 1966, der Forderung nach einem „Telefonanschluss im Grab“ oder dem Memorial „Bazon Brock, von dem Sie immer schon gewußt haben, daß er den tiefsten Eindruck auf Erden mit seinen Füßen hinterlassen würde“ von 1968.

Zur Veranstaltungsreihe

Der Dorotheenstädtische Friedhof gehört zu den prominentesten Friedhöfen Berlins: Einige der bekanntesten deutschen Schriftsteller*innen, Philosophen und Künstler*innen – darunter Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich August Stüler, Bertolt Brecht oder Christa Wolf – haben auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden.

„Stimmen der Toten“ ist der Titel einer außergewöhnlichen Lesereihe, die von April bis September 2018 am jeweils 1. Samstag im Monat zum Sonnenuntergang in der illuminierten Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof I in Berlin-Mitte stattfindet. Freunde, Verwandte und Weggefährten lassen berühmte Verstorbene, die auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof I ihre letzte Ruhe fanden, noch einmal zu Wort kommen – in Texten, Bildern und Liedern. Das Action Teaching von Bazon Brock über seine Zukunft auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof bildet hier eine Ausnahme.

Die 1928 erbaute Friedhofskapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs wurde am 8. Juli 2015 nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen wiedereröffnet. Der durch den US-amerikanischen Licht-Künstler James Turrell gestaltete Raum ermöglicht einzig­artige Raumerfahrungen: Vergleichbar der Lichtwirkung einer gotischen Kathedrale sind die von Turrell geschaffenen Räume nicht im herkömmlichen Sinne "beleuchtet", sondern von Licht und Farbigkeit erfüllt.

Tickets:

12 € (ermäßigt 6 €), Reservierungen unter www.evfbs.de/tickets – Tickets sind auch an der Abendkasse erhältlich (Reservierung empfohlen)

Veranstalter:

Stiftung St. Matthäus und Evangelischer Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte in Kooperation mit dem Literaturforum im Brechthaus

Rede in der Kapelle

Transkript (leicht korrigierte Fassung der Rede)

Einführung Hannes Langbein

Guten Abend, meine Damen und Herren, herzlich willkommen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, herzlich willkommen zu den „Stimmen der Toten“, der Reihe, in der die Stiftung St. Matthäus und der Evangelische Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte die Bewohner dieses Ortes vorstellen. Ich glaube, ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass wir heute einen besonderen Abend vor uns haben, weil wir zum ersten und vermutlich auch zum einzigen Mal einen Lebenden als Redner unter uns haben oder, besser gesagt, einen Untoten, der sich selbst vorstellt, und das auch noch an seinem 82. Geburtstag. Ich würde sagen, das ist ziemlich epochal und kommt wahrscheinlich in dieser Art nie wieder, deswegen freue ich mich, dass wir hier alle so schön beieinander sein können.

Es geht um keinen anderen als Bazon Brock, den die allermeisten von Ihnen kennen werden. Bazon Brock, Philosoph, Künstler, Performer, Gründer der Besucherschulen auf der documenta, Gründer der Denkerei Amt für die Arbeit an unlösbaren Problemen am schönen Oranienplatz hier in Berlin. Er hat einmal gesagt, und nicht nur gesagt, sondern auch als Schild in Berlin-Mitte hinterlassen: „Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ Dennoch hat sich Bazon Brock hier auf diesem Friedhof ein Grab reserviert mit der schönen Nummer CH-4-13 und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass diese Grabnummer sich in der Signatur seiner E-mail befindet. Jedenfalls hat er mir einmal gesagt, dass das die einzige Gewissheit ist, dass er einmal hier auf diesem Friedhof vor Anker geht.

Sie haben vielleicht draußen die Lichtspur gesehen, wir werden tatsächlich im Laufe des Abends gemeinsam zu diesem noch nicht vorhandenen Grab gehen, Sie werden also die Möglichkeit haben, den Ort zu sehen. Aber wir hören vorher natürlich den Untoten selbst und alle, die hinterher noch mögen, sind herzlich eingeladen, nach dem Gang zum Grab hierher zurückzukommen, dann gibt es noch einen Film zu sehen. Es ist also wirklich ein Abend mit vielen Registern und das macht es so schön. Deswegen seien Sie herzlich eingeladen, den ganzen Abend hier mit uns zu feiern, denn es ist ja auch ein Geburtstag. Bitte, Bazon Brock!

