Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 292 im Original

III.10 Leben auf Kredit

Text

Dennoch, es gibt Möglichkeiten, probeweise Einfluß auf die Zeit der eigenen Abwesenheit zu nehmen. Wenn man verreist, kann man indirekte Beobachtungen darüber anbringen, was geschieht, während man unterwegs ist; bekanntlich tanzen dann die Mäuse auf dem Tisch, die Kinder machen, was sie wollen oder die Wohnung wird ausgeraubt.

Wir müssen lernen, daß die Zukunft überhaupt nicht vor uns liegt, daß wir sie vielmehr als eine in der Gegenwart sich realisierende und bewährende Annahme begreifen. Es gilt also, das jetzige Leben vollständig unter der Annahme möglicher Alternativen zu verstehen. Man denke nur an die Entwicklungen an der Börse. Die Börsianer reagieren heute auf die Annahme über Entwicklungen, die morgen oder übermorgen stattfinden sollen; für sie sind Zukunftsannahmen real wirksam. Auch der Unternehmer will in fünf Jahren etwas erreichen und nimmt einen Kredit auf, der ihm hilft, die Zukunft in der Gegenwart zu verwirklichen. (8)

Das Kreditwesen ist eine der genialsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Seit dem 14. Jahrhundert unterstützen Kredite einen Handel, der seine Resultate antizipiert. Hat man die Verkaufsergebnisse richtig vorhergesagt und binnen fünf Jahren einen bestimmten Gewinn erzielt, so hat sich die Zukunft mit Hilfe dieses Kredits realisiert. Dieses Verständnis ist grundlegend für die westliche Moderne: Vergangenheiten und Zukünfte haben nur dann Realität, wenn sie sich innerhalb der Dimension der Gegenwart als aktuelle Wirkfaktoren ins Spiel bringen lassen.

Für den Zukunftsüberschuß der Kulturen werden großartige Institutionen geschaffen, wie Museen und Archive. Solche Containments vergegenwärtigen die Vergangenheiten aller möglichen Kulturen. Die alten Griechen, Römer oder Ägypter, die Mykener oder die Bewohner des Zweistromlandes können in Museen jederzeit aufgesucht werden. Wir brauchen nur ins entsprechende Museum zu gehen und schon wird die Gegenwart des Vergangenen sichtbar. Möchte man etwas über die Zukunft erfahren, so sieht man sich die vergegenwärtigte Vergangenheit an. Denn alle Gegenwart ist vormalige Zukunft, auf die die Gesellschaften vor uns zugesteuert sind. Für die Menschen um 1500 war 1600 die Zukunft. Und für die Menschen von 1648/49 ist 1600 Vergangenheit, allerdings mit ungeheuer gegenwärtigen Wirkungen als Resultaten des Dreißigjährigen Kriegs.

Geschichtsbewußtsein und biographische Evidenz folgen den gleichen Regeln. Ausschlaggebend dafür, wie man gegenwärtig lebt, ist die Frage, auf welche Weise man seine eigene Vergangenheit, seine Biographie, präsent hält. Das Gegenwärtig-Halten ist wiederum an bestimmte Zukunftsannahmen gebunden. Je nach Selbstverständnis erwartet man etwa den Triumph des Humanismus, den Untergang des Abendlandes oder die Seligkeit des ewigen Lebens.

Anmerkungen

(8) Angebote des Kapitalismus, die der kleine Mann nicht ablehnen kann: Die Ethik des Kapitalismus ist evident als überproportionale Förderung der Vielen mit dem wenigen Geld. Denn wer bei Ikea einen echten Teppich aus Ostasien für 148 Euro erwirbt, erhält einen erheblich höheren Warenwert für sein Geld, als etwa die auf Luxus, nämlich Verschwendung, angewiesene Oberschicht, die für das reine Prestige das Mehrfache des eigentlichen Warenwertes zu zahlen hat. In der Mittelschicht ist das Preis-Leistungs-Verhältnis bestenfalls ausgeglichen. Besser ist es, in der Unterschicht zu verbleiben, wo man mehr erhält, als man bezahlt. Besonders bedauernswert erscheinen den Mitgliedern der Hartz IV-Gesellschaft die Leiden der Reichen, über die sie von entsprechenden Magazinen wöchentlich aufgeklärt werden. Wie furchtbar muß es sein, ständig bei guter Laune trotz des Bewußtseins zu bleiben, daß man um zwei Drittel des Warenwertes betrogen werde, gleichsam als Sondersteuer für Reiche, von denen man erwartet, daß sie ihr Vermögen zum größten Teil ostentativ verschwenden, wo alle anderen sehr genau darauf sehen, daß sie erhalten, was sie bezahlen, oder besser noch mehr erhalten, was als Stillhaltebonus der armen Massen gegenüber der Macht mehr als gerechtfertigt ist.