Bazon Brock

Lieber Hannes Langbein, der Hinweis darauf, dass ich der einzige Untote sei, ist etwas verwegen, denn diese Versammlung ist mehr oder weniger, und das ist wirklich eine hundertprozentig stimmende Prognostik, die Versammlung der Toten der Zukunft! Es ist nur eine Frage der Zeit. Das ist ja gerade die Übung, die wir betreiben wollen, nämlich zu antizipieren. Das Leben im Bewusstsein ist im wesentlichen, evolutionär gesehen, eine Entwicklung der Antizipationskraft, also mit Resultaten von Handlungen rechnen zu lernen, die man nicht erst auszuüben braucht, um mit diesen Resultaten sinnvoll umgehen zu können. Das ist natürlich ein großer evolutionärer Vorteil, denn man würde nichts lernen aus learning by dying, das ist dann zu spät. Also gilt es, vorab zu wissen, dass wir sterben werden, und deswegen aus der Antizipation heraus dieses Ereignis produktiv werden zu lassen, was ja in eurem Metier der Glaubensbranche grundsätzlich das Vermögen der Gläubigen ist, nämlich zu zweifeln an der Gewissheit oder auch an den verschiedenen Aspekten der antizipierten Zukunft, im Hinblick darauf, dass man sich z.B. irren kann oder dass man nicht fähig genug sei oder wie auch immer, und dann darauf verwiesen wird, den Zweifel selbst produktiv werden zu lassen, so dass die Definition heißt: Glaube ist produktiv gewordener Zweifel. So wie Wissenschaft produktiv gewordene Kritik ist und nichts anderes.

Daraus ergeben sich neue Positionen für die heutige Auseinandersetzung zwischen den sakralrechtlich organisierten Gemeinschaftsvorstellungen, wie sie etwa noch im Islam vorkommen, und den – sagen wir – weltlich organisierten Motiven des Zusammenlebens. Was in gewisser Weise heißt, nicht nur, wie es theologisch begründet war, dass Glauben und Wissen notwendigerweise eine Einheit sind, um nicht zu sagen, notwendig aufeinander verweisen wie etwa in der Mathematik: Ich muss ein Axiom setzen, also einen willkürlichen Glaubensakt, um Mathematik wissenschaftlich betreiben zu können, oder: ich muss wissen, dass ich glauben muss, um zu argumentieren, um Vernunft zu haben, um zu wissen, wie umgekehrt ich wissen muss, dass ich glauben muss.

Diese Bedingtheiten haben wenig mit den verschatteten Verhältnissen zu tun, die wir so verschwiemelt als Verfügungswort der Kirchen ansehen. Das sind fundamentale Bestimmungen des In-der-Welt-Seins, die entsprechend Darwins Lehre viel mehr sind als alle Vorstellungen, die wir sonst aus dem Gegensatz von Evolutionstheorie à la Darwin und der theologischen Ableitung etwa aus Genesis 1, Moses 1 über die Erschaffung der Welt anzunehmen bereit wären. Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass die europäische Zivilisation, die 600 Jahre lang die Weltentwicklung bestimmt hat, gerade aus der völligen Neuinterpretation dieses Verhältnisses von Glauben und Wissen hervorgegangen ist, nämlich dass wir nur in dem Maße unsere Glaubensgemeinschaften, also uns selbst vergewissernde Begründungszusammenhänge, wirksam demonstrieren können, wenn wir auf die einwirken, die nicht zu unserer Glaubensgemeinschaft gehören. Wenn man nur denen predigt, die schon zur Glaubensgemeinschaft gehören, hat das Predigen wenig Erfolg. Es ist eine gewisse Bestärkung, hat einen Rückkoppelungseffekt, aber das ist nicht der Sinn der Verkündigung. Verkündigung gilt immer denen, die nicht zu den Gläubigen gehören. D.h. man muss einsehen, dass das, was wir als europäisches Alleinstellungsmerkmal in der Weltgeschichte ansehen, nämlich die Trennung von Staat und Kirche, Aufklärung des 18. Jahrhunderts, bisher völlig falsch verstanden wurde. Denn es ist nicht so, dass sich da eine Entgegensetzung als Polarisierung entwickelt hat – hier Kirche, da Staat –, sondern im Sinne der paulinischen Botschaft „Predigt denen, die nicht glauben“ stellt die Alltagssphäre des Profanen die angemessene Wirkungsplattform für alle sakralrechtlich organisierten Autoritäten dar. D.h. der Staat ist gerade im Säkularen, im Weltlichen die unmittelbare Erfüllung dessen, was theologisch je gedacht oder gefordert oder in Offenbarungsreligionen verkündet wurde. Die Europäer waren so erfolgreich, weil nicht nur vom 4. Jahrhundert an die Theologie tatsächlich die Mutter aller Wissenschaften ist, bis auf den heutigen Tag ist das so, und alle Technologie nichts anderes ist als verwirklichte Theologie, sondern weil der logisch zwingende Schluss heißt: Wenn das Heilige auffindbar sein soll, jenseits dessen, was die, die es repräsentieren oder verteidigen oder anbeten etc., ohnehin als interne Form der Selbstvergewisserung betreiben – es könnte ja auch wahnhaft sein –, gilt, dass die Abgrenzung gegen bloße psychiatrische Wahnhaftigkeit des Glaubens darin besteht, den Geltungsanspruch des Glaubens da zu realisieren, wo nicht geglaubt wird. Also ist der säkulare Staat die unmittelbare Wirkungsebene für die sakralrechtlich organisierten Autoritäten. Das Profane ist die einzige glaubwürdige, vernünftige, auf allen Ebenen begründbare Erscheinung des Heiligen.

Damit bekommen auch alle Phänomene des Alltäglichen und Banalen wieder eine philosophisch-theologische Bedeutung, wie in diesem Raum z.B. die Thematisierung von Licht, bei uns durch die Verwendung dieses Mediums in der Reklame. Denken Sie nur an die Lichtdome, die in den 20er Jahren, lange vor dem NS-Großarchitekten Speer, entwickelt worden sind, dass also die verhunzte Gestalt des Lichts zurückgewonnen wird als das Leuchten und Erleuchten, also als Kraft der Stimulierung des Geistes. Und diese Kathedrale sollte ja gerade zeigen, dass in der profanen Erzeugung durch Neon und sonstige Medien die sakrale Dimension, die heilige Dimension der Lichtmetaphysik repräsentiert werden kann. Ohne dass man das Geringste dazupfriemeln muss, irgendein spirituelles Herumgequase an den Tag legen muss.

Dazu haben wir Ihnen die kleine Broschüre gemacht, „Licht ist der Schatten Gottes“, sozusagen die theologische Ableitung dieser Phänomene. Im Ganzen kommt es darauf an zu begreifen, was die Kulturwissenschaftler der 20er Jahre, etwa Benjamin, schon versuchten zu initiieren. Für uns gilt: Sucht das Heilige nicht irgendwo jenseits, also nicht meta auf Griechisch, nicht trans auf Lateinisch, sondern seht es in dem, was gegeben ist. Die Welt existiert nur in einer Hinsicht, nämlich, das ist die wissenschaftstheoretische Begründung durch Descartes, durch das, was materiell physisch in ihr vorkommt, also die Physis, und in dem, was darüber hinaus noch vorkommt, nämlich die Gedanken. Die Physis ist die res extensa, der Gedanke ist die res cogitans, also das, was Gestalt wird im Denken selbst. Das ist das Verhältnis von Physik und dem darüber Hinausgehenden, der Metaphysik. Metaphysik hat nichts mit der Verdrängung irgendwelcher Vorstellungen ins Jenseits des Irdischen oder in die Ewigkeiten irgendwelcher Räume kindlicher Transzendierung zu tun, denn die Logik widerspricht dem. Wenn ich, wie Kant, sage, es trennt die Welt der Menschen von der Welt der Götter, des Kosmos usw. eine Grenze, die wir mit unserem Denkvermögen nicht überschreiten können, dann habe ich mit dem Ziehen der Grenze die notwendige Orientierung auf das Jenseits der Grenze zwingend, unabweisbar entwickelt. Es nützt mir also gar nichts, transzendental zu sein, also zu sagen, bis zu dieser Grenze können wir gehen und das ist Vernunft, sondern ich muss wissen, dass mit der Ausgrenzung das Jenseits der Grenze, die Erscheinungsform der Vernunft entsteht. Rationalität heißt das im Aufklärungszeitalter, im 18. Jahrhundert, die Erkenntnis der ratio in der Irrationalität. Denn die Unterscheidung galt ja zwischen hier: rational und dort: irrational, also Europäer rational, afrikanische Buschmänner irrational oder was auch immer. Das hat man sehr schnell erkannt, nicht zuletzt durch die Rückkehr der Kulturwissenschaftler von ihren Exkursionen mit Herrn Cook und anderen Seefahrern, Seeschäumern. Es begründet die Einheit der Welt auf allen Ebenen, den Ebenen des materiell physischen Gegebenen wie denen des gedanklich Möglichen, der Vorstellungen oder der Sinnlichkeit oder wie immer Sie das benennen wollen. Die Anerkennung aller bisher der Metaphysik, also den Jenseitigkeitsdimensionen zugeschriebenen Bedeutsamkeiten unseres irdischen Daseins wurde durch die europäische Aufklärung zurückgeholt auf die Ebene des Banalen, Profanen.

„Profanität ist das Heilige selbst“: entgegengesetzt etwa Carl Schmitt, der noch sagte, souverän sei, wer über den Ausnahmefall, die Innovation, das kreative, einmalige, neue, plötzliche Ereignis verfügt. Heute weiß jedes Kind, dass das ein Denkfehler ist, die Außerordentlichkeit des Ausnahmefalls kann jeder Trottel mit einer Dynamitpackung in jeder Großstadt erzeugen. Souveränität besteht darin, die Normalität zu garantieren. Souverän ist, wer garantiert, dass die Milch im Laden steht und die Nachhaltigkeit der Bedingungen des Lebens erhalten bleibt. Sie kennen das sicherlich aus Ihren eigenen Überlegungen. D.h. die Heiligung des Profanen ist nun nicht wiederum die Übersetzung des natürlich gegebenen banalen Normalen, sondern die Anerkennung des Lebens in der Normalität einer Gesellschaft, in der man sich nicht gegenseitig umbringt, in der man sich nicht wechselseitig, aus welchen Gründen auch immer, die Butter vom Brot nimmt oder in irgendwelche anderen Rankünen verstrickt ist, also die Anerkennung der Einsicht, dass ich nur bin und nur lebe, insofern alle anderen auf die gleiche Weise zu leben vermögen. Sonst gibt es keine Möglichkeit, mich überhaupt identisch zu erfinden oder zu kennzeichnen.

Identität ist nur möglich im Hinblick auf die Unterscheidung von anderen. Unterscheidung von anderen heißt aber Anerkennung der anderen, denn ich muss ja wissen, wovon ich mich unterscheide. Um eine Identität zu haben, bin ich gezwungen zu würdigen, wovon ich mich unterscheide. Das ist der große Gedanke der Hegelschen und anderen Philosophien, um 1800 herum entwickelt, die Identitätspolitik zum Beispiel. Heute vergisst man vollständig, dass die Orientierung des Einzelnen auf seine je Seinigkeit oder meine Orientierung auf meine je Meinigkeit nur erreichbar ist durch die Würdigung dessen, was die Bestimmtheit aller anderen in ihrer jeweiligen Meinigkeit oder Seinigkeit darstellt.

Wenn wir also hier am Beispiel der Turrell‘schen Lichtspiele uns an der Metaphysik des Lichts orientieren wollen, wie sie etwa Theologen formuliert haben – Licht ist der Schatten Gottes –, dann heißt das nichts anderes als zu erkennen, dass das Mirakel der Wahrnehmung des Lichts von uns nicht hinreichend geschätzt wird, dass wir z.B. nicht erkennen, inwieweit Farben nichts anderes sind als die Spiegelung der unterschiedlichen atomaren Zusammensetzung von Oberflächen, der res extensa, keine dritte Kraft, die aus irgendwelchen Gründen zauberhaft in unser Bewusstsein tritt, sondern sich aus den Gegebenheiten der Dinge selbst heraus entwickelt.

Mit dieser Vorstellung von Metaphysik als Entwicklung des Gedanklichen in der realen Welt, d.h. res cogitans in der res extensa, aber nicht als meta, sondern in ihr selbst entwickelt, so wie Descartes es sagt – es gibt nur zwei Dinge, die festen Körper, die Physik, und die Gedanken als das metaphysikalische Wirkungsschema für unser Leben – gewinnen wir einen anderen Zugang zu uns selbst in der Fähigkeit, uns zu antizipieren, d.h. in den Lebensformen die Erfahrung nicht erst durch das Realisieren dieser Lebensformen zu machen, z.B. achtmal zu erfahren, dass die eingegangenen Ehen scheitern, das ist sozusagen das Hollywood-Modell der christlich-mythologischen Verbrämung, sondern zu wissen: Ehen können nicht nur scheitern, sondern sind im Wesentlichen auf Scheitern angelegt. Der Höhepunkt einer Beziehung besteht in der Fähigkeit zur Trennung. Wer sich nicht trennen kann, kann sich nicht binden. Dann beginnt eine völlig andere substantielle Begründung dessen, was eine Beziehung auch im Charakter der sozialen Formation Ehe darstellt. Das muss man aber erkennen und wissen, sonst wird man immer wieder Chimären hinterherlaufen, mit denen heute noch viele Kirchlinge, aber vor allem viele Politiker und Werber, Propagandisten der Warenästhetik hantieren und die entsprechenden Irrsinnigkeiten produzie-ren, die es uns unmöglich machen, den Alltag tatsächlich als den Sonntag zu feiern. Immer noch bleibt es bei der Ausnahmesituation der Entlastung, anstatt das Leben selbst in diesen Formen schon sich ereignen zu lassen.

Antizipation heißt in unserem Falle, z.B. auf dem Friedhof, dass wir uns als zukünftig Gewesene sehen. Das ist das Metier der Historiker, die alles, was geschieht, unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass das, was Gegenwart ist, die zukünftige Vergangenheit ist und alle Zukunft nichts anderes als eine zukünftige Gegenwart, die ihrerseits wieder zur Vergangenheit wird. Historiker sind die Experten für die Begründung der Dominanz des Vergangenen über alle Formen der intellektuellen, meinetwegen auch simpel emotionalen Weltverhältnisse, die eigentlich darin bestehen zu erkennen, dass wir nur sind, worauf wir uns als Zukünftige, also als Werdende, wie Hegel das nennt – Sein ist nichts, Werden ist alles –, ausrichten können, nämlich Tote zu sein.

Das hat eine besondere Bedeutung für uns Zeitgenossen. Wuppertal war die einzige Universität bzw. in meinem Seminar wurde als einziger Institution der Weltgeschichte im Mai 1987 gefeiert, als die UNESCO feststelle, dass gegenwärtig gleichzeitig mehr Menschen auf Erden leben, als je zuvor gelebt haben, und zwar bis zu 65.000 Jahren zurückgerechnet, also bis zur Trennung der Neandertaler vom homo sapiens. Sie müssen sich vorstellen, was das bedeutet, wenn plötzlich die real Lebenden, Idioten, Dummköpfe, Machtgeilen bestimmen, was die Welt ist. Und keinerlei Bindung mehr an die Tatsache haben, dass sie auch nur sind, was sie werden, nämlich Tote. Seither brauchen die Toten, da sie die Minderheit sind, eine Lobby. Historiker, Philosophen sind Lobbyisten der Toten, Denkmalschützer sind klassische Repräsentanten des Lobbyismus für die Toten, und zwar unter dem einzigen Gesichtspunkt, dass alle, die jetzt als Lebende triumphieren, wie Canetti das als zentrales Motiv des sozialen Kampfes beschrieben hat, als Überlebende alle Vernunft annehmen im Hinblick darauf, dass sie tatsächlich gleich sind, unter der Bedingung der Gleichheit stehen aller modernen Formen des Versuches, ein vernünftiges Zusammenleben von Menschen im Rechtsstaat, im Sozialstaat, in der Demokratie zu organisieren. So dass man sagen kann, das Ideal, dem wir alle folgen, ist die Etablierung nicht einer Zukunft weiterer Vollidioten in der Anmaßung ihrer Macht des Lebendigen, sondern einer Gemeinschaft der Toten. Was eigentlich heißt, die Toten sind die einzig Lebenden der Welt. Alles Lebende ist ja nur vorläufig außerhalb dieser Gemeinschaft noch unterwegs, tritt aber notwendigerweise in sie ein.

Ich weiß noch, wie wir früher junge Leute im Studium düpieren konnten, indem wir sagten, verfolgen Sie unsere Altersprognostik, die ist hundertprozentig stimmig, es gibt keine Ausnahme, hier sitzen vor uns die 18-, 20-, 21-Jährigen als diejenigen, die in 80 oder 100 Jahren garantiert tot sein werden. Diese prognostische Aussage ist unwiderlegbar. Warum will man das nicht hören? Weil man dann zur Feier des Todes verpflichtet wäre, also zur Selbstfeier im Zustand des eigenen Gewordenseins, des Futurum 2 oder Plusquamperfekts: Wir werden Lebende gewesen sein. Und das bedeutet, diesen Dienst zu erweisen, indem wir der Lobby der Toten folgen, indem wir etwa neben Friedhöfen Bibliotheken oder Museen betreten, in denen ja das Reich der Toten organisiert ist. Jeder, der ein Buch von Goethe, Novalis, von Aristoteles oder Platon in die Hand nimmt, führt einen Dialog mit Toten. Unsere gesamte Kulturgeschichte ist nichts anderes als eine Fähigkeit, mit den Toten zu reden. Alles, was Kulturen je zustande gebracht haben in der Drei-Generationen-Folge als Minimum der Begründung einer Kultur, drei Generationen müssen es mindestens sein, aber weitergehend über zig Generationen hin, ist darauf angewiesen, sich als mit den Toten dialogfähig, sprachfähig zu erweisen. Außerhalb dessen gibt es keinerlei Sprachlichkeit. Das Gespräch, das wir sind – eine Hölderlin‘sche Formulierung –, ist nur ein Gespräch unter Toten. Ich habe als Schüler eine wunderbare Erfahrung gemacht. Ich musste einen der Toten in Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“ spielen, der den einen Satz zu sprechen hat – Sie wissen, da unterhalten sich die Toten auf dem Friedhof: „Der Tod ist ein wunderbarer Gefährte“. Damit begann meine öffentliche Laufbahn und bis heute ist das bestimmend geblieben.

Wenn wir also aus der Vorwegnahme von Handlungsresultaten leben, und die wichtigste Antizipation aller unserer möglichen Aktionsformen als Lebendige das Sterben und der Übergang in den Tod sein wird, dann müssen wir unseren Alltag eben als eine Erweiterung oder eine Integration ins Reich der Toten sehen. Der derzeitige Triumphalismus, dass gegenwärtig 8 Milliarden Menschen zugleich auf der Erde herumtrampeln, also mehr als je vorher gelebt haben, verführt dazu zu sagen: Was scheren uns die Toten, lasst die Toten doch die Toten begraben. Selbst Luther war nicht gefeit gegen solche Dummheiten, von ihm stammt ja diese Maxime. Er selbst bemühte sich um die Übersetzung und Auseinandersetzung mit 2000 Jahre alten Texten, erzählt uns aber gleichzeitig, die Toten sollten doch gefälligst ihre Toten begraben, damit hätten wir nichts zu tun, wir triumphierten als Lebende. Nein, ganz im Gegenteil, der Triumphalismus ist rechtzeitig widerlegt worden, banalisiert worden. Sie erinnern sich an den Schweizer Conrad Ferdinand Meyer, er konnte noch dichten: „Wir Toten, wir Toten sind größere Heere, als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere“, das hat sich heute umgekehrt. Nichtsdestotrotz wird die Bedeutung dieser Einordnung umso größer, denn was aus dem Triumphalismus der Überlebenden entsteht – Sie sehen es in jedem Krimi, in dem es offenbar um diesen Genuss des triumphierenden Überlebenden geht –, ist eben nichts anderes als das Projekt der Zerstörung. In anderer Weise lässt sich gar nicht triumphieren. So wie das Kleinkind schon anfängt, über den Gegenstand Radio, oder was immer es in die Hände bekommt, zu triumphieren, indem es ihn kaputt macht, gilt das generell für die kollektive Organisation des Übermuts des Lebendigen, dem das Bewusstsein seiner Sterblichkeit fehlt.

Sie müssen den einen Gedanken berücksichtigen, den Heidegger noch aufgenommen hat von Alkmaion von Kroton, also 530 v. Chr., und diversen Varianten, nämlich die jenseits der Dialektik wichtige Mitteilung: Im Sterben werden wir unsterblich. Der einzige Zugang zur Unsterblichkeit, der Befreiung vom Terror des Mutwillens von Überlebenden ist das Sterben selbst und das ist in der Tat auch die Befreiung aus der Verführung zu diesem Mutwillen, durch Zerstörung gar noch, wie die modernen Wirtschaftswissenschaften das mit Schumpeter nennen, produktive, schöpferische Zerstörung, was der Höhepunkt des Unsinns ist. Das erleben Sie am Schicksal des Kapitalismus, dass das tatsächlich beherrschbar, managebar ist, nicht als Problem lösbar, aber doch beherrschbar, und dass man sich um diese Beherrschbarkeit kümmern muss.

Unter anderem heißt es, sich selbst als zukünftigen Toten zu würdigen, denn nur damit gewinnt man ja das Signum der Immortalität. Nur die Gestorbenen sind unsterblich und man kann auf keine andere Weise in die Unsterblichkeit eingehen, d.h. in die Dauer, als durch das Sterben selbst. Und dem kommt entsprechend die Bedeutung zu, die alle Gemeinschaften dem Sterben zugestehen, vor allen Dingen in der Entwicklung von Totenstädten. Wir haben als erste, glaube ich, 1987 einen elektronischen universalen Friedhof, noch primitiv damals, eingerichtet, wir haben Totenhochhäuser konzipiert, u.a. hier in Berlin (darüber wurde in der Sendung SATkommts berichtet), das Springer-Hochhaus umzuwidmen in ein Totenhochhaus. Die Paternoster-Fahrstühle haben wir in wunderbarer Weise definieren können, Axel Springer stimmte zu, er war ja dem Tode nahe und wusste deswegen, wie wichtig es wäre, seinen Unternehmenssitz in die Unsterblichkeit zu führen. Jetzt ist es eine Banalität der absurdesten Art. Hätte man es damals schon in das erste Totenhochhaus der Welt umgewandelt, wäre Springer heute mit Perikles, Iktinus und Phidias gleichzusetzen in der Begründung eines neuen Pantheons. Wir haben das gut definiert, jeder kriegt eine große Truhe, in die er seine Sachen werfen kann, das Ganze wird elektronisch ausweisbar, man kann sich über diese Paternoster-Fahrstühle, die es noch gab, jeweils den Nachlass der durch Sterben unsterblich Gewordenen ansehen und sich ins Sterben einüben durch Beschäftigung mit den Beispielen, die andere gegeben haben. Das ist die einzige Form, in der Lernen überhaupt Sinn macht.

Insofern wollen wir heute durch die Begehung eines Lebensraums, der ja auch evolutionär Eingang in dieses Motiv findet, unsere Reverenz dem eigenen Selbstbewusstsein zollen, nämlich: Wir sind die zukünftigen Toten, die sich bemühen müssen, bald wieder, wenn nämlich diese 8 Milliarden gestorben sein werden, die Mehrheit darzustellen und somit das alte Gleichgewicht des Lebendigen in Gegenwart und Vergangenheit herzustellen.

Ich hatte vor vier Tagen auf Norderney ein Erlebnis der besonderen Art, für den heutigen Abend geradezu prädestiniert. Es blitzte und donnerte wie nie zuvor aufgezeichnet, am Wasser besonders gefährlich. Und da sieht eine Frau, wie ein Mann in voller Bekleidung meerwärts geht, zunächst kniehoch, dann hüfthoch im Wasser. Sie versucht, mit ihm zu kommunizieren, mit ihm als Totem schon zu sprechen, denn er war ja nicht zu retten, sie versucht trotzdem, die Rettungswacht, die Seenotrettung zu aktivieren. Diese haben unter Einsatz ihres Lebens in diesen Blitzlichtern, wie sie selten gesehen werden, gearbeitet, aber nichts gefunden. Am nächsten Morgen um 9.30 Uhr hat der erste ausfahrende Segler den Corpus gesichtet und dem Procedere übergeben, das in solchen Fällen in Gang kommt. Das Schöne aber war, dass sich in der Georgshöhe, dem Hotel, in dem ich meistens bei Reha-Maßnahmen aller Art absteige, zur morgendlichen Zusammenkunft fast alle aktuell versammelten Gäste dankbar bekannten: Das hat er für uns getan! Es war wirklich eine ergreifende Erleichterung gegenüber allen, die es nicht erwarten können, in diesen Zustand überführt zu werden – dazu könnte uns Hannes Langbein als Theologe grundsätzlich etwas sagen, warum man nicht aus bloßem Jux und Laune sich selbst gleich unsterblich macht durch das Sterben. Das hat eine ganz tief sitzende Begründung, das Wesen des Lebendigen als das des Toten oder genauer als das des einzig wirklichen Lebendigen, nämlich des Toten darzustellen. Das Leben, wie wir es kennen, sagt Nietzsche, ist nur eine extrem seltene Form des Todes, sonst nichts. Eine extrem seltene Form des Todes. Diese Gemeinschaft von vor vier Tagen hat wirklich dankbar erkannt, dass sie sich nicht verführen ließ zur ebenfalls triumphalen Vermittlung auf das Ewige durch den kollektiven Marsch ins Meer. An ähnlicher Stelle hat sich ja der berühmte Staatsschauspieler Ulrich Wildgruber umgebracht. Er marschierte als großer Zadek-Schauspieler und Shakespeare-Stratege mit dem Gedanken: Hier starte ich und gehe immer geradeaus!, ins Reich der Unsterblichen durch das Gestorbensein.

In vielfältiger Hinsicht ist das also ein kleines Exerzitium, das sinnlich vermittelbar ist durch den Wandel der Beleuchtung. Das ist ein Aufklärer-Terminus, das heißt nichts anders, als einen Gegenstand, den ich wahrnehmen will, ins rechte Licht zu rücken. Nämlich unter das Mikroskop einen Träger und auf den Träger ein Objekt zu legen und es durch richtige Beleuchtung wahrnehmen zu können. Dieses Modell hier heißt: Wir nehmen wie auf dem Träger unter dem Mikroskop uns selbst wahr in dieser rechten Beleuchtung, die uns durch Turrell geboten wird. Alles andere habe ich versucht, Ihnen in dieser kleinen Programmschrift „Licht ist der Schatten Gottes“ klarzumachen. Das ist insofern ergänzt worden, als einer der radikalsten Modernisten, Marcel Duchamp – der immer glaubte, er könne sich als Atheist durchmogeln, als jemand, der sich befreit aus dem Zwang, glauben zu müssen, um Vernunft zu haben; das ist die Definition: Man kann nur Vernunft haben durch Glauben. Und man kann nur glauben durch Vernunft – als dieser Duchamp mit seinem „Großen Glas“, einer Glasmalerei, wie alle historischen Metaphysiken des Lichts Glasmalerei in den gotischen Kathedralen gewesen sind, sich bei diesem Programm aufgrund des Algorithmus‘ der sprachlichen Darstellung – Bildsprachen sind das gleiche wie Wortsprachen – in einer bestimmten Weise als Protagonist für eine solche Auffassung von Physik und Metaphysik, Objekte und Gedanken auftritt. Denn das, was er materiell physisch als Großwerk materialisiert, ist ja nichts als eine Glasfläche mit ein paar wahrnehmbaren Strukturen von irgendwelchen Farbfeldern und Strichen, und andererseits eben die gedankliche Rekonstruktion dieses Sachverhaltes. Wir haben versucht, durch knappe, kurze Darstellungen dieses Verhältnisses den Gedanken nahezulegen, dass man Duchamp sehr gut mit den alten lichtmetaphysischen Kategorien beschreiben kann. Aber darauf kam es nicht an, sondern darauf zu zeigen, dass er das Zentralwerk des 20. Jahrhunderts geschaffen und damit das meistdiskutierte Werk des 20. Jahrhunderts eben als Glasmalerei und damit als lichtmetaphysisches Objekt dargestellt hat.

Jetzt machen wir uns auf den Weg, folgen der Erleuchtungsspur zum Grab. Der Gärtner ist noch nicht tätig geworden. Er hat den Entwurf schon vor zwei Jahren bekommen. Elisabeth Stumpf, die das Ganze für uns so wunderbar eingerichtet hat, weiß, was wir mit ihm verabredet haben: Dass er mir zu meiner Nachbarin schräg seitlich einen kleinen Tunnel bauen wird, denn dort liegt Gertrud Eysoldt, deren staatsschauspielerische Dimension heute noch in der Verleihung des Eysoldt-Ringes an Großschauspieler bewahrt wird. Danach kommen die drei Jacobis, eine Dynastie ersten Ranges in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, dann Herr Hegel und Frau Hegel, Herr Fichte und Frau Fichte. So dass ich, zum Erstaunen von Peter Sloterdijk und zum geradezu frenetischen Applaus von Peter Weibel, in eine Reihe gerückt worden bin, die ja nicht zufällig sein kann!

Und das alles verdanken wir der Fortuna Elisabeth Stumpf. Fortuna war ein Weib, das gewusst hat, was es bedeutet, auf einer Kugel zu balancieren, also im Ungefähren und Vagen, nämlich das, was alle für die reine Willkür halten, als eine vernünftige Verhaltensweise zu zeigen. Fortuna auf der Kugel ist gerade nicht die Inkorporation des absolut Chaotischen, Unvorherbestimmbaren. Mathematiker können Ihnen heute die Ordnung des Chaos beweisen. Es nützt nichts, Chaos und Ordnung unterscheiden zu wollen – das Chaos unterliegt derselben Ordnung wie die Ordnung selbst, es unterscheidet Rationalität und Irrationalität, faktisch und kontrafaktisch, Kalkül und Absurdität oder Liebe –, sondern es geht um die Anerkennung dessen, was diese vermeintlich uns aus Denkgewohnheiten heraus sich eröffnende Absetzung von dem Phänomen ermöglicht und trotzdem Sinn macht. Die Künstler haben ab 1900 alle, von Picasso über Braque bis zu Gris im Zirkuszelt gesessen. Geradezu absurd, diese bisher nie geklärte Orientierung auf das Zirkusgeschehen, was gibt es da schon zu sehen für Modernisten dieses Schlages? Sie gingen hin, um dort zu erfahren, inwieweit sie, die Künstler, einen fundamentalen Beitrag zur Begründung von Aussagenautorität darstellen konnten gegen alle bisherigen Annahmen schlechter Theologie und schlechter Wissenschaft. Nämlich sie schauten zu, wie Zirkuskünstler über ein an zwei Pfählen aufgespanntes Seil balancierten, abenteuerlich ungeschützt in 6, 8 Metern Höhe, und sich an etwas festhielten, was sie selber trugen. Und damit war das Geheimnis aller dieser Überlegungen geklärt: Wir können nur von dem in Verbindlichkeit und Festigkeit geführt werden, was wir selber tragen. Das ist der Grundsatz der Theologie, der Philosophie, der Wissenschaften. Wir halten uns wie die Seiltänzer, die saltimbocas, an dem fest, was wir selber tragen. Die Balancierstange ist das einzige, was einem Seiltänzer Stabilität gibt und ihm tatsächlich ermöglicht, über den Abgründen eines ganz unwahrscheinlich feinen Seiles nicht abzustürzen. Das ist das Bild. Alle Antizipationen führen eigentlich zu einem solchen Bild, weswegen die bildenden Künstler für die Darstellung dieser Widerlegung des hermeneutischen Zirkels so bedeutsam sind. Hermeneutischer Zirkel heißt, man erklärt etwas unter Indienstnahme dessen, was vorausgesetzt wird, um die Erklärung überhaupt starten zu können. Es ist tatsächlich möglich, dem zu entgehen. Wir alle balancieren im Leben stabil, als würden wir wie Puppen an Schnüren geführt, anhand der Stabilität, die wir uns selber geben durch das, was wir tragen. Und das Entscheidende, das wir tragen, ist der Gedanke unserer Sterblichkeit, der Gedanke unserer zukünftigen Zugehörigkeit zum Reich der Toten, zur bedeutendsten und größten Formation alles Lebendigen.

Und jetzt gehen wir, dem Lichtstrahl folgend, uns orientieren. Das Modell heißt Aussaat. Eigentlich ist es so, dass alle, die einen Friedhof im Bewusstsein ihrer eigenen zukünftigen Zugehörigkeit zum Reich der Toten betreten, wie die alten Sämänner sich eine Wanne vor den Bauch halten müssten, um diese Geste des Aussäens zu vollziehen. Sie können sich erinnern, wie das früher dargestellt wurde. „Der Sämann“, das gilt heute als präfaschistisch oder protofaschistisch, aber darum geht es. Wenn wir da eingebracht werden, ist die vernünftigste Art der Begründung die, dass wir wissen, wir werden ausgesät, das Saatkorn ist ja das, was sich dann zu einem neuen Gebilde entwickelt. Die Toten sind die fruchtbarste Formation des Lebendigen. Die ganze Wissenschaft, die ganze Literatur, alle Kunst beschäftigt sich in der Produktivität ausschließlich mit dem Gespräch unter Toten. Der Wettkampf unter den Toten, die Überbietungsstrategien, die dort entwickelt werden, sind geradezu wunderbar, weil sie ja nicht mehr ausarten können in das übliche Massaker, das unter den Lebenden noch die Peinlichkeit der Arroganz des Überlegenheitsschematismus ausbildet. Wir können uns in dieser Hinsicht selber entfalten, wenn Sie sich klar machen, dass Sie von jetzt ab, wenn Sie über Friedhöfe gehen, das Gespräch mit der Gesellschaft der Toten aufnehmen, dann zu Ihrem Bücherschrank gehen, ins Museum gehen, zu all den Arealen, in denen die Toten sich organisieren und mit Ihnen sprechen, dann auch als Ästhetiker, Kunstgeschichtler, Historiker, Methodiker zu sprechen lernen, vor allem aber als Theologen und Philosophen, und dann dem Gedanken nahe treten, dass Ihr Bewusstsein davon, ein zukünftiger Angehöriger dieses größten Weltreichs aller Weltreiche zu sein, der größten Nation, mit Ausnahme dieser 8 Milliarden, die jetzt zufällig für ungefähr 60 Jahre die Weltgeschichte bestimmen, aber dann die Balance wieder herstellen werden, dass man unter diesem Gesichtspunkt befähigt wird, sich gegen alle Fährnisse der Abgründe, gegen alle Haltlosigkeiten zu bewahren, indem man Haltung annimmt. Und Haltung heißt nichts anderes, das kommt aus der militärischen Formation, wie der Begriff Information auch, als Halt zu gewinnen durch das, was man selber trägt. Und das ist der Gedanke der eigenen Sterblichkeit.

Ist das genug gepredigt? Jetzt gehen wir auf dem Lichtstrahl der Erleuchtung an das Grab. Danke